Wir müssen ins Handeln kommen

3. Mai 2021 - 10:04 | Jürgen Kannler

Open-Air-Sommer, Freilichtbühne, Kulturförderpreis, Welterbe – die Themen des dritten Teils der Gesprächsreihe zwischen Kultur­referent Jürgen Enninger und a3kultur-Herausgeber Jürgen Kannler

a3kultur: Der zweite Coronasommer steht bevor. Was plant die Stadt Augsburg?
Jürgen Enninger: Eine der größten Veranstaltungen ist der Gaswerksommer, der unter dem Motto »Augsburg bewegt« stehen wird. Dort wird es eine Open-Air-Bühne und eine sogenannte Aktivwiese geben, auf der sich Sportvereine präsentieren und Besucherinnen und Besucher selbst aktiv werden können. Zudem werden wir unter anderem wieder den Annahof mit der Sommerbühne bespielen. Weitere Bühnen in der Innenstadt, zum Beispiel auf dem Elias-Holl-Platz oder am Moritzplatz, sind im Gespräch. Ebenso ist der Kulturbiergarten am Königsplatz wieder geplant.

Wer kuratiert diese verschiedenen Angebote?
Das Kulturreferat stellt die Infrastruktur, wir entwickeln aber kein künstlerisches Profil. Für den Gaswerksommer haben wir zum Beispiel einen Hearing-Prozess gestartet. Hierfür fanden bereits die ersten Termine statt. Auf Basis der Rückmeldungen der Programmmacher*innen und Künstler*innen werden wir ein buntes Programm gestalten. Eine Kuratorin, einen Kurator im klassischen Sinne wird es nicht geben.

Beim Gaswerksommer wird das Programm nach einem festgelegten zeitlichen Ablauf gespielt. Wie sieht das auf den Bühnen in der Innenstadt aus?
In der Innenstadt werden viele Programme parallel stattfinden. Dadurch soll eine Entzerrung des Angebots geschaffen werden. Wir werden wahrscheinlich immer noch die Herausforderung einer gewissen Coronainzidenz haben. Der Aufwand ist nicht zu unterschätzen. Man muss eine Vielzahl an Angeboten schaffen, die gleichzeitig wahrgenommen werden können, damit sich die Besucher*innen nicht an Plätzen zusammendrängen.

Die Freilichtbühne am Roten Tor ist einer der ältesten fast durchgehend bespielten Kulturorte in unserer Region. Auf die Frage zum Zustand der Bühne an drei Kulturschaffende, die dort Programm machen oder beschäftigt sind, bekamen wir drei unterschiedliche Antworten – von »fragwürdig« über »bedingt akzeptabel« bis »untragbar«. Wie schätzt Ihr Referat den baulichen Zustand ein?
Der Zustand ist auf jeden Fall verbesserungswürdig – um der Reihe noch ein Adjektiv hinzuzufügen. Das Thema Sanierung muss diskutiert werden, darum kommt man nicht herum. Gleichwohl ist es eine funktionierende Bühne, mit der man arbeiten kann. Die Freilichtbühne soll vor allen Dingen der Vielfalt der Augsburger Kulturschaffenden zur Verfügung stehen.

Hat die Stadt aus der Verwahrlosung des Großen Hauses am Kennedyplatz gelernt? Über Jahrzehnte hinweg wurde dort bestätigt, dass dringender Handlungsbedarf besteht – passiert ist nichts. Das Gleiche zeichnet sich auch bei der Freilichtbühne ab.
Es ist ganz offensichtlich, dass wir ins Handeln kommen müssen. Für mich ist die Problematik nicht neu und ich verschließe auch nicht meine Augen davor. Mir ist nur wichtig, dass man nicht sofort eine neue Baustelle aufmacht, die uns daran hindert, Kulturschaffenden eine Bühne zu geben. Wir müssen versuchen, den Ort so instand zu halten, dass er einerseits bespielbar bleibt und andererseits aber auch den sicherheitsrechtlichen Fragestellungen enüge tut. Ich glaube, diesen Balanceakt müssen wir in den nächsten Jahren vollbringen.

Zunächst muss der Gesamtbedarf konkret ermittelt werden. In den nächsten Jahren steht bereits ein hoher fünfstelliger Betrag im Hochbauunterhalt für die Freilichtbühne zur Verfügung. Mit diesen Mitteln und gegebenenfalls Zusatzmitteln wollen wir den Sanierungsbedarf abarbeiten.

Wir wissen aber doch alle, was man mit einem, wenn auch hohen, fünfstelligen Betrag heutzutage bautechnisch erreichen kann.
Das ist völlig richtig, es ist nur eine kleine Summe in Anbetracht der Herausforderungen. Ich glaube aber, das Wichtigste ist, dass wir Mittel im Haushalt haben, auch wenn es eine Variable ist. Wir wollen damit signalisieren, dass es uns ernst ist.

