Politik & Gesellschaft

Mutmacherin

a3kultur-Redaktion

Seit dem Frühjahr ist Marina Bilotta Gutheil Chefin und Vorständin der VHS Augsburg, eine der größten und wichtigsten Bildungseinrichtungen der Region. Ein Interview von Jürgen Kannler.

Ihre Vita erzählt eine spezielle – diverse – Erfolgsgeschichte. Funktioniert diese spezielle Geschichte generell als Geschichte einer Mutmacherin oder ist sie zu individuell?

Ich möchte mit meiner Erfahrung Menschen auf ihrem beruflichen Weg unterstützen und Mut machen. Meine Vita ist sicherlich keine individuelle Geschichte – viele haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Bildung ist ein wichtiger Schlüssel und Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben. Wichtig ist es, sich nie unterkriegen zu lassen und immer an sich zu glauben.

Sie haben rund zehn Jahre als Expertin für Qualifizierungsfragen von Migrant*innen gearbeitet. Wie baut man Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein auf?

Die Frauen müssen da abgeholt werden, wo sie sind, und auf ihrem Weg zur Qualifizierung unterstützt werden. Es ist wichtig, sie zu coachen, Mut zu machen und ihnen durch Kinderbetreuungsangebote die Weiterbildung überhaupt erst zu ermöglichen. Außerdem ist es wichtig zu erkennen, dass Frauen oft der Mittelpunkt der Familie sind und ein Vorbild für ihre Kinder. Somit hat die Bildungsarbeit nicht nur Auswirkungen auf den Lebensweg der Frau selbst, sondern auch auf die ganze Familie.

Was gibt Ihnen Sicherheit?

Meine Erfahrung und meine reflektierte Arbeitsweise geben mir Sicherheit. Der Austausch mit Expert*innen, die Arbeit in Teams und ein offenes Miteinander machen Projekte erfolgreich.

Gibt es Punkte in Ihrer Karriere, an denen Sie sich – mit Ihrem heutigen Wissen – vielleicht anders hätten entscheiden sollen?

Es gibt den einen oder anderen Punkt in meiner Karriere, an dem ich mich gefragt habe, ob es die richtige Entscheidung war oder ob ich nicht zunächst hätte einen anderen Weg einschlagen sollen. Aber in der Rückschau haben sich diese Entschlüsse als richtig erwiesen.

Die vhs Augsburg ist eine der größten Bildungseinrichtungen der Region. Welche Verantwortung tragen Sie mit diesem Status?

Es ist eine große Aufgabe, die vhs Augsburg in die Zukunft zu führen. Bildung muss weiter­gedacht und weiterentwickelt werden. »Bildung für alle und lebenslanges Lernen« sind wichtige Beiträge für die Stadtgesellschaft. In diesen unsicheren Zeiten möchten wir die Bürgerinnen und Bürger begleiten und mit unserem vielfältigen Angebot an Veranstaltungen, Gesundheitskursen, Musik, Tanz, Kunst, Sprachkursen und vielem mehr, Zusammenhalt, Austausch  und Gemeinschaft fördern.  

Was meinen Sie – warum haben immer noch verhältnismäßig viele Menschen Vorbehalte gegenüber dem »Gendern«?

Haben denn viele Menschen wirklich Vorbehalte? Die Anwendung im Sprachgebrauch ist ungewohnt und sicherlich nicht einfach. Durch den Genderstern werden alle mitgedacht.

Auch wenn viele Menschen sich mit dem »Gendern« schwertun, heißt es nicht, dass sie die Vielfalt nicht sehen bzw. anerkennen.

Wie laut muss oder darf eine städtische Einrichtung sein, wenn es um Positionierungen geht?

Wir stehen für Vielfalt und gegen Rassismus, Diskriminierung und Antisemitismus ein. Es ist wichtig, Präsenz zu zeigen. Nicht nur im Großen, sondern auch im Kleinen ist es entscheidend, Position zu beziehen und Rückgrat zu haben.

Was sind Ihre Tipps zur Netzwerkpflege?

Offenheit und interessiertes Zuhören sind wichtige Schlüssel für ein gutes Netzwerk. Ich schätze die Zusammenarbeit in Kooperationen und den Austausch über Ideen.

 

Marina Bilotta-Gutheil, 58, hat spanisch-italienische Wurzeln und kam als Sechsjährige mit ihren Eltern von Barcelona nach Bayern. Bevor die Sozialpädagogin und Betriebswirtin die Leitung der Augsburger Volkshochschule übernahm, war sie viele Jahre bei der vhs München tätig. Bilotta-Gutheil ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn.