Wir müssen über Israel und Palästina sprechen!
Am 6. August fand der Vortrag »Trialog: Wie wir über Israel und Palästina sprechen« im Moritzsaal statt.
Im Rahmen des hohen Friedensfestes Augsburg und der derzeitigen Sonderausstellung »Frieden« im jüdischen Museum Augsburg waren Shai Hoffmann, ein deutscher Jude mit israelischen Wurzeln, und Jouanna Hassoun, eine Deutsch-Palästinenserin, an diesem Abend zu Gast.
Jouanna Hassoun ist Menschenrechtsaktivistin. Aufgrund des Bürgerkriegs im Libanon musste sie mit dem Nah-Ost-Konflikt aufwachsen, bis sie schließlich nach Deutschland floh. In ihrer Biografie sagt Hassoun über sich selbst: »Umso wichtiger ist es für mich politisch und sachlich aufzuklären und Menschen unterschiedlicher Herkunft anhand ihrer Gemeinsamkeiten zusammenzubringen«. Neben der Mitbegründung des Bildungsvereins »Transaidency« und der Auszeichnung des Landesverdienstordens von Berlin, rief sie zusammen mit Shai Hoffmann das Projekt »Trialog: Wie wir über Israel und Palästina sprechen« ins Leben.
Shai Hoffmann ist ebenso politisch engagiert und setzt sich unter anderem groß dafür ein, den Israel-Palästina-Konflikt in Deutschland zu enttabuisieren. Er spricht in seinem Podcast »über Israel und Palästina sprechen« darüber und ist auf Instagram sehr aktiv. Neben seinen verschiedensten Projekten wie »Bus der Begegnungen« ist er außerdem Gründer der »Gesellschaft im Wandel gGmbH«.
»Wut kann brandgefährlich werden«
Mit Hassouns und Hoffmanns gemeinsamen »Trialog« - Projekt machten sich die beiden zur Aufgabe, aktiv Gesprächsraum zu schaffen: »Der Israel- Palästina- Konflikt darf nicht totgeschwiegen werden! Die Wut ist da und wenn man ihr keinen Raum gibt, kann sie brandgefährlich werden«.
Als Zielgruppe haben sie sich vor allem Jugendliche gesetzt. Deshalb besuchen Shai Hoffmann und Jouanna Hassoun Schulklassen, lesen aus ihrem Buch, das sie gemeinsam mit Maike Harel geschrieben hatten und öffnen zusammen mit den Schüler*innen den sogenannten »Braver Space«. Darin gelten simple Regeln: alle Meinungen, auch kontroverse, sind willkommen, solange ein gegenseitiger Respekt erhalten bleibt. Diese Regelung galt auch am Abend des 6. August im Moritzsaal, obwohl der Altersdurchschnitt eher in Richtung 60 ging, es war genauso wichtig.
Trotz der schweren Thematik lockerten Hoffmann und Hassoun anfangs die Stimmung im Moritzsaal etwas auf, führten Smalltalk mit dem Publikum und sorgten für ein Gefühl von Miteinander. Trotzdem vermerkte Shai Hoffmann auf »die Welt da draußen, die zusammenzufallen droht«, auch der volle Moritzsaal verdeutlichte, wie bedeutend dieser Konflikt ist.
Vor allem soll es auch um die Auswirkungen auf Deutschland gehen. Die Folgen sorgen für eine starke Polarisierung in unserer Gesellschaft. Antimuslimischer Rassismus und Antisemitismus werden immer salonfähiger. Das »Trialog«- Projekt will genau dort ansetzen. Zwischen Lesungen einzelner Kapitel aus dem Buch »Trialog: Wie wir über Israel und Palästina sprechen« schafften Hassoun und Hoffmann immer wieder Raum für Anmerkungen und Fragen.
»Es herrscht ein kollektives Trauma«
Der Dreh- und Angelpunkt des Abends und auch des Buches selbst führte wiederholt auf die Eskalation am 7. Oktober 2023 und dem Zusammenhang mit der Nakba zurück. Der Begriff Nakba (arabisch für »Katastrophe«) bezeichnet historisch die Flucht und Vertreibung von rund 750.000 Palästinenser*innen im Zuge der Staatsgründung Israels. Der Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 mit rund 1.200 Toten in Israel und dem darauffolgenden Krieg im Gazastreifen wird von vielen Palästinenser*innen und Beobachter*innen seither als eine neue, fortwirkende Dimension oder Wiederholung dieser massiven Vertreibungserfahrung (»andauernde Nakba«) wahrgenommen.
Man könnte sagen, es herrscht ein kollektives Trauma: Während der 7. Oktober für Israelis ein tiefes Trauma und eine existenzielle Bedrohung darstellt, sehen Palästinenser*innen das Gaza-Leid als historische Linie, die an die Vertreibungen von damals anknüpft.
Jouanna Hassoun und Shai Hoffmann beweisen, auch durch ihre Zusammenarbeit, dass ein Miteinander und eine Freundschaft zwischen Palästinänser*innen und israelischen Juden möglich ist. »Es ist wichtig das gegenseitige Leid des anderen wahrzunehmen, es herrschte eine Entmenschlichung von beiden Seiten. Beide Geschichten sind geprägt von Gewalt, Vertreibung und Identitätssuche«.
Hoffmann und Hassoun spiegelten dies in ihrer Lesung wieder, als Shai Hoffmann über die Nakba vorlas und Jouanna Hassoun dagegen über den Holocaust – Damit setzten sie ein Symbol des gegenseitigen Verständnisses, sie drehten ihre »Schicksale« um.
»Generation TikTok«
Im Gespräch wurde außerdem wiederholt auf die Gefahren von Social Media plädiert. Durch ihr Projekt an Schulen machen Hassoun und Hoffmann häufig die Erfahrung, dass die Polarisierung und Radikalisierung durch soziale Medien stark und schnell voranschreitet. Auch auf die Gefahr von »Deep Fakes« wurde eingegangen. Hassoun: »einmal gestreut, ist es nicht mehr aus den Köpfen zurückzuholen. Der Algorithmus ist schneller als jedes Gesprächsangebot«.
Jouanna Hassoun und Shai Hoffmann unterstützen mit ihren vielen Projekten den möglicherweise einzigen Lösungsansatz gegen eine starke Spaltung der Gesellschaft: Das Gespräch auf einer Augenhöhe suchen, beide höchsttraumatisierten Seiten verstehen und der Versuch, ein Miteinander zu schaffen.
Shai Hoffmann startete außerdem die Petition »#SicherheitbrauchtRecht – Appell eines deutschen Juden«. Sie beinhaltet sechs Forderungen an Friedrich Merz sowie an den Außenminister Johann Wadephul. Alle Informationen dazu auf Instagram.