Ausstellungen & Kunstprojekte

Schlangenhaut der Stadt

Iacov Grinberg
26. Juli 2019

In Augsburg stößt man häufig auf Namen wie Vogeltor, Jakobertor, Fischertor und sieht dabei einige alte Bauten. Bei einer Stadtführung sagt man Ihnen, dass der Königsplatz für Augsburg ein relativer Neuling ist, im Unterschied zum Moritzplatz, der schon eine jahrtausendelange Geschichte hat. Statt des Königplatzes stand noch Mitte des 19. Jahrhunderts das Gögginger Tor. Das alles sind Reste der städtischen Mauer. Ihr ist die neue Ausstellung im Grafischen Kabinett gewidmet: »Augsburgs Wehr und Zier. Die Stadtmauer«.

Die Stadtmauer ist allmählich zusammen mit der Stadt gewachsen. Alles hat mit römischen Legionen begonnen, die ihr Lager mit den üblichen Mitteln sicherten, mit Gräben und Palisaden. Danach wurden diese Befestigungen auf die umliegenden Siedlungen ausgebreitet, wo Handwerker und Kaufleute lebten. In der Ausstellung wird eine Landkarte aus dem frühen 19. Jahrhundert präsentiert, welche die Stadtbefestigungen für das Jahr 550, das Jahr des allgemein anerkannten Ablebens des Römischen Reiches, zeigt. Die Umrisse sind archäologisch bestätigt, darauf gezeigte Gebäude sind leider fast reine Erfindung.

In der Nähe dieser geschützten römischen Siedlung sind einige Kloster entstanden, die meist als Festungen gebaut wurden. Verschiedene große und kleine Herrscher führten zahlreiche Kriege, ihre Söldner raubten in den eroberten Gebieten. In Klöstern waren nicht nur Mönche, auch kirchliche Gegenstände aus Gold und Silber sowie Lebensmittelvorräte wurden aufbewahrt – eine begehrte Beute. Kleine Siedlungen von Handwerkern brauchten Schutz. Die Stadtmauer wächst bis 1550 weiter an.

Die Mauer in dieser Form ist auf vielen Karten und Plänen dargestellt, sie wurde mit einem mit Wasser gefüllten Graben rundum gestärkt und diente lange Zeit zur Verteidigung der Stadt, auch während der Belagerung von Bayerischen und Französischen Truppen 1703/1704. Einige Zeichnungen veranschaulichen die Beschädigungen der Mauer während dieser Belagerung und nachfolgende Reparaturen. Ziegel und Kanonenkugeln aus Stein werden im Grafischen Kabinett präsentiert.

Mauern und Tore dienten nicht nur zur Verteidigung, sondern auch zur Ordnung. Eine Verordnung des Stadtrates aus dem 18. Jahrhundert schildert, wer wann in die Stadt und aus der Stadt heraus drufte, wo welcher Zoll für welche Waren erhoben werden sollte.

1806 wurden die Augsburger von freien Reichsstädtern zu Provinzlern in dem von Napoleon geschaffenen Königreich Bayern degradiert. Den katholischen Bayerischen Herrschern war das paritätische Augsburg lange Zeit ein Dorn im Auge. Auf Landkarten, die für Handelsleute verlegt wurden, war das reiche und erfolgreiche Augsburg mit einem wesentlich größeren Kreis als die Residenzstadt München versehen. Der bayerische König hat Augsburg zur Festungsstadt ernannt und dadurch in die Stadtmauer gesperrt. Alles, was in weniger als 1.500 Metern von der Stadtmauer nach außen gebaut wurde, konnte ohne Entschädigung abgerissen werden. Sie sollten sich also nicht wundern, dass sich ein katholischer Friedhof mitten in der Stadt, ca. 100 Meter vom Königsplatz entfernt, befindet: Damals war er außerhalb der Stadtmauer, wie auch der protestantische Friedhof rund 300 Meter vom Roten Tor.

Diese Eingrenzung verhinderte die Entwicklung der Stadt. 1866 hat sich die Stadt freigekauft. Teile der Mauern, Türme und Tore wurden allmählich abgetragen. Vor dem Abriss wurden hölzerne Modelle der Bauten gemacht, einige kann man heute im Maximilianmuseum bewundern. Viele andere können nur auf Zeichnungen, Bildern und Fotografien betrachtet werden. Die Stadt hat die Mauer abgezogen, wie eine Schlange im Laufe ihres Wachstums ihre alte Haut verliert.

Die Ausstellung »Augsburgs Wehr und Zier. Die Stadtmauer« im Grafischen Kabinett veranschaulicht einen wesentlichen Teil der Stadtgeschichte. Ein Besuch ist noch bis zum 6. Oktober möglich.

www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de

Abbildung: Simon Grimm – Vogeltor mit Graben und Vortor, um 1670

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