Aggression oder Notwehr?
Mit ihrem im August erschienenen Roman »Orca« stand die Augsburger Autorin Franziska Gänsler auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2026 – Wir gratulieren! Nach »Ewig Sommer« und »Wie Inseln im Licht« ist es ihr dritter Roman. Im Gespräch mit a3kultur-Redakteurin Mira Emke sprach sie über den Entstehungsprozess und die Frage, was mit Ehrgeizigen passiert, wenn das System, in dem ihr Ehrgeiz funktioniert, zu bröckeln beginnt.
In »Orca« wird aus der Perspektive der Protagonistin Cora erzählt, die sich immer weiter in einem endlos wirkenden Doppelleben aus Lügen verstrickt. Die anfangs ehrgeizige Schülerin einer Eliteschule hat ein unglaubliches Bedürfnis nach Anerkennung. Die »rich kids« ihrer Schule nehmen sie nicht wirklich freundlich auf und sie landet durch ihre ehemalige Kindheitsfreundin Olympia in einer klimaaktivistischen Gruppierung, in der sich beide immer weiter radikalisieren, jedoch aus unterschiedlichem Antrieb. Bis es so weit eskaliert, dass Cora nach einem schrecklich missglückten Überfall als Schulabbrecherin an der Wursttheke endet.
a3kultur: Ihr neuer Roman »Orca« umfasst Themen, die, wie Sie selbst sagen, eine ganze Generation betreffen. Von Klima- und Chancengleichheit, Gewalt und Radikalisierung, Identitätssuche und Authentizität. Nicht nur thematisch, auch stilistisch haben Sie dem Buch etwas Besonderes verliehen, in dem Sie mit Zeitsprüngen arbeiten, zwischen der Gegenwart und der Geschichte, wie alles begann. Wie kann ich mir Ihren Schreibprozess vorstellen?
Franziska Gänsler: Der Aufbau war von Anfang an geplant. Die Idee war, von Beginn an von etwas Passiertem zu erzählen und gleichzeitig das Ergebnis davon zu beleuchten. Erst im Laufe der Geschichte auf das Ergebnis hinzuführen, gab Protagonistin Cora die Möglichkeit, selbst zu gestalten, worauf sie den Fokus legt. So entstand die Idee der Struktur.
Über Ihren Roman » Wie Inseln im Licht« meinten Sie, dass das Schreiben eine sehr emotionale Erfahrung für Sie war. Der jetzige Roman »Orca« hat durchaus etwas sehr Tiefgreifendes. Wie emotional war dieser Schreibprozess?
Bei »Inseln im Licht« fühlte ich eher Trauer, da ich mich in die Emotionen der Erzählerin versetzen musste – in Schuldgefühle und Trauerprozesse. Bei »Orca« war eher die Persönlichkeit von Cora die Schwierigkeit, sie ist keine Person, mit der ich gerne viel Zeit verbringen würde.
Ihre Emotionen waren also weniger herausfordernd, eher das Mitverfolgen und Mittragen ihrer Entscheidungen. Das war sehr anstrengend. Als Freundin hätte ich ihr vielleicht einen Rat geben können, aber in der Geschichte musste ich sie sein lassen. Ich hätte mir für Cora manchmal ein bisschen andere Charakterzüge gewünscht aber ich wollte den Figuren die Freiheit geben und mit ihren Entscheidungen mitgehen.
In Cora zeigt sich immer wieder großer Selbstzweifel und ein dauerhafte Wille von Selbstoptimierung und Anerkennung. Warum gaben Sie der Protagonistin genau diese Charaktereigenschaften?
Cora ist eine Person, die komplett im System des Kapitalismus funktioniert. Sie als Erzählerin, die in diesem System sozialisiert und aufgewachsen ist und auch durchschaut hat, wie man innerhalb dieses Systems mit Ehrgeiz nach oben kommt – sie damit zu konfrontieren, war mir wichtig, damit zu konfrontieren, dass dieses Versprechen nach endlosem Wachstum gar nicht tragbar für den Planeten ist.
Ich arbeitete mit der Leitfrage: Was passiert mit den Ehrgeizigen, wenn sie das Gefühl haben, dass die Welt, in der dieser Ehrgeiz funktioniert, langsam zu bröckeln beginnt? Wohin richtet sich dieser Ehrgeiz dann? In diesen Fragestellungen ist Cora mit ihren Eigenschaften entstanden.
Würden Sie sagen, dass sich jemand wie Cora in einer gewissen Form auf eine ganze Generation übertragen lässt?
Das würde ich so nicht sagen, auch innerhalb einer Generation gehen Menschen sehr unterschiedlich mit Einflüssen um. Cora ist einfach eine vom Kapitalismus geprägte Jugendliche. Beim Schreiben ging es mir darum, zwei Menschen zusammenzuführen, die sehr unterschiedlich mit diesen Dingen umgehen und letztendlich ganz verschiedene Ziele haben.
