Kultur, Käse, Kulisse III
Das Allgäu ist mehr als grüne Wiesen und Kuhglocken – im Spätsommer zeigt die Region was sie noch alles kann. Die a3kultur-Redaktion hat sich die Sommerhighlights im Allgäu genauer angeschaut.
Wer heute durchs Allgäu reist, trifft selten auf Zufall. Käseküche und Bergpanorama locken zwar schon lange Besucher an. Doch wen die Region ansprechen will, ist längst keine Bauchentscheidung mehr, sondern genau geplant. »Die Allgäu GmbH fokussiert das postmaterielle und expeditive Milieu – Menschen, die unsere Werte teilen und bereit sind, diese anzuerkennen«, sagt Simone Zehnpfennig, Pressesprecherin der Allgäu GmbH.
Es geht also nicht darum, möglichst viele Gäste anzuziehen, sondern die richtigen: Menschen, die nicht nur konsumieren, sondern sich wirklich auf die Region und ihre Haltung einlassen wollen. Diese Haltung zeigt sich auch dort, wo das Allgäu bisher noch nicht so bekannt ist. Abseits der klassischen Ziele rückt gerade das westliche Allgäu in den Fokus: »Lindenberg, Weiler-Simmerberg, Scheidegg im westlichen Allgäu kennen viele Menschen nicht«, so Zehnpfennig – und besonders
Lindenberg erlebt gerade einen echten Aufschwung. Das verdankt die Stadt aus ihrer Sicht zwei engagierten Amtsleiterinnen: Kathrin Felle, zuständig für Tourismus und Kultur, und Angelika Schreiber, die das Deutsche Hutmuseum leitet. Beide denken bei ihrer Arbeit immer an die Gäste – und das zahlt sich aus: Das Hutmuseum gehört inzwischen zu den erfolgreichsten Spezialmuseen Deutschlands. Wie eng Tourismus, Kultur und Stadtentwicklung im Allgäu mittlerweile zusammenspielen, zeigt sich auf den folgenden Seiten nicht nur in Lindenberg, sondern auch in Kempten, Memmingen und Lindau. Dort gehören Museen und Festivals längst fest zur Identität der Stadt.
Das alles geht dabei nicht auf Kosten der Landschaft – und das ist kein leeres Versprechen. »Das ist unser USP, davon zeugen verschiedene und wiederholte Auszeichnungen«, betont Zehnpfennig. Schon mit der 2011 festgelegten und 2019 fortgeschriebenen Marken- und Destinationsstrategie sei naturnaher Tourismus fest verankert worden: »Unsere Allgäuer Werte sind der Maßstab unseres Handelns und sind schon längst Haltung.« Markenpartner, Initiativen und einzelne Tourismusorte tragen diese Haltung mit. Die Allgäu GmbH selbst sowie Oberstdorf und Bad Hindelang wurden bereits mit dem Bundespreis »Nachhaltige Tourismusdestinationen« ausgezeichnet, Bad Hindelang zusätzlich international als »Best Tourism Village«. Und wie wird aus einem Tagesausflug ein längerer Aufenthalt? Für Zehnpfennig ist die Antwort einfach: »Die Aussicht auf tiefgreifende Erholung, auf spannende Momente, verlockende Angebote.«.
Gute Gründe also, sich das Allgäu und seine Sommerhighlights genauer anzuschauen.
»Alpenstadt« Sonthofen
Sonthofen ist als »Alpenstadt« nicht zufällig benannt: Umgeben von Grünten, Allgäuer Alpen und der Bundeswehr-Offiziersschule prägt hier das Zusammenspiel aus Militärgeschichte, Bergsport und Handwerk das Stadtbild. Wer tiefer in die jüngere Geschichte der Region eintauchen will, findet im AlpenStadtMuseum im KulturViertel seit 2023 eine modern gestaltete Dauerausstellung – und aktuell eine der bemerkenswertesten Sonderschauen des Allgäus. »Butter, Vieh, Vernichtung – Nationalsozialismus und Landwirtschaft im Allgäu« läuft noch bis 1. November und beleuchtet ein bislang wenig erzähltes Kapitel: die Verflechtung von Landwirtschaft, Ernährungspolitik und NS-Ideologie in der Region. Auf 100 Quadratmetern Sonderausstellungsfläche zeigt die Schau anhand historischer Dokumente, Fotografien und persönlicher Schicksale, wie bäuerliche Betriebe in die Kriegswirtschaft eingebunden wurden, wie die »Blut-und-Boden«-Ideologie den ländlichen Raum prägte – und wie Zwangsarbeit sowie die Vertreibung jüdischer Landwirte und Geschäftsleute zur Realität der NS-Zeit gehörten.
Für sein partizipatives Konzept wurde das AlpenStadtMuseum im Juni 2026 in Bilbao mit dem Silletto Prize für »Community Participation and Engagement« der European Museum of the Year Awards ausgezeichnet – ein schöner Beleg dafür, dass sich auch kleinere Häuser im Allgäu auf internationaler Bühne behaupten.
Dass sich die NS-Ideologie nicht nur in Akten und Ausstellungsvitrinen, sondern auch im Stadtbild selbst manifestiert, zeigt ein Blick auf den Berg über Sonthofen: Dort errichtete die Deutsche Arbeitsfront ab 1934 nach Plänen des Architekten Hermann Giesler eine der drei NS-Ordensburgen des Regimes. Ab 1937 diente die monumentale Anlage als Hauptstandort der Adolf-Hitler-Schulen, an denen der NSFührungsnachwuchs im Sinne von »Blut und Boden« und Rassenideologie erzogen wurde – derselben Weltanschauung, die auch die Landwirtschaftspolitik prägte, um die es in der Sonderausstellung geht. Heute ist das Gebäude als Generaloberst-Beck-Kaserne Bundeswehrstandort, benannt nach dem Widerstandskämpfer Ludwig Beck. Wer die Ausstellung im AlpenStadtMuseum besucht, blickt so unweigerlich auch auf diesen Bau – ein steinernes Relikt derselben Ideologie, die auf dem Land wütete.
Immenstadt – »Das Städtle«
Immenstadt liegt am Fuß des Mittags und direkt am Großen Alpsee. Die kompakte Altstadt, auch liebevoll »Städtle« genannt, mit ihren Grafenschlössern und dem Marktplatz erzählt von der langen Geschichte als Residenz der Grafen von Königsegg-Rothenfels, während rundherum die Bergwelt zum Wandern, Radeln und – dank Bergbahn auf den Mittag – zum unkomplizierten Höhenausflug einlädt. Wer im August durch die Gassen schlendert, trifft auf ein Städtchen, das seine Rolle als ruhigerer Gegenpol zu den größeren Nachbarn Kempten und Sonthofen bewusst pflegt: kleine Cafés, Brauereitradition und ein Kulturprogramm, das sich vor allem lokal und unaufgeregt entfaltet – ein guter Ausgangspunkt, um das Oberallgäu abseits der großen Bühnen kennenzulernen.
Die Alpsee Bergwelt zwischen Immenstadt und Oberstaufen zählt zu den absoluten Freizeit-Highlights im Allgäu. Aus dem Tal geht es bequem mit der Sesselbahn oder zu Fuß auf den Erlebnisberg auf 1100m Höhe. Umgeben von einer einzigartigen Berglandschaft, mitten im Naturpark Nagelfluhkette.