Ausstellungen & Kunstprojekte

Spuren von Kunst und Holz

Der vielfältig aktive Künstler Norbert Kiening zeigt in der Schwäbischen Galerie des Museums Oberschönenfeld in einer umfangreichen Einzelausstellung Arbeiten aus den letzten beiden Jahrzehnten.

»Mein innerer Wald« überschreibt Norbert Kiening, der bei Diedorf lebt und arbeitet, seine Ausstellung in Oberschönenfeld, in der er rund 50 Werke aus Malerei, Zeichnung, Holzschnitt und Skulptur zusammengeführt hat, die in den letzten beiden Jahrzehnten entstanden sind. Die schöne Metapher konturiert lässig den Wald als solchen: mythischer Sehnsuchtsort, Raum der Erholung, Ruhepunkt, Holzlieferant, Klimaschützer.

Natürlich zielt der Titel der Ausstellung auch auf das Jahresthema der Kultureinrichtungen des Bezirks Schwaben – »#holzbaden« –, doch dies gibt nur den äußeren Rahmen für Kienings tatsächliches Anliegen. Der Wald wird für den Künstler zu einem unbestimmten Ort innerer Zustände, an dem Gefühle miteinander arbeiten, zu einem Ort, an dem manchmal auch der Wald hinter lauter Bäumen verschwindet. Tradierte Wald- und Baummythen spielen für Kiening keine Rolle, im Fokus steht vielmehr die sinnliche Materialität des Holzes. Das Motto kommt nicht von ungefähr: Allen Arbeiten gemeinsam ist ein enger Bezug zum Werkstoff Holz, sei es als Skulptur aus Lindenholz, einem bewährten Bildhauer-Grundstoff, oder als Druckstock von Kienings Holzschnitten. In Bildern und Zeichnungen hingegen sind Holz und Wald eher sphärisch präsent.

Holzschnitte, oftmals von gewaltigem Format, erweisen sich als Konstante in Kienings Werk. Von Beginn seines freikünstlerischen Schaffens an pflegt er, der gelernte Buchdrucker und studierte Gestalter, eine innige Beziehung zu diesem Verfahren. Er arbeitet in seinen Holzschnitten das Prozesshafte dieser Technik heraus, indem er den hölzernen Druckstock nach jedem Abzug erneut bearbeitet, sodass sich das Bildgeschehen permanent verändert und jeden Druck zum Unikat werden lässt, wodurch, anders als in der tradierten Technik des Holzschnitts, keine weitere Vervielfältigung möglich ist. Kienings spezielles Vorgehen verweist nebenbei auch auf die Methode des Mehrfarbendrucks, bei dem in Einzelschritten Farbe für Farbe übereinander gedruckt wird.

In Kienings Umgang mit Farbe ist ein Bezug zu seiner buchdruckerischen Basis zu erkennen, denn grundsätzlich arbeitet der Künstler mit den vier Farben, aus denen im Druck alle Farben dieser Welt erwachsen können. Folgerichtig mischt er die in seinen Arbeiten präsenten Farbtöne aus eben diesen vier Grundfarben.

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Abstrakt, kraftvoll, dynamisch

Auch wenn man in Kienings Bildern Landschaften erkennen möchte, erweisen sich diese als abstrakte Kompositionen, deren Farbräume mit kraftvollen Linien und Spuren in eine Form gebracht werden, die dynamisch in die Tiefe führt. Kiening malt nicht allein, er bearbeitet seine Leinwände. Acryl- und Ölfarbe prallen aufeinander, wodurch die Trocknung und in der Folge auch die Oberflächenstruktur beeinflusst wird, zudem traktiert er das Gemalte mit weiteren Werkzeugen, er gräbt hinein, kratzt, bricht auf. All dies ist nicht die Umsetzung eines zuvor klar definierten Plans, sondern wird Schritt für Schritt angepasst – wie in vielen von Kienings Arbeiten ist hier zu erkennen, dass er sehr am Prozess interessiert ist; der Weg ist das Ziel …

Den offensichtlichsten Bezug zum Waldthema haben Kienings hölzerne Skulpturen aus Lindenholz, dem bevorzugten Material spätgotischer Bildhauer. Doch der Künstler bearbeitet seine Werkstücke neben dem tradierten Werkzeug auch mit der Kettensäge, die Linien und Scharten in das Holz gräbt, wobei Kiening die mitschwingende implizierte Möglichkeit der Zerstörung der oftmals filigranen und hauchdünnen Arbeiten einbezieht. Die geringe Größe vieler Skulpturen verleiht diesen beinahe modellhaften Charakter, womit man gar nicht so falsch liegt, denn Kiening arbeitet künstlerisch oft in einem architektonischen Zusammenhang, sprich: Kunst am Bau. So findet sich in Stadtbergen die farbig gefasste Holzskulptur »Balanced Standing« in einer in Bronze gegossenen Version.

Wie seine anderen Werke sind Kienings Skulpturen abstrakt, wenn auch der jeweils kulturell geprägte Verstand gerne Gegenständliches hineininterpretieren möchte, wie bei der ypsilonähnlich strukturierten Arbeit »Remember«, die vage an eine Kreuzigung erinnern könnte. Doch genau diese Vielzahl von Möglichkeiten der Betrachtung und der Lesart, die individuell ablaufen, machen das Sehen und Erleben so reizvoll und einen Besuch der Ausstellung so empfehlenswert, in der Kiening, der sich im Übrigen auch als Motor des BBK verdient macht, einen konzentrierten Überblick über sein Schaffen ermöglicht.

Wer darüber hinaus eine weitere Facette von Kienings Kunst erfahren möchte, dem sei ein Besuch in der Zweigstelle des Jüdischen Museums in Augsburg-Kriegshaber empfohlen, wo dankenswerterweise die konzeptuelle Spiegel-installation »Die unsichtbare Frau« dauerhaft zu sehen ist.

Informationen und Termine des Begleitprogramms, darunter ein Künstlergespräch mit Norbert Kiening, finden sich auf der Website des Museums. Zur Ausstellung erscheint ein kleiner Katalog (10 Euro) mit zahlreichen farbigen Abbildungen und einer Einführung der Malerin und Kunsthistorikerin Karin Haslinger.

»Mein innerer Wald«. Holzschnitte, Skulpturen und Bilder von Norbert Kiening | Schwäbische Galerie, Museum Oberschönenfeld | bis 15. August 2021 | Di – So 10 – 17 Uhr

www.mos.bezirk-schwaben.de

Bildunterschrift
Norbert Kiening, Foto © Bettina Kohlen