Über die verlorene Ehre und Medienkritik
Das Staatstheater bringt mit Heinrich Bölls Erzählung »Die verlorene Ehre der Katharina Blum« eine überragende Produktion und fundierte Kritik an medialer Hetze auf die Brechtbühne.
Mit der Polonaise startet die Brechtbühne in die neue Spielzeit. Es ist die verhängnisvolle Karnevalsfeier jener Nacht, auf der die junge Hauswirtschafterin Katharina Blum den gesuchten und des Terrorismus verdächtigten Ludwig Götten kennenlernt. Infolgedessen wird die junge Blum zum Ziel der Ermittlungsbehörden, welche auf der verbissenen Suche nach Götten und ihrer angeblichen Komplizenschaft ihr Leben bis aufs Intimste zerfleddern und dabei nicht unwissentlich auf die Hilfe des Boulevardjournalismus setzen, welcher »ganz andere Möglichkeiten« habe.
Eindringlich zeigt die Inszenierung von Tom Kühnel, welcher in Augsburg zuletzt von 2020 bis 2022 das Brechtfestival durch die Pandemie leitete, wie die von allen Seiten angefeindete Blum unter den Verdächtigungen und Falschbehauptungen zur Katastrophe getrieben wird. Durch die Bank ist auf dieser Spurensuche zum späteren Mordmotiv die herausragende schauspielerische Leistung aller Darstellenden hervorzuheben, die das Publikum mit ihrer Verkörperung der Rollen bei den sich überschlagenden Fakten am Ball halten. Insbesondere dann, wenn diese in Einspielungen, etwa Interviewschnipseln Heinrich Bölls zu seinem Stück, kurzzeitig in andere Sprechrollen schlüpfen.
Requisite, Bühnenbild und Kostüm/Maske ergänzen sich fruchtbar in einem fein abgestimmten Dreiklang. Die detailreiche, aber nicht überbordende Requisite bebildert das Bühnenbild von Thomas Rump authentisch. Dabei schafft es die Inszenierung, die einer medialen und kriminalistischen Hexenjagd gleichende Konstellation auf der Brechtbühne eindringlich darzustellen. Etwa wenn Blum kaum das Podest verlässt, das ihre kleine Wohnung darstellt und sie in den Mittelpunkt jener Hetzjagd stellt, an deren Ende die junge Frau zur Mörderin wird. Umrahmt wird die Inszenierung durch Musik und Live-Musik (Stefan Leibold).
Freilich sind die Parallelen zur Gegenwart unverkennbar, wenn es um mediale Hetze und maximale Polarisierung im Kampf um die Wahrheit geht. Bölls Erzählung ist vielfach auch Kritik am Boulevardjournalismus seiner Zeit, an dessen Formulierungen sich nichts Grundlegendes geändert hat. Vielmehr kommen zu »der Zeitung« private Kommentatoren in den sozialen Medien hinzu, aus der analogen Belästigung durch Briefe, die Blum tagtäglich erhält, wird der mediale Shitstorm. Auch die von Blum in den Raum gestellte Frage, ob der Staat denn nichts tun könne, um sie zu schützen, ist immer wieder Teil der Debatte um Hass im Netz.
Die Inszenierung von Tom Kühnel trifft einen von vielen Nerven unserer Zeit, bringt Bölls Erzählung gekonnt auf die Bühne und kontextualisiert sie mit den eingestreuten Aussagen Bölls zu seiner gesellschaftspolitischen Kritik jener Zeit.
Weitere Informationen unter: www.staatstheater-augsburg.de