Politik & Gesellschaft

Leerstände, Konsum & Partizipation

Fabian Linder
27. Juli 2021

Stadtkultur mitgestalten – aber wie? Im Textil- und Industriemuseum lud das Netzwerk Degraux! zur Diskussion mit Playern institutioneller und freier Stadtraumgestaltung. Konkreter hätte es sein können, der getane Austausch aber: nötig und ein fruchtbares Experiment. Von Fabian Linder.

Vergangenen Samstag kamen Kulturschaffende zum »Forum Stadtkultur mitgestalten« im Textil- und Industriemuseum zusammen. Inmitten der Ausstellung »Who cares? Solidarität neu entdecken« ging es etwa um Fragen wie städtische Räume gestaltet werden können, um Stadtkultur sichtbar zu machen. Stadtkultur, so Julia Costa Carneiro, Veranstalterin vom Netzwerk Degraux!, sei ein offener Begriff, welcher sich prozessual mit der Gesellschaft entwickele. Damit ergänzen sowohl die Sonderausstellung als auch das Forumsgespräch das Rahmenthema des diesjährigen Friedensfests – Fürsorge. Stadtkultur als Form kultureller Teilhabe sowie Mitgestaltung kulturpolitischer Prozesse kann demnach durchaus als (Für-)Sorge betrachtet werden.

Input kam zunächst durch eine Podiumsrunde zustande unter Moderation von Julia Costa Carneiro. Anton Brokow-Loga von der Bauhaus-Universität Weimar stieg ein mit einem forschenden Verständnis von Stadtkultur, in dem zunächst Fragen nach den Akteuren, deren Handlungslogiken und dementsprechend Handlungsperspektiven nachbetrachtet werden. Einer »Beteiligungskultur« als Ausgang eines produktiven Miteinanders liege die Betrachtung zu Grunde, welche Plattformen einen solchen Austausch überhaupt ermöglichen, um eine breite Beteiligung zu finden.

Kulturreferent Jürgen Enninger schloss an, das Ziel in der Augsburger Stadtkultur müsse es auch sein, Kultur in Stadtteile zu bringen, »Menschen zu hören, Menschen Beteiligung zu ermöglichen und zu erreichen“. Dies heiße, einen Beitrag leisten können. Ein Beispiel sei etwa die in den letzten Wochen viel diskutierte Maximilianstraße. Durch Beteiligung wolle man »kulturelle Prozesse in Gang bringen«. Kunst sei als Methode der Stadtentwicklung zu verstehen.

Freie Szene an projekthafte Arbeiten gebunden

Susi Weber (Grandhotel Cosmopolis, Kulturbeirätin) stieg zunächst optimistisch ein. Es werde mittlerweile viel getan seitens der Institutionen, so etwa eine breitere Einbindung von Akteuren. Allerdings gebe es durch viele städtische Formate Herausforderungen. Viel sei innerstädtisch, Stadtteile damit außen vor. Zudem unterliegt die Freie Szene einer Grundproblematik. Abseits von Institutionen sei man stets auf das kontinuierliche projekthafte Arbeiten angewiesen. Auch wegen der Finanzierung. Man befinde sich stets in einer gewissen Prekarität. Daher brauche es allerdings Vermittlung, wie etwa durch den Augsburger Kulturbeirat.

Tobias Häberle (Stadtplanungsamt Augsburg) ist genau für diese Vermittlung vor allem in den Stadtteilen zuständig. Beteiligungsprozesse im Rahmen der Stadtentwicklung seien dabei nicht ganz einfach. Oft treffe man auf Vorurteile und die Angst, dass die Stadt hier über die Köpfe in den Stadtteilen hinweg entscheidet. Daher ist man auch auf Seiten der Stadt auf neutrale Moderatoren angewiesen. Zweifelsohne gebe es aber durchaus Unterschiede in den Stadtteilen bezüglich Partizipation. Gründe hierfür sieht Häberle auch in den verschiedenen Sozialstrukturen der Stadtteile.

Maria Trump (Staatstheater, Raumpflegekultur) machte darüber hinaus nochmal deutlich, wie notwendig vor allem Kooperationen zwischen freier Szene und Stadtteilen, aber auch dem Staatstheater seien. Man möchte in die Stadt hineinwirken. Andererseits gehe es aber auch darum, Leerstände, von denen es viele hauptsächlich in privater Hand in Augsburg gibt, zu bespielen.

Anhand ihrer Statements lotste die Moderatorin ihre Gäste durch die Debatte. Etwa dazu, welchen Beitrag Zwischennutzungen von Räumen zum Experimentieren leisten können. Raum in verdichteten Städten sei stets teuer und meist in privater Hand. Trotz Prekarität und ständiger Erneuerung bieten solche Zwischennutzungen stets einen Mehrwert, so Enninger. Räume sollten allerdings von Beginn an kapitalfrei sein, um eine monokulturelle Stadtentwicklung aufzubrechen und den Aufenthalt in der Stadt nicht an Konsumzwänge zu binden, kontert Susi Weber.

Dem stimmt Stadtentwickler Häberle zu. Man habe insbesondere in Oberhausen eine Vielzahl von Eigentümern leerstehender Läden angeschrieben, um Zwischennutzungen anzustoßen. Das Ergebnis sei ernüchternd gewesen. Es seien gute Beispiele nötig, um Privateigentümer zu überzeugen, welchen Mehrwehrt eine Zwischennutzung sein könne. So etwa in der Ludwigstraße 26, wie Maria Trump ergänzt. Dort habe man zusammen einen Leerstand temporär erschaffen, der auch räumlich