Theater & Bühne

Wilderer und Räuberhauptmann vor Gericht

Iacov Grinberg
12. Oktober 2019

Viele werden den Haupthelden dieser Inszenierung, den »Bayerischen Hiasl«, kaum kennen. Bei einem anderen Helden dieser Gattung, Robin Hood, sieht es schon ganz anders aus. Solche edlen Räuber gibt es in vielen Kulturen. Sie verkörpern einen tiefen Wunsch nach jemandem, der sich für die Unterdrückung des einfachen Volkes rächt und Gerechtigkeit wiederherstellt. Alle Religionen versprechen eine Wiedergutmachung der Leiden nach dem Tod. Das Volk aber sehnte sich danach, diese noch im Leben zu erlangen.

All diese Helden haben real existierende Vorbilder. Heute sind sie Legenden. Mit den Taten ihrer Prototypen haben sie häufig wenig gemein. Archivdokumente berichten von Gräueltaten gegenüber Unbeteiligten und auch der Begriff der »Reichen«, die es nach der Meinung des Volkes verdient haben, beraubt zu werden, ist sehr wackelig – besonders, wenn wir uns an den großen Neid der Bevölkerung gegenüber ihren Nachbarn erinnern. Das Märchen, dass die Räuber das Erbeutete dem Volk ausgeschüttelt hätten, stößt auf die damalige Regel des »Löwenanteils«. Und ob das Volk diese Helden liebte oder einfach Angst vor ihnen hatte, ist fraglich. Wieso sollte man also ein Theaterstück über eine solche Persönlichkeit schreiben?

Für Theaterschaffende sind diese Geschichten ein Anlass, über die ewigen Themen Recht und Gerechtigkeit zu sprechen. Juristen scherzen, dass »gerecht« und »gerichtlich« eher Antonyme als Synonyme sind. Gleichzeitig können wir uns die Frage stellen, ob wir mit unseren heutigen Vorstellungen die damaligen Ereignisse richtig wahrnehmen.

Der Verfasser des Stücks »Heute Hiasl: Anklage und Verteidigung eines Wilderers« und Leiter des Sensemble Theaters Dr. Sebastian Seidel zeigt auf der Bühne ein »Wandergericht« – ein Gericht, das sich von einem Ort zum anderen bewegt und dort vor den Augen des lokalen Publikums eine Gerichtsverhandlung durchführt. Es besteht aus einem Richter und einer Staatsanwältin, was für die damalige Zeit natürlich absolut undenkbar gewesen wäre. Sie agieren keinesfalls schematisch: Ihre Dienstpflicht kämpft mit ihren Gefühlen als Privatpersonen.

Wie in einer klassischen antiken Tragödie steht Hiasl vor diesem Gericht in Anwesenheit eines Chors. Die Gerichtsverhandlung basiert auf den Begriffen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die wesentlich später zur Französischen Revolution führten. Der Text beinhaltet scharfe Dialoge und Witze. Wie es einem guten Theaterstück gebührt, wirft es viele Fragen auf, die zum Nachdenken anregen.

Übrigens gibt es noch einen Grund, ein Theaterstück über den »Bayerischen Hiasl« zu inszenieren: Auf Gut Mergenthau bei Kissing gab es die »Hiasl-Erlebniswelt«, die das Leben des Wildschützen und Räuberhauptmannes Matthias Klostermayr thematisierte. Neben verschiedenen Originalstücken wurde sein Leben, folkloristisch und legendär, in einigen Dioramen und Schaubildern dargestellt. Ende 2017 wurde die Ausstellung geschlossen.
 
Der Landkreis Aichach-Friedberg und die Stadt Kissing haben das Stück finanziell unterstützt, in der Hoffnung, dass eine künstlerische Erwähnung des Räubers das Thema touristisch wieder ankurbelt. Der Geschäftsführer der Regio Augsburg Tourismus GmbH, Götz Beck, der sich unermüdlich mit großer Energie und Kreativität um die Entwicklung des regionalen Tourismus kümmert, hat eine Reihe von Vorführungen in verschiedenen Orten Bayerns organisiert. Wir können nur wünschen, dass das Stück auch in diesem Sinne erfolgreich wird.

»Heute Hiasl: Anklage und Verteidigung eines Wilderers« – zu sehen ab dem 16. November im Sensemble Theater. Weitere Infos:
www.sensemble.de

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