Wird es in diesem Sommer in der Spielzeitpause des Staatstheaters Veranstaltungen des Kulturreferats auf der Freilichtbühne geben?
Die Stadt wird bis zu fünf zusätzliche Veranstaltungen außerhalb der Nutzung des Staatstheaters durchführen können und dabei Veranstalterin sein. Das ist ein wichtiges erstes Signal. Ich möchte die Freilichtbühne als eine der zentralsten Spielstätten der Stadt gerne weiter öffnen – ergänzend zur Nutzung durch das Staatstheater, um auch weiteren Akteur*innen eine Bühne bieten zu können. Für einige dieser Veranstaltungen wird die Stadt Kooperationspartner ins Boot holen.

Gegenwärtig ist das Staatstheater Augsburg Alleinmieter der Freilichtbühne. Über welchen Zeitraum läuft so ein Mietvertrag? Wie viele Aufführungstermine sind auf der Freilichtbühne pro Jahr möglich?
Im Sommer 2021 plant das Staatstheater 26 Veranstaltungen auf der Freilichtbühne. Für diese Nutzung wird aktuell ein Pachtvertrag geschlossen. Er umfasst den Zeitraum vom Beginn der Aufbauarbeiten im April bis zum Abbau im August. Die Zahl der Veranstaltungen des Staatstheaters variiert von Jahr zu Jahr.

Die Stadt ist Eigentümerin der Bühne. Es gibt also eine Bindung dieser Bühne an die Stadt. Und weil auf der Bühne seit jeher Theater gespielt und Musik dargeboten wird, besteht ein Nutzungsrecht für das Staatstheater als Nachfolgerin der ehemals städtischen Bühnen. Gleichzeitig besteht die Möglichkeit für die Stadt, den Ort als städtische Bühne für Veranstaltungen zu nutzen.  Auf dieser Basis ergeben sich vier bis fünf weitere Spieltermine.

Mehr ist der Nachbarschaft nicht zuzumuten?
Es ist wahnsinnig schwer, auf innerstädtischen Open-Air-Flächen auch nur einen weiteren Termin durchzubekommen. Deshalb bin ich froh, dass wir vier bis fünf zusätzliche Veranstaltungen anbieten können, und möchte diese auch in den kommenden Jahren weiterhin erhalten. Ich bin ganz ehrlich: Ich würde mir mehr Termine wünschen. Wir müssen aber die Nutzung dieser einzigartigen Spielstätte dauerhaft stützen, und da ist es extrem wichtig, die Anwohner*innen in diesem Prozess mitzunehmen.

Unseren Informationen zufolge konnte das damalige Stadttheater Augsburg die Freilichtbühne, sozusagen als privilegierter Hauptmieter, für rund 7.000 Euro für 24 Stunden weitervermieten. Zahlt denn das Staatstheater auch diesen Preis, wenn es selbst die Bühne nutzt?
Das Staatstheater zahlt für die Nutzung der Bühne eine marktübliche Pacht an die Stadt Augsburg, die ermittelt wurde und nicht aus der Luft gegriffen ist. Der genannte Betrag gehört noch in die Zeit, bevor die städtischen Bühnen in das Staatstheater Augsburg umgewandelt wurden. Im Hinblick auf die Genehmigungen für Veranstaltungen nimmt  die Freilichtbühne aber tatsächlich eine Sonderrolle ein. Die Spielrechte sind über Jahrzehnte gewachsen und gehen auf sogenannte Altrechte zurück. Eine Vermietung oder Verpachtung der Bühne an andere Veranstaltende als die Stadt und das Staatstheater ist dabei nicht möglich.  Es ist sehr wichtig, die bisherige Nutzung beizubehalten, weil diese auch sichert, dass Kultur in der Innenstadt an diesem zentralen Ort weiterhin stattfinden kann. Deswegen wird die Stadt immer Veranstalterin sein. Auch im Hinblick darauf, überhaupt weitere Öffnungen zu diskutieren.

Gleichwohl ist es wichtig, als Kommune erbrachte Dienstleistungen nicht komplett zu erlassen, das gibt auch die Gemeindeordnung so vor. Und wenn wir mit Co-Veranstaltenden kooperieren, werden wir ein Auge auf die kulturelle Vielfalt der Veranstaltungen der Stadt Augsburg haben und ein zweites auf die Sicherung der bestehenden Situation.

Abschließend zu den geplanten Veranstaltungen: Wie wird sich das städtische Kulturprogramm im Coronasommer 2021 von dem im letzten Jahr unterscheiden?
Es sind unterschiedliche Ausgangssituationen. Der Kultursommer 2021 entsteht vor dem Hintergrund eines langen Stillstands. Wir müssen die Menschen wieder für Kultur begeistern. Gleichzeitig müssen wir bei den Kulturschaffenden wieder das Vertrauen erzeugen, dass ihre Kunst einen Mehrwert hat. Wir wollen den Künstler*innen, die seit einem Jahr keinen Raum mehr in der Stadt bekommen konnten, wieder eine Bühne geben. Viele sind zutiefst deprimiert und stellen ihre Künstlerbiografien infrage. Diese Menschen zu ermutigen und ihnen ein Signal der Wertschätzung zu geben – das ist uns wichtig.