In der Geschichte ging es auch darum, wie »politisch aktiv sein« definiert und ausgelebt werden kann und es kam immer mehr die Idee von geplanter Gewalt und Radikalisierung auf. Sehen Sie denn eine potenzielle Gefahr durch diese zunehmende Gewaltbereitschaft?
Das Buch handelt eher von der Ursache von Radikalisierung: diese Hilflosigkeit, das Gefühl, mit den legalen Mitteln der Demokratie allein läuft die Zeit weg, es ist keine Zeit zu warten, bis innerhalb des Systems ein politischer Umbruch passiert. Das Interessante im Text ist auch eher die Frage der Definition. Nennt man es Aggression oder nennt man es Notwehr? Wie können die Charaktere das eigene Verhalten rechtfertigen, wie weit gehen sie? Auf welcher Seite sehen sie die Gefahr? Daher kommt die Parallele zum Titel… sind Orcas die Jäger? Wer ist Opfer und wer Täter?
Im Buch ist häufig ein bestimmtes Video thematisiert, das während Corona-Zeiten viral gegangen ist. Darin greifen Orcas, vermutlich aus Langeweile und Spaß, mehrere Jachten an. Im Kontext des Romans hat diese Referenz einen Beigeschmack von »Eat the Rich«... Basiert die Idee des Buches denn auf dem Video?
Der Strang des Textes stellt immer wieder die nicht domestizierte Welt mit der Menschenwelt in Vergleich. Diese Ideen kamen, als ich für das Buch zurückrecherchieren musste, was in den Jahren 2020 und 2021 im Umfeld von jungen Mädchen eine Rolle gespielt hat. So kam ich unter anderem auf die Doku-Serie »Tiger King«. Ich beschäftigte mich immer weiter mit der Frage, was es eigentlich bedeutet, ein exotisches Haustier zu halten? Wie legal ist das in Deutschland? Daraus wurden innerhalb des Buches verschiedene Ebenen. Und die Orcas, diese Attacken im Atlantik, das wurde 2020 medial aufgegriffen, das hat sich ganz gut gefügt. Es war also keine Ausgangsidee aber ich habe zu diesem ganzen Themenfeld viel recherchiert.
Diese nicht-domestizierte Welt zieht sich metaphorisch als roter Faden durch das Buch. Auch detailreiche Beschreibungen von toten Tieren oder Gewaltszenen, die Sie wie »tierisches Verhalten« beschreiben, zum Beispiel hatten Sie Polizeigewalt »koordinierte Jagd« genannt.
Genau, ich hatte versucht, sprachlich Parallelen mit einzubauen.
Sie schrieben auch über Menschen, die von Ausbeutung profitieren und dadurch immer reicher werden. Sie haben diesen Menschen etwas Sympathisches gegeben. Warum?
Mir war wichtig, dass Menschen trotz allem immer vielseitig bleiben, auch »Ausbeuter« können witzig sein.
Sie sind auch oft auf Debattenführung, Gesprächsstrategien, Manipulation und »Social Skills« eingegangen. Warum war es Ihnen wichtig, dieses Thema aufzugreifen?
Das ist eher etwas, das in Protagonistin Cora begründet ist. Sie wächst mit einem Fokus auf Sprache auf. Dazu kommt, dass sie sich in einem sozialen Umfeld nicht so leicht tut. Sprache ist für sie ein Tool, mit dem sie imitieren lernt, eben weil ihr diese social skills fehlen. In ihrem System ist es ein Mittel, mit dem sie sich zu integrieren versucht. Und da kommen wir wieder zu einem Tiervergleich: Hunde zum Beispiel benutzen ähnliche Mittel, um eine gewisse Rangordnung zu kommunizieren. Letztlich befindet sich Cora also in einem ständigen Kampf um Rangordnung.
Also ging es Ihnen mehr darum, sich in die Rolle von Cora zu versetzen, weniger um einen persönlichen Bezug?
Genau. Cora ist die Erzählerin, alles muss also durch ihren Filter laufen. Romantische Verstrickungen, zum Beispiel, finden bei Cora nur am Rand statt, während Sprache viel mehr Raum in ihrem Leben einnimmt.
Für Cora ist der Charakter Ben ein Dorn im Auge. Durch sein Verhalten entsteht eine seltsame Dynamik zwischen den beiden.
Die Geschichte ist so konzipiert, dass hinzukommende Personen die komplette Dynamik verändern, wie bei einem Rudel, in dem Kräfteverhältnisse immer wieder neu ausgelotet werden müssen. An irgendeinem Punkt war mir klar, dass es im Haus verschiedene Strömungen geben muss, damit sich Cora mehr anstrengen muss, um in der Gruppe einen besonderen Status zu erhalten.