Festival

Ein wunderbares Finale

Iacov Grinberg
28. Oktober 2021

Iacov Grinberg besuchte für a3kultur die letzte Veranstaltung des Puppen- und Figurenfestivals KLAPPS und war begeistert.


Es gibt eine alte Weisheit: »Ende gut, alles gut«. Die letzte Aufführung von KLAPPS 2021 – »Milonga Fatal«, eine Koproduktion von FAB-Theater und Tango Si! – kann als ein glänzendes Beispiel für diese Weisheit dienen.

Vor dem Beginn der Aufführung bekommen die Zuschauer ein Leporello, um das Geschehene auf der Bühne besser verstehen zu können. Darin wird die Geschichte beschrieben, die man in nur wenigen Zeilen zusammenfassen kann: »Milonga Fatal« nimmt die Zuschauerinnen und Zuschauer mit auf eine Reise nach Argentinien, zu den Wurzeln des Tangos. Eine Frau aus Süddeutschland folgt ihrem Verlobten, der nach Argentinien ausgewandert ist. Die Protagonistin begibt sich auf eine Suche in der argentinischen Pampa und begegnet nicht nur den musikalischen Wurzeln des Tangos, sondern einer Vielfalt von Figuren mit unterschiedlichsten Lebensentwürfen und Schicksalen. Insgesamt 18 Musikstücke werden zudem gelistet, die die Geschichte auf der Bühne begleiten: alte Tangos, ein Walzer, eine Rhapsodie, ein Militärmarsch, einige Milongas (eine fröhlich-schnelle Tanzgattung aus Argentinien), traditionelle afrikanische Rhythmen.

Drei Musikantinnen begleiten das Stück mit einer Violine (Christiane Holzenberger), einem Piano (Sarah Umiger) und einem Bandoneon (Karin Eckstein) – ein 1849 in Deutschland  erfundenes Musikinstrument, das untrennbar mit dem argentinischen Tango verbunden ist und einen ganz spezifischen Klang erzeugt. Die musikalische Begleitung, die eher für eine Opernaufführung als für ein Puppenspiel charakteristisch ist, verleiht dem Stück eine ganz besondere, gemütliche Atmosphäre.

Zu sehen gibt es bei der Aufführung ganz verschiedenes: Puppenbewegungen durch die Hände der Schauspielerin Alice Therese Gottschalk, ihr Zusammenspiel mit den Puppen, ihr Spiel ohne Puppen, Lieder von den Musikantinnen und Schauspielerinnen. Sie alle sind wie ein Kollier, bei dem glänzende Schmuckstücke aus Edelsteinen oder Edelmetallen auf einen Faden aufgereiht sind. Jedes Schmuckstück dieses Kolliers ist sehr ausdrucksstark und beeindruckend.

In der ersten Szene erhält die Protagonistin einen Brief, zusammen mit einer Fahrkarte für ein Schiff. Anschließend wird von der Schifffahrt und von Treffen mit sonderlichen Gestalten im Hafen erzählt.  Weiter spielt die Geschichte in der Pampa. Alice erhält die Nachricht, dass der Verlobte nicht mehr am Leben ist und beweint ihn. In der letzten Szene wird die Protagonistin selbst von einer Puppe verkörpert, bis eine Puppenspielerin mit einer Marionette erscheint. Alle sind Meister des Puppenspiels!

Zwischen diesen Schmuckstücken, wie es einem guten Kollier gebührt, war immer etwas Besonderes zu finden. Die Schauspielerin hat mit zwei Bündeln Perlenkettchen zwei schwimmende Fische in einem Aquarium dargestellt, die miteinander spielten. Nicht nur mich hat diese wunderbare Erfindung begeistert. Ich habe nach der Aufführung mit vielen Besuchern gesprochen, die in der Vergangenheit wesentlich mehr Puppenspiele gesehen haben als ich und alle waren ganz begeistert und bestätigten, dass sie so etwas noch nie gesehen hatten.

Es war ein wunderbares Finale des diesjährigen KLAPPS-Festivals. Theaterstücke sind verschieden und ihre Wahrnehmung nicht nur von Qualität, sondern von kulturellem Hintergrund, Erfahrungen und auch aktueller Laune der Zuschauer abhängig. Diese Aufführung gefiel der überwiegenden Mehrheit der Zuschauer*innen sehr. Langer Applaus und anregende Gespräche nach dem Stück, in der heutigen Corona-Situation noch ungewöhnlich, bestätigten diesen Eindruck.

Ich kann zwei Empfehlungen aussprechen: Erstens, falls Sie in Stuttgart sind, suchen Sie dort das FAB Theater auf und sehen Sie sich dieses Stück an. Es lohnt sich auf jeden Fall. Zweitens, falls es den »Freunden des Augsburger Puppenspieles e. V.« gelingt, einige Gastspiele für das nächste Jahr zu organisieren, verpassen Sie diese Gastspiele nicht. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit werden Sie diese Gastspiele sehr genießen.


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