Stichpunkt Wertschätzung: Das Kulturreferat setzt sich für eine Reform des Augsburger Kunstförderpreises ein. Warum?
Der Kunstförderpreis ist ein Ausdruck der Wertschätzung gegenüber den Kunstschaffenden und gleichzeitig ein Instrument, das gewährleistet, dass viele gerade Jüngere den Start in eine künstlerische Erwerbsbiografie meistern können. Kunstförderpreise spielen eine zentrale Rolle, wenn sie sich für Stipendien bewerben oder einfach die nächsten Schritte ihrer Karriere gehen wollen. Auf dieser Basis müssen wir über das Thema neu nachdenken und es gemeinsam weiterentwickeln. Mir ist sofort aufgefallen, dass zum Beispiel keine Trennung zwischen angewandter und freier Kunst besteht und dadurch beispielsweise Illustrator*innen nicht explizit berücksichtigt werden. Zudem fehlt mir ein Designpreis. Aber auch die Frage, wie oft der Preis vergeben wird, muss neu gestellt werden. Wir werden aus dem Referatsbudget 1.000 Euro pro Preiskategorie drauflegen, um junge Kunstschaffende besser zu unterstützen.

Ich bin übrigens auch der Meinung, dass wir den Poppreis »Roy« neu denken müssen. Wir sind momentan aber erst am Anfang dieses Prozesses. Ich hoffe sehr, dass wir hierzu eine Lösung finden, mit der alle zufrieden sein werden.

Für den Kunstförderpreis können sich alle Künstler*innen aus dem Raum Augsburg bewerben. Wie ist dieser definiert?
Das ist in erster Linie die Planungsregion A3, sprich Augsburg und die zwei angrenzenden Landkreise. Ich möchte aber auch das neu diskutieren. Ziel dieses Preises sollte sein, dass sich Künstler*innen für eine Erwerbsbiografie in Augsburg entscheiden. Ich finde es wichtig, dass der Preis mehr das Wirkungsfeld des Kulturraums Augsburg abbildet und weniger in verwaltungstechnischen Grenzen gedacht wird. Natürlich muss das auch politisch vermittelt werden – schließlich geben wir Augsburger*innen Geld aus, dann sollten die Mittel auch Augsburger*innen zugutekommen.

Wird auch die Altersgrenze überdacht?
Es ist ein Nachwuchsförderpreis und natürlich stellt sich hier die Frage, wie man Nachwuchs definiert. Aber auch in dieser Hinsicht bin ich sehr offen und finde, dass auch Künstler*innen älteren Semesters die Möglichkeit einer Förderung bekommen sollten.

Kommen wir zum Thema Wasser. Seit 22. März gibt es in Augsburg ein Besucherzentrum für das UNESCO-Welterbe. Was sind die nächsten Schritte?
Leider ist das Informationszentrum für Besucher*innen derzeit coronabedingt noch geschlossen. Zunächst wäre es deshalb toll, wenn das Zentrum möglichst bald öffnen könnte. In der Zwischenzeit wurde der Tourenguide ins Englische übersetzt, um auch einem internationalen Publikum einen Zugang zu bieten. Darüber hinaus wird ein 3D-Rundgang durch das UNESCO-Welterbe produziert und Beschilderungen aufgestellt. An den Welterbe-Orten selbst findet man Informationstafeln und auch einen QR-Code, über den man mehr Informationen erhalten kann.

Ein nächster Schritt ist die Verankerung des Themas in den Lehrplänen bayerischer Schulen. Zudem wird ein EU-Projekt als gemeinsame Lernplattform über die Widerstandsfähigkeit kulturellen Erbes erarbeitet. Gerade der europäische Austausch ist mir wichtig. Gemeinsam mit Hamburg und Regensburg planen wir ein Projekt über ethische Fragen in Bezug auf Wasser, in dem Konfliktpotenziale, wie beispielsweise das Spannungsfeld zwischen der Bewahrung des Erbes und den Herausforderungen des Klimawandels, beleuchtet werden sollen.  

Verschiedene Akteur*innen springen auf das Thema auf. Wie läuft die Zusammenarbeit?
Die Stadt Augsburg und alle Akteur*innen sind gemeinsam natürlich sehr stolz auf den Welterbe-Titel. Die Überschrift dieser Auszeichnung ist Nachhaltigkeit: Wir wollen Projekte weiterentwickeln, die das Thema Wasser nachhaltig in unserem Bewusstsein verankern und auch den Umgang mit dieser wertvollen Ressource weiterentwickeln – bei gleicher Wertschätzung der kulturhistorischen Stätten, die wir vor Ort haben.


Foto oben – Mitte März: Kulturreferent Jürgen Enninger öffnet nach langer coronabedingter Pause die Tür zur neuen Sonderausstellung »Dressed for Success« im Maximilianmuseum. Kurze Zeit später mussten die Häuser der städtischen Kunstsammlungen schon wieder schließen.

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