Staatstheaterneubau, noch Fragen?

Der Neubau des Staatstheaters Augsburg (STA) wird seit Jahren kontrovers diskutiert. Ende Mai präsentierte die Stadt, nach monatelangem Zögern, im Rahmen einer Informationsveranstaltung den aktuellen Planungsstand und lieferte neue Zahlen, u.a. zu Baukosten und Fertigstellungsterminen des Staatstheaterneubaus (STAN). Der neue Sachstand gibt Anlass zu weiteren Fragen rund um das umstrittene Projekt. Die a3kultur-Redaktion erarbeitete aus diesem Grund, in Kooperation mit zahlreichen Kulturschaffenden, einen Fragenkatalog mit den Kapiteln: Der Prozess – Das Projekt – Die Finanzen – Die Folgen. Auf diese Fragen wollen wir gemeinsam Antworten finden.

Am 2. August trafen sich im Augustanasaal im Rahmen einer Ständigen Konferenz* zahlreiche Vertreter*innen aus den unterschiedlichsten Kulturbereichen, um die ersten Antworten auf ihre Fragen zu erhalten. Hauptgesprächspartner für Jürgen Kannler und Marion Buk-Kluger war an diesem heißen Sommerabend Jürgen Enninger. Er ist seit bald zwei Jahren u.a. Kulturreferent in Augsburg und in dieser Funktion Bauherr des STANs.   

Der Mitschnitt des Abends ist auf den Seiten www.a3kultur.de und www.ständige-konferenz.de hinterlegt. Unser QR-Code führt direkt zum Dokument. Die (Zeitangaben) im folgenden Antwortprotokoll erleichtern die Suche in dieser Audio-Datei. Darüberhinaus bietet das Dokument relevante Links und Downloads zum Thema u.a. vom Bund Deutscher Architekten (BDA), der Fachhochschule Augsburg, der Initiative Theaterviertel Jetzt, Landestheater Linz …  Diese Links und Downloads sind im folgendem Text mit einem > gekennzeichnet.
 

 

Der Prozess

• Wie verteilt sich die Verantwortung für Bau, Konzept, Kommunikation zwischen Staatstheater, Stadt, Staat und welche Rolle hat dabei die so genannte Expert*innen-Kommission?
Theaterviertel-Augsburg.de: Die Stadt Augsburg ist der Auftraggeber, das Referat 5 (u.a. Kultur) der Bauherr, der in dieser Funktion die Koordination des Gesamtprojektes leitet. Die baufachliche Projektleitung liegt beim Referat 6 (Stadtentwicklung, Planen, Bauen). Die Kommunikation ist ein gemeinsames Projekt der Stadt Augsburg und des STA. Das OB-Referat trägt die redaktionelle Verantwortung.

Jürgen Enninger: Zudem trifft sich 14-tägig eine Expert*innenkommission aus den Referaten 5 und 6 zum Jour fixe mit Vertreter*innen des STA. (Min.: 12:20) In dieser Runde wird Tacheles geredet. (Min.: 59:00)

• Controlling, Transparenz, Kommunikation – in der Praxis gescheitert?
Jürgen Enninger: Gar nichts ist gescheitert – weder in der Kommunikation noch im Controlling. Was wir im Mai präsentiert haben ist ein großer Erfolg! Das Stillhalten davor war der bevorstehenden Beschlusslage gefordert. Die Frage nach der Kommunikation ist erst aufgetaucht als wir den Beschluss angekündigt hatten. (Min.: 4:00)

a3kultur-Recherche: Mitglieder der Expert*innenkommission sehen das anders. So fordert STA-Intendant André Bücker, in dem von ihm mit initiierten »Manifest Theaterquartier Jetzt« unter Punkt 8: »Eine transparente und kontinuierliche Kommunikation der Gesamtmaßnahme für alle Bürger*innen über die kommenden Jahre, so wie unter www.theaterviertel-augsburg.de schon einmal begonnen« > Doku-1

• Ist ein Ausstieg aus dem laufenden Bauprozess möglich?
a3kultur-Recherche: Ein Ausstieg aus laufenden Projekten ist möglich und gehört zur politischen Alltagskultur, sofern der Kurswechsel demokratisch legitimiert ist und auf eine politische Mehrheit bauen kann. Selbst der Bayerische Ministerpräsident Markus Söder stellt in einem Interview mit der SZ Großprojekte gegenwärtig generell in Frage. Über die Konsequenzen eines Ausstiegs beim STAN in seiner jetzigen Form gehen die Einschätzungen weit auseinander.

