Glück, Kultur, Rendite
Kluge Kulturförderung ist die Investition in unsere Zukunft. Die Rendite ist eine sichere Bank für Lebensqualität, einem friedlichen Miteinander, Glück und nicht zuletzt auch in finanzieller Hinsicht.
Das Glück
Die glücklichsten Großstadtmenschen Bayerns findet man in Augsburg. Im nationalen Vergleich liegt unsere alte Römerstadt auf Platz 2. Getoppt von Erfurt in Thüringen. Dieses Ergebnis brachte eine Studie der SKL unter deutschen Kommunen über 100.000 Einwohner*innen an den Tag.
Das Geheimnis des Glücks hat demnach wenig mit der Politik zu tun, die vor Ort getrieben wird. Unsere letzte Regierung wurde erst im Frühjahr vom Hof gejagt. Aber woher kommt das Glücksgefühl der Menschen hier? Auf diese Frage gibt es einige Antworten. Zum Beispiel diese: Unsere Region lädt die Menschen ein, Teil eines Ganzen zu sein oder zu werden. Diese können sich darauf einlassen oder eben nicht. Im Gegensatz zu unbezahlbaren Molochen wie München bleibt das Leben und die Teilhabe daran hier noch leistbar. Es gibt Arbeit, die Einkommen sind stabil, wenn auch auf geringerem Niveau als im nahen Isar Monaco. Und im Verhältnis zu Augsburg sind die sechs Vorstädte, mit denen die glücklichste Stadt Bayerns untrennbar verwoben ist, bürgerlich, wohlhabend, gut situiert. Das Glück wird geteilt.
Der Reiz
Der Reiz unserer Region liegt für Gäste in seiner Geschichte und dem, was davon heute noch zu erleben ist. Vielleicht auch an seiner Lage zwischen München und Stuttgart, bestimmt an seinem Wasser und den Wäldern. Unsere Region hat keine austauschbaren Shopping-Village-Mordor-Malls mit Sogwirkung. Die meisten Innenstädte funktionieren mal besser, mal schlechter. Manches verkommt, anderes verdorrt, einiges erblüht. Die Einkäufe werden mit dem Auto in den Industriegebieten erledigt oder bestellt. Brauchbare Rad- und Fußwege wären oft ein Segen. Bezahlbarer Nahverkehr mit alltagstauglicher Taktung ein Werk der Knoten lösenden Madonna. Der Reiz unserer Region liegt für die Einheimischen in seiner Erwartbarkeit, im Guten wie im Absurden. Er liegt in der geografischen Überschaubarkeit und der in Teilen guten Funktionalität im täglichen Leben. Er liegt gewiss auch im Talent der Menschen mit Wurzeln aus aller Welt zum friedlichen Zusammenleben sowie an der oft gemeinsamen Lust zu nörgeln. Aber auch am Reiz, gemeinsam Dinge anzupacken. Und natürlich an seiner Lage zwischen München und Stuttgart, an seinem Wasser und seinen Wäldern.
Der Luxus
So genießt man in den Sommermonaten den Luxus von enormen Uferkilometern entlang meist sauberer Flüsse, Kanäle, Bäche und Seen. Hinzu kommen Freibäder, Parks und Wälder. Oasen der Erfrischung für alle. Niederschwellig im Zugang, großartig im Erholungswert. Lebensqualität meist ohne Preisschild. Dabei interessiert es niemanden, ob die Badestelle der persönlichen Wahl nun in Augsburg liegt oder geopolitisch gesehen zu den Vorstädten Friedberg, Königsbrunn oder Gersthofen gehört.
Wobei das Wort Vorstadt bitte nicht despektierlich zu verstehen ist. Neben den oben erwähnten Orten sind auch Bobingen, Neusäß und Stadtbergen längst mit Augsburg und untrennbar untereinander verwoben. Man könnte diese sieben Kommunen mit zusammen gut 450.000 bunten Seelen ebenso gut als Nachbar- oder Fruchtstädte bezeichnen. Wie eine Zwetschge umschließen sie den holzigen Kern, das alte Augsburg.
Der Alltag
Im Alltag spielen politische Stadtgrenzen für die Menschen hier eh kaum eine Rolle. Für Politik und Verwaltung hingegen schon. Sieben Städte bedeuten ebenso viele Verwaltungen und Stadtregierungen. Pfründe ließen sich immer schon gut mit der Identitätskeule verteidigen. Nur im vertraulichen Gespräch kritisieren Mandatsträger das lähmende Grenzlanddenken.
Wenn in der direkten Nachbarschaft kein Angebot für die Dinge des täglichen Lebens zu finden ist, orientiert man sich in der näheren Region. Diese Faustregel gilt beim Einkaufen, der Job- oder Schulwahl, bei Fragen der sportlichen Betätigung, der Gesundheit und natürlich in der Liebe. Auch in der Kulinarik spielen unsere Stadtgrenzen keine Rolle. Ebenso verhält es sich mit dem Engagement im Ehrenamt und natürlich bei der Kunst und im Kulturgenuss.
