Klassik

Nicht nur sonnig gestimmt!

Mit ihrem ebenso anspruchsvollen wie abwechslungsreichen »Summertime«-Programm zauberte die Bayerische Kammerphilharmonie am Sonntagvormittag im Rahmen der »Klassik Open Air«-Reihe die Sonne auf den Elias-Holl-Platz, gemahnte mit der musikalischen Atmosphäre einiger Werke aber auch an die dunkleren (Pandemie)-Phasen der jüngsten Vergangenheit.

Der Blick auf die Komponisten, die man für die nahezu ausverkaufte Matinee am Elias-Holl-Platz ausgewählt hatte, ließ mit Mascagni, Astor Piazolla, Nino Rota oder John Williams auf ein vorwiegend sehr publikumsfreundliches Programm schließen. Und auch die Überschrift »Summertime« weckte vermutlich die Erwartung an ein rein sonnig und heiter gestimmtes Programm. Doch ganz so leicht machte es die souverän und motivierend von Konzertmeister Gabriel Adorján geleitete Bayerische Kammerphilharmonie – diesmal in reiner Streicherbesetzung – ihrem Publikum eben nicht.

Vermutlich bewusst streute sie auch Kompositionen ein, die dank ihres emotionalen Gehalts an Schmerz und Trauer, Verlust und Wehmut gemahnten. Bei all dem lauten Jubel über die jetzt wieder möglichen Konzerte schien es in der Tat mehr als statthaft, mit musikalischer Sensibilität auf die lange, dunkle Phase der entbehrungsreichen und konzertfreien Zeit zu verweisen, zumal wenn dies mit derart hoher orchestraler Präsenz einher geht. Spieltechnisch – wie etwa in den vier so komplexen, mal tänzerisch, mal schwermütig angelegten Sätzen von Josef Suks 1892 entstandener Serenade für Streichorchester – betörte wie gewohnt das unfassbar präzise, sich »blind« aufeinander verlassende Zusammenspiel des gar nicht mehr so jungen Klangkörpers (immerhin feiert die Bayerische Kammerphilharmonie ihr 30-jähriges Bestehen!). Eine wahre Wonne, sich als Hörer dieser musikalischen Ideal-Linie anzuvertrauen, die unaufdringlich und nie effektheischend die Bandbreite an Dynamik und Phrasierung nutzt, um die Charakteristik jeder Komposition stilistisch und geschmackvoll auszuleuchten. Schon der farbig orchestrierte und elegant gemeisterte Auftakt mit Joaquin Turinas »Gebet eines Toreros« machte deutlich, dass die Orchestermusiker*innen die auftrittsfreie Zeit nicht »tatenlos« hatte verstreichen lassen und neben den digitalen Aktivitäten und einer CD-Einspielung immer noch weiter an ihrer ohnehin bemerkenswert profunden Klangästhetik feilten.

Lupen-und intonationsrein berührte auch Samuel Barbers »Adagio for strings«, das nahezu synonym für Trauer steht und sich bestens ins Konzept fügte, ohne für einen Moment plakativ zu wirken. Das sinfonische Intermezzo aus Pietro Mascagnis berühmter Oper »Cavallaria rusticana« leitete perfekt über zu John Williams Oscar-prämiertem, bittersüßen »Theme from Schindler’s List«. Raffiniert, wie die Streicher dann die sinfonische Wucht von Piazollas »Tango Nr.1« spiegelten, so dass man als Hörer keine Sekunde das sonst so charakteristische Bandoneon vermisste. Überdies war festzustellen, wie umwerfend Tango auch ganz ohne Tanz sein kann, wenn er aus Piazollas klassisch inspirierter Feder kommt. Versöhnliche, wahrhaft schwelgerische Töne samt Wiedererkennungswert steuerte zum Finale das Liebesthema aus »Der Pate« von Nino Rota bei, ehe die Zugabe »Summertime« dann auch den Konzert-Titel mit musikalischer Emphase und zur intensiven Beglückung des Publikums einlöste.

Demnächst mehr zur wirklich attraktiven neuen Saison der Bayerischen Kammerphilharmonie und ihrer »unerhört«-Reihe, die – so viel sei vorab schon verraten – am 26. September in der Stadthalle Gersthofen mit keinem Geringerem als Martin Grubinger als Gastsolist einen fulminanten Start verspricht!