• Ist die Parteinahme des STA für das wohl privat zu nennende »Manifest Theaterviertel Jetzt« mit den Compliance-Regeln der Stiftung Staatstheater vereinbar?
Jürgen Enninger: Auf den ersten Blick sehe ich kein Problem. (Min.: 13:30)

• In welchen Punkten weicht die aktuelle Planung von der Ergebnisdokumentation des Beteiligungsprozess »Zukunft der Theaterlandschaft Augsburg« von 2016 ab? Siehe Abb. 1 > Doku-2

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Jürgen Enninger: Die wesentlichen Aspekte sehe ich durchaus als gegeben und nicht im Konflikt mit der aktuellen Darstellung. (Min.: 20:00)

 

Das Projekt

• Existieren bereits Vorarbeiten oder Entwürfe zur Gestaltung des Theaterquartiers?
a3kultur-Recherche: 2016 wurde ein 166 Seiten starker Katalog vom Architekturmuseum und der HS Augsburg unter dem Titel »Bühne zur Stadt Theaterquartier Augsburg. Masterarbeiten der Hochschule Augsburg« herausgegeben. Verantwortlich waren: Prof. M. Arch. Ka­tinka Temme, Dipl.-Ing. Walter Bachhuber, Dipl.-Des. Andrea Döring. > Doku-3
Im selbem Jahr veröffentlichte auch der BDA eine Dokumentation unter dem Titel »Architekturwerkstatt. Kulturquartier Stadttheater Augsburg« zum Thema. > Doku-4

Roman Adrianovic, (Vorsitzender BDA Kreisverband Augsburg): 2016 hat der BDA eine Architektur-Werkstatt zum Thema Theaterquartier ausgerichtet und sich für einen Architektur-Wettbewerb beim STAN ausgesprochen. Zu Gast waren sieben Expert*innen aus Deutschland und Österreich. (Min.: 33.30)

• Der Architektenentwurf – Qualität und Bedeutung ohne Wettbewerb?
Roman Adrianovic: Der BDA empfiehlt als erste Wahl einen Architektur-Wettbewerb. Ziel ist es dabei, gemeinsam mit Fachleuten und Fachpreisrichter*innen den besten Weg zum Projekt zu ermitteln. Der zweitbeste Weg ist ein VgV-Verfahren, wie es auch beim STA zum Zuge kam. Das ist absolut legitim. VgV hat keine rein architektonische Lösung im Fokus. Dieser liegt eher auf der Kompetenzfrage. (Min.: 34:10)

• 3. Raum – wo findet der beim Staatstheaterneubau statt? Siehe Abb. 2
STAN-Abb-2

Jürgen Enninger: Im Bauteil 2+3 sowie dazwischen. (Min.: 25:30)

• Ist Kunst am Bau geplant?
Jürgen Enninger: Kunst am Bau ist als Impulsgeber für Künstler wichtig. Kunst am Bau wird es auch beim STAN in den Innenräumen geben. Es gibt dafür noch keine Ausschreibung. (Min.: 42.30)

• Gibt es ein Nachhaltigkeitskonzept?
Jürgen Enninger: Ja, wir haben aber auch den Abriss eng begleitet und Entsorgungsprotokolle angefertigt. (Min. 43:30)

a3kultur-Recherche: Nobert Stamm (Büro für Nachhaltigkeit) lieferte uns im Rahmen der Veranstaltung einen Datenstick auf dem sich folgende Dokumente befinden: »Beschlussvorlage Nachhaltigkeitseinschätzung« und »Beschlussvorlage Generalsanierung und Neubau Staatstheater Augsburg«. > Doku-5 + Doku-6

• 3. Spielstätte – für wen, wohin, wer zahlt?
Korbinian Grabmeier (Vorsitzender Kulturbeirat Augsburg): Eine 3. Spielstätte ist im Bauteil 2 vorgesehen. Etwa an der Stelle, wo sich früher der Hoffmannkeller befand. Allerdings plant die Stadt derzeit nur einen leeren Raum. Die Ausstattung der 3. Spielstätte ist Aufgabe des STA. Das könnte man als faulen Kompromiss bezeichnen. (Min.: 47:00)

• Zu welchen Bedingungen sollte die Vergabe der neuen Spielstätten an Kultureinrichtungen abseits des STAs erfolgen?
Korbinian Grabmeier: Die Basis für ein erfolgreiches Andocken freier und privater Theater, sowie anderer Projekte aus den Szenen ist durch die Vernetzungsstelle im STA (Plan A) gegeben. Was bisher noch fehlt, ist ein belastbarer Dispoplan. Die Abläufe im STA sind meist viel langfristiger geplant als die Projekte aus den freien Szenen, sofern diese für die Nutzung einer Spielstätte im STA überhaupt in Frage kommen. Längst nicht alle freien Theater sind an dieser Art der Kooperation interessiert. Für alle anderen Fälle müsste das STA blanko Kapazitäten in den Spielstätten ausweisen. Interessierte sollten nie das Gefühl haben, als Bittsteller*innen auftreten zu müssen. (Min.: 47:00)   

 

Die Finanzen

• Wie fällt die Analyse der bisherigen Kosten im Zeitverlauf 2009–2022 aus? Siehe Abb. 3
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• Wer ist für die letzten Kostensteigerungen verantwortlich?
Jürgen Enninger: Beim Bauteil 2 in erster Linie der Baupreisindex – dazu können 2024 genauere Berechnungen vorgelegt werden. Beim Bauteil 1 ist der Grund für Mehrkosten die Kündigung und damit verbundenen Neuausschreibung des Tragwerkplaners. (Min.: 57:00) > Doku-7