Die Millionen
Die Stadthalle Gersthofen wäre ohne das Publikum aus der Nachbarschaft nicht lebensfähig. Darum plakatiert Gersthofen auch recht fleißig an den Augsburger Bushaltestellen. Die letzten belastbaren Besucherzahlen des Hauses sind etwas älter und melden gut 85.000 Gäste, per Anno. Das Staatstheater Augsburg mit seinen knapp 190.000 Besucher*innen in der Spielzeit 24/25 hätte ohne Umland eine Auslastung von geschätzt 39 Prozent. Belastbare Zahlen liegen derzeit auch hier nicht vor. Die
Straßenfeste Friedberger Zeit oder die Sommernächte in der Augsburger Maximilianstraße zählten zuletzt jeweils rund 130.000 Gäste.
Die Kunstsammlungen und Museen Augsburg sprechen von gut 280.000 Gästen im vergangenen Jahr. Das besucherstärkste Museum unserer Region ist das tim. Dieses staatliche Textilund Industriemuseum lotst jährlich gut 100.000 Menschen ins Textilviertel, dem kulturellen Herz von Augsburg. Beim Sensemble Theater in der benachbarten Kulturfabrik wurden in der gerade abgelaufenen Spielzeit 15.000 Tickets verkauft. In etwa ebenso viele im JTA, das Junge Theater Augsburg im Kulturhaus abraxas im Stadtteil Kriegshaber. Die Zahl der verkauften Eintrittskarten auf den zahlreichen Privat-, Klein- und Laienbühnen in unserer Region konnte nicht ermittelt werden. Schätzungen gehen allerdings von mindestens 200.000 Besucher*innen im Jahr aus. Dazu gehören auch die Gäste der im gesamten deutschsprachigen Raum verehrten Puppenkiste. Allein das Museum von Urmel, Kalle und Co. besuchen jährlich rund 70.000 Fans.
Berücksichtigen wir auch die Zahl derer, die jung genug sind, um in der Clubkultur zu wirken, all jener, die die fantastischen Open-Air-Konzerte und Festivals in unserer Region besuchen, der Menschen, für die sich eine Woche ohne Galeriebesuch wie eine vertane Woche anfühlt, und all jener Enthusiasten, die sich mit Leidenschaft und Expertise der klassischen Musik, der Literatur oder dem Kabarett verschrieben haben, dürfen wir davon ausgehen, dass die Menschen in unserer Region zwei bis drei Millionen Eintrittskarten für Kulturangebote jährlich lösen. Nicht schlecht!
Die Rendite
Millionenfacher Kulturgenuss bedeutet unendlich viele Dosen Entspannung, Inspiration, Glück und Wohlbefinden. Wie sich diese in der SKL-Studie niederschlagen, weiß man nicht genauer. Was man jedoch genau weiß, ist die Tatsache, dass Kunst und Kultur in unserer Region ein gewaltiger Markt sind. Kulturförderung ist eine großartige
Investition in die Zukunft der Menschen unserer Region – und überdies sehr rentabel.
Dutzende Studien belegen, dass Kommunen bei Investitionen in Kultur eine wirtschaftliche Umwegrentabilität von etwa 1,60 Euro bis über 3,50 Euro an zusätzlichen Umsätzen pro investiertem Euro erwarten können. Diese indirekte Rendite oder das finanziell positive Ergebnis entsteht vor allem durch Umsätze in der Gastronomie, im Einzelhandel, durch Dienstleistungen und Übernachtungen. Also nicht durch den Ticketverkauf. Auf dieses Konto wird separat eingezahlt. Kluge und gezielte Kulturförderung ist eine Investition, an deren Rendite die gesamte Gesellschaft partizipiert. Dennoch, wer sich in den Kulturprogrammen unserer Region ein wenig zu bewegen weiß, ahnt: In Augsburg und seinen Nachbarstädten Kultur zu genießen und nebenbei zu konsumieren, ist kein touristisches Massenphänomen.
Das Potenzial
Den meisten Festivals und Kulturorten fehlt es an Strahlkraft, um überregional zu punkten. Die Region hat zu wenig Sinn und kaum Etat, die hiesigen Highlights entsprechend überregional zu bewerben und die Programme und Orte für Kulturreisende attraktiv zu gestalten. Das ist ein teurer Fehler! Rund 60 Prozent der Städtereisenden
nennen Kultur als eines der Hauptkriterien für ihren Besuch.
