Inspiration finden wir überall
Ein Interview mit Johnny Talbot. Gemeinsam mit seinem Partner Adrian Runhof, definiert er seit den 90er Jahren von München aus die Themen Edel und Schick neu.
Mit Celebrating Fashion zeigt das tim die erste museale Retrospektive zur Couture von Talbot Runhof. Die Schau beleuchtet ihre kreativen Quellen, ihre unverwechselbare Designsprache und die besondere Rolle, die ihre Mode in der internationalen Fashionlandschaft spielt. Jürgen Kannler sprach mit Johnny Talbot, der gemeinsam mit seinem Partner Adrian Runhof, seit den 90er Jahren von München aus die Themen Edel und Schick neu definiert – natürlich im tim. Dem Bayerischen Textil- und Industriemuseum überließen die Modemacher gerade eine unglaubliche Auswahl ihrer nicht nur auf den Laufstegen in Paris und Mailand gefeierten Kollektionen. Die Ausstellung läuft noch bis zum 25. Oktober.
a3kultur: Gibt es ein Kleidungsstück aus Ihrer Jugend, an das Sie sich besonders gerne erinnern?
Johnny Talbot: Ja, ich habe so einen »Leisure Suit«. Das war kein edler Anzug, eher ein Hemd und eine passende Hose dazu, in grünem Kord.
Waren Sie jemals Teil einer Jugendbewegung, die sich durch modische Codes definiert hat?
Ich war ein Pfadfinder, wenn das zählt. Da trägt man Uniform. Und Abzeichen.
Sie sind in Nashville aufgewachsen. Wie muss man sich die Nachbarschaft vorstellen, in der Sie gelebt haben?
Klassisch American Suburban Camp. Wir haben schon schön gelebt, ich bin am See aufgewachsen.
In Ihrer Publikation zur Ausstellung gibt’s einen Beitrag, der übertitelt ist mit »Where Style Makes a Statement«. Gibt es überhaupt ein Kleidungsstück, das kein Statement sendet?
Du sendest mit deiner Kleidung immer ein Statement, auch wenn du kein Statement senden willst. Es muss jedoch nicht unbedingt plakativ sein.
Zu Ihrer Karriere in der Modebranche. Sie haben Adrian Runhof in den 90er Jahren in München kennengelernt. Dort haben Sie für Radio Free Europe gearbeitet, vorher für die NASA. Beides hochpolitisch beladene Einrichtungen der US-Regierung. Wie war denn die Stimmung in dieser Arbeitswelt zum Ende des Kalten Kriegs?
Ich bin 1989 zu Radio Free Europe nach München gekommen. Wir waren dort vielleicht zehn Prozent Amerikaner. Die meisten Kolleg*innen waren aus Lettland und Litauen, der Sowjetunion, Ostdeutschland oder Polen und Ungarn. Wir waren auf verschiedene Abteilungen verteilt und haben in 26 Sprachen gesendet. Wenige Jahre später gab es den Ostblock nicht mehr. Keine DDR und keine Sowjetunion.
Sie kamen kurz vor dem Mauerfall nach Deutschland.
Ja, das war wirklich die aufregendste Zeit überhaupt, um für RFE zu arbeiten. Es war unglaublich toll, das alles live zu erleben.
Jobs bei Radio Free Europe, NASA … können Sie eigentlich Geheimnisse gut für sich behalten?
Das darf ich nicht verraten. Ich hatte schon eine Top-Secret-Security-Experience. Zwar nicht für RFE, aber für die anderen Jobs in Washington. Da sind Leute zu meiner Familie, Freunden und Lehrern gekommen und haben tausend Fragen zu meiner Person gestellt.
Sie sind Ende der 80er direkt in München gelandet. Das schwule München dieser Jahre wird heute noch gefeiert. Wie haben Sie die Stimmung empfunden?
Ich fand es absolut sensationell. Sendlinger Tor, Glockenbachviertel, das war eigentlich wie eine Party. Da war ich frei. Ich komme aus einer Familie mit einem sehr religiösen Hintergrund.
Hatten Sie Ihre erste Boutique auch im Gärtnerplatzviertel?
Nein, unsere erste Boutique war in der Nähe, in der Hildegardstraße, in direkter Nachbarschaft zur Maximilianstraße. Wir waren gerade eingezogen, da begann der erste Golfkrieg. Die Stimmung der Menschen war nicht nach Party und Mode. Für Messen in Mailand und Paris hatten wir unser gesamtes Geld ausgegeben. Wir hatten den Laden eröffnet und gedacht, wir hängen da jetzt alles rein, was wir bisher gemacht hatten, und verkaufen so lange unsere Kleider direkt, bis wieder Geld in der Kasse ist. Dann machen wir den Laden wieder zu. Ja, Pustekuchen, wir sind noch heute da.
Maximilianstraße München. Exklusiver geht es in Deutschland kaum. Wie viel Einfluss hat denn so eine Nachbarschaft auf das kreative Schaffen?
Was die Inspiration angeht, wahrscheinlich weniger. Die kriegen wir überall. Für uns war diese Nachbarschaft zur Maximilianstraße aber wichtig, um wahrgenommen zu werden. Der Laden ist nicht nur schön, sondern auch eine super Location. Die Leute haben tatsächlich geglaubt, wir sind schon ewig da, und haben uns deshalb vertraut. Auch diesem jungen Amerikaner, der kaum Deutsch spricht, aber eine Anzahlung von 50 Prozent für das Kleid verlangt. Dass das alles so geklappt hat, haben wir wahrscheinlich auch unserer Location zu verdanken.