• Laut Terminplan vom März 22 gibt es beim Bauteil 1 eine reine Bauverzögerung von 5,75 Jahren (Kostensteigerung ca. 30 %). Beim Bauteil 2 von fast 4 Jahren (Kostensteigerung ca. 20 %). Wie kam es dazu und wer hat die Verantwortung?
Jürgen Enninger: Diese Zahlen können gegenwärtig nicht nachvollzogen werden. (Min.: 1:02)

• Gibt es weitere versteckte Projektkosten für den STAN wie z.B. Theaterviertel, Freilichtbühne?
Jürgen Enninger: Der Sanierungsbedarf bei der Freilichtbühne ist bekannt. Die Renovierung ist allerdings Aufgabe der Stadt. Für das Theaterquartier sind derzeit keine Mittel eingestellt. Diese müssten aus dem Etat Stadtplanung kommen. (Min.: 1:03)

• Wie hoch sind die Belastungen für die Bürger*innen für Theaterbetrieb und Neubau pro Jahr nach aktuellem Stand?
a3kultur-Recherche: Die Kosten für den STAN liegen derzeit jährlich bei rund 40 Millionen Euro. (Min.: 1:06) Siehe Abb. 4
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• Wie verhält es sich mit der Spendenbereitschaft der Bürger*innen?
a3kultur-Recherche: Seit 2009 sind Spenden in Höhe von gut 55.000 Euro für den STAN eingegangen. (Min.: 1:08) > Doku-8

 

Die Folgen

• Was bedeutet die Verteuerung des STA Baus für die Etatsicherheit und Finanzierungsmöglichkeit für laufende und zukünftige Projekte, Kulturorte und die Künstler*innen unserer Stadt und wie wird sich der Kulturetat in den kommenden Jahren entwickeln?
Jürgen Enninger: Der Augsburger Kulturetat ist sicher. Seit ich vor zwei Jahren das K5 übernommen habe, gab es stätig zusätzliche Budgets. Der STAN ist Beweis für die Potenz von Augsburg. Wir werden kein STA bauen und dabei die anderen Bereiche der Kultur aus dem Blick verlieren. (Min.: 1:12) Siehe Abb. 5

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• Zahlreiche Kulturprojekte vom Römischen Museum bis zur Freilichtbühne stehen in Augsburg auch aus finanziellen Gründen in der Warteschleife. Was tun?
Jürgen Enninger: Bei den genannten Projekten ändert sich oft nur die Reihenfolge bei der Umsetzung. Die Stadt tut das eine ohne das andere zu lassen. Wenn wir nun aufhören würden am STA zu bauen, verlieren wir die Handlungsfähigkeit für zukünftige Projekte. (Min.: 1:38)

 

 

Weitere Wortmeldungen

Nach rund 75 Minuten war der Fragenkatalog, soweit möglich, abgearbeitet. Nun schloss sich eine Reihe von Wortmeldungen aus dem Publikum an. Mehrfach wurde dabei die nicht absehbare Kostenspirale beim STAN thematisiert und das lückenhafte Projekt-Controlling heftig kritisiert. Ein Besucher mit Landtagserfahrung erinnerte daraufhin in einem leidenschaftlichen Beitrag an die Bedeutung des STAN für die Stadt und verwies darauf, dass die zugesagten Mittel vom Freistaat zweckgebunden seien. Ein weiteres Schwerpunkthema der Aussprache war die Form der zukünftigen Nutzungsmöglichkeiten der STA Bühnen für externe Kulturmacher*innen, die Chancen von en suite-Aufführungen für eine wirtschaftliche Aufführungspraxis, sowie die Preispolitik des STAs und dessen Subventionierung durch die öffentliche Hand. Mehrfach wurden Fragen nach Ticketförderung, vor allem für die ärmeren Teile der Bevölkerung laut. Mehrfach gab es auch Verweise auf Punkte im Ergebnisprotokoll des Beteiligungsprozesses Theaterlandschaft, die in der gegenwärtigen STAN-Planung  und im Arbeitsalltag des STA keine Rolle spielen. (Min.: 1.17)      

 

Links

> Doku-0-Audiomitschnitt
> Doku-1-Manifest-Theaterviertel Jetzt
> Doku-2-Ergebnisdokumentation-Theater-2016
> Doku-3-Bühne zur Stadt Theaterquartier Augsburg
> Doku-4-BDA_Architekturwerkstatt_Kulturquartier Stadttheater Augsburg
> Doku-5-BSV 22-07479 Generalsanierung und Neubau Staatstheater Augsburg
> Doku-6-BSV 22-07479 Anlage9_Nachhaltigkeitseinschaetzung
> Doku-7-Bauteil 1
> Doku-8-https://staatstheater-augsburg.de/stiftung
> Doku-9-Kulturbaustellen