Von den gut 1,7 Millionen Übernachtungen, die die Regio Augsburg Tourismus GmbH im vergangenen Jahr hier gezählt hat, gehen die wenigsten direkt auf den Besuch eines Kulturtermins zurück. Sie kommen wegen der Geschichte, der Lage, der Kongresse oder für geschäftliche oder private Besuche. Hier schlummert Potenzial. Im Schnitt lassen Städtereisende pro Tag rund 140 Euro in den Orten ihrer Wahl. Um die Kulturprogramme der Region mittelfristig besser finanziell auszustatten, auch um sie für ein überregionales Publikum attraktiver gestalten zu können und diesem damit mehr Anreiz für Besuche zu bieten, hat sich andernorts eine Tourismus- und Kulturabgabe für Übernachtungsgäste bestens bewährt. Diese firmiert in den verschiedenen Bundesländern oder im benachbarten Ausland unter den unterschiedlichsten Bezeichnungen und in verschiedener Höhe. In Bayern stemmt sich die Landesregierung noch immer gegen diesen erfolgreichen Kulturobolus. Das sollte sich ändern.
Das Risiko
Aber auf welchem Niveau bewegt sich nun die Umwegrentabilität bei Investitionen in die Kultur unserer Region? Dazu gibt es leider keine verlässlichen Werte. Wenn doch, wären diese keine Spitzenwerte, wie sie beispielsweise Salzburg oder Berlin vorlegen. Zum Glück! Denn auch beim Kulturtourismus gilt es, zu schnelles, falsch gesteuertes oder kaum kontrollierbares Wachstum zu vermeiden. In den Städten mit Spitzenwerten gibt es massive Wohnraumprobleme. Die Menschen befürchten, fremd in der eigenen Region zu werden. Offen ausgetragene Aggressionen gegen Gäste sind längst keine Seltenheit mehr. Es gilt also gut zu überlegen, wie aus dem Thema Umwegrentabilität bei Investitionen in die Kultur die Rendite vor allem bei den Menschen vor Ort ankommt. Das müssen nicht nur monetäre Maßstäbe sein. Vielleicht leben in Augsburg auch deshalb die Menschen relativ friedlich zusammen, weil ein einzigartiges Friedensfest dieses Miteinander seit Jahrzehnten in den Fokus stellt. Es gilt: Jeder geschlossene Kulturort mindert den Ertrag durch Kultur.
Ebenso wie jede Dumm-, Endlos- oder Nie-Kulturbaustelle unserer Region. Gift sind die Beteiliungschimären und Kulturentwicklungsplandesaster, die kaum gedruckt in den Schreibtischschubladen der Politik verstauben und das Vertrauen der Kulturmacher*innen auf echte Kooperation mit Politik und Verwaltung erschöpfen. Auch Doppelstrukturen, die privates Handeln durch kommunales Agieren erschweren, sind kaum hilfreich. Gleiches gilt für kommunale Kulturorte, deren Projektetats nur einen Bruchteil dessen ausmachen, was sie an Miete zu zahlen haben. Diese Transformation von Kulturetat zu Immobilienunternehmen macht diese Orte handlungsunfähig.
Jeder Postenbesetzer im öffentlichen Kulturbetrieb, in der Politik und in der Verwaltung, der stillschweigend zusieht und damit zulässt, dass unsere kulturelle Infrastruktur Jahr für Jahr mehr vor die Hunde geht, ist ein Bremsklotz in der Entwicklung unserer Kulturregion. Und mehr noch: Er ist eine Schande für seine Zunft und ein Risiko für unsere demokratische Gesellschaft. Er betätigt sich als Türöffner für die rechtsradikalen Kulturvernichter.
Die Vielfalt
Eine glückliche Region lebt ihr kulturelles Potenzial. Das gelingt, indem sie sich dessen zuerst einmal bewusst ist. Jeder neu geschaffene, aber auch mittelfristig gesicherte Kulturort hebt den gesellschaftlichen Ertrag durch Kultur. Ebenso wie langfristige Planungssicherheit und verlässliche Strukturen durch die Kulturpolitik. Ein transparentes, faires und zuweilen mutiges Investitions- und Fördersystem für private, kommunale und staatliche Kulturorte ist unerlässlich. Die Vielfalt im Leben kommt aus den freien Szenen. Die Fokussierung der über die Region hinaus strahlenden Themen ist auch Aufgabe der öffentlichen Hand. Verzettelung im Themenallerlei ist nicht gleichbedeutend mit Vielfalt, sondern oft Zeichen von Unsicherheit und der Angst vor Entscheidungen.
Lesetipp: Eine Studie der Universität Potsdam: »Die Kultur in Potsdam als nachhaltiger Wirtschaftsfaktor« von Prof. Dr. Uta Herbst.
Zu finden unter: www.uni-potsdam.de
Welche Bedeutung hat die Umwegrentabilität im Kontext Kultur für unsere Region? Diese Frage ist Basis für das Ankerthema der a3kultur-Redaktion für diesen Herbst.
In diesem Zusammenhang sind uns auch die Positionen externer Expertinnen und Experten zum Thema wichtig. Wir stellten allen dieselben vier Fragen. Hier schon einmal die Antworten von Florian Freund, dem Oberbürgermeister von Augsburg, Jens Walter, Regionalgeschäftsführer der IHK Schwaben und Ekkehard Schmölz, Leiter von Augsburg Marketing.
Rendite, Kultur, Glück
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