Ich war in Ihrer tollen Ausstellung im tim und habe festgestellt, dass ich bei vielen der gezeigten Modelle nicht die geringste Ahnung habe, wie die Materialien dafür entstehen. Viele Stoffe, aus denen Ihre Kleider geschaffen sind, wirken für sich genommen schon wie Kunststücke. Was ist denn in Ihrer Arbeit zuerst da, die Idee vom Stoff oder der Stoff selbst?
Teils, teils. Manchmal hat man eine Idee und dann geht man auf die Stoffmessen und sucht einen Stoff dafür. Manchmal umgekehrt, da hat man einen Stoff, der so eigenartig ist, dafür braucht man dann erst eine Idee. Am liebsten aber beides zusammen.
Besuchen Sie oft Kundinnen mit speziellen Vorstellungen von dem, was sie von Ihnen haben wollen?
Am Anfang war das öfter so. Damals, als unser Geschäft noch All About Eve hieß. Wir brauchten das Geld und haben fast alles gemacht, was sich die Damen wünschten. Irgendwann sind Leute aber mit Fotos von einem Chanel-Kostümchen oder so etwas gekommen. Da haben wir dann eine Grenze gezogen.
Wie entwerfen Sie Ihre Modelle?
Ich mache meine Arbeit nicht am Rechner, nicht auf Papier, sondern aus dem Kopf und aus den Fingerspitzen heraus. Wenn wir die Stoffe zusammensuchen und entscheiden, welche 50 oder 60 Positionen in unsere neue Kollektion sollen, dann kriege ich erst einmal zwei Meter von jedem Stoff. Damit fange ich an zu drapieren.
Enttäuscht Stoff zuweilen?
Ja. Oder ich muss erst mal herausfinden: Was kann der Stoff, was will der Stoff von mir? Und manchmal treffe ich dann die falsche Entscheidung. Manchmal funktioniert das Teil, von dem ich gedacht habe, dass es eine Sensation wird, einfach nicht. Dann muss ich wieder von Null anfangen.
In welcher Auflage arbeiten Sie gewöhnlich?
Wir verkaufen nicht nur in unserer Boutique, sondern auch an andere Einzelhändler. Wenn nun jemand wie das Haus Nieman Marcus ein Kleid bestellt, dann wollen die das Modell für alle ihre zwanzig Läden in den USA, und zwar drei bis vier Stück pro Shop, dann sind das gleich mal sechzig Teile. Wir fertigen das Modell natürlich auch für unseren Laden und die anderen Einzelhändler, mit denen wir zusammenarbeiten, die das Kleid auch gut finden und bestellen. Unterm Strich kann man sagen: Wenn wir ein Kleid hundertmal verkaufen, dann ist das für uns supertoll. Wir sind eine kleine, feine deutsche Firma.
Würden Sie denn nicht auch gerne Mode entwerfen, die man sich leisten kann, wenn man nicht zu den Besserverdienenden gehört oder ein Jahr darauf sparen muss?
Ich glaube, wir sind genau auf dem richtigen Gleis. Unsere Kund*innen wissen die Qualität zu schätzen. Die bekommt man eben nicht zum Discounterpreis.
Mode scheint eine ernste Sache. Die meisten Models blicken, ohne die Miene zu verziehen, vom Laufsteg. Auch das Publikum hat bei einer solchen Schau meist wenig zu lachen. Fehlt in der Modebranche der Humor?
Ja, teilweise schon.
Weil das Geschäft so hart ist?
Vielleicht nehmen sich die Leute auch ein bisschen zu wichtig. Auf den Modeschauen, die wir gemacht haben, waren wir meist nicht so ernst. Dabei haben wir auch politische Themen angesprochen, aber eben immer mit ein bisschen Humor. Das kam jedoch bei der Presse nicht immer gut an. Wir haben aber auch einige wirklich lustige Themen gehabt, wie unsere »I Love Lucy«-Kollektion über Lucille Ball. Wer macht schon eine Modeschau über ein Comedy-Icon aus den 50er Jahren? Wir haben uns nie so ernst genommen und das ist gut so.
Wie wichtig ist der Sound für Ihre Arbeit?
Unglaublich wichtig. Die Musik macht mir sehr viel Spaß. Wir hatten in Paris wirklich tolle Partner für die Musik. Ich kam mit einem Skelett von Liedern, die
ich unbedingt in der Show haben wollte, und die haben daraus dann einen Traum aus Sound zusammengestrickt. Diese Playlist höre ich immer noch gerne.
Ihre Heimatstadt Nashville steht auch für Musik. Ihr Namensvetter Johnny Cash hat dort gelebt. Mögen Sie Country Music?
Alte Country Music, ja. Patsy Cline und die frühe Dolly Parton, die finde ich zum Beispiel super. Neuere »poppy« Country Music mag ich überhaupt nicht. Johnny Cash habe ich übrigens mehrmals im Supermarkt gesehen.
Nein, wirklich?
Und meine Mutter, sie war Schneiderin, hat für June Carter, Cashs Ehefrau, genäht.
Unglaublich. Wussten Sie, dass Johnny Cash seine Karriere ebenfalls in Bayern gestartet hat? In Landsberg. Er war dort als Abhörspezialist stationiert, hat sich in der Stadt seine erste Gitarre gekauft, einige seiner frühen Hits geschrieben und dort auch seine erste Band gegründet.
Das ist ja lustig. Das wusste ich gar nicht.
Wie heißt eigentlich der kleine Hund, der Sie auch hier im Museum auf Schritt und Tritt begleitet?
Das ist Cooper. Er ist 14 Jahre alt und leider seit einiger Zeit völlig taub. Zumindest erspart er sich dadurch den Stress mit der Böllerei an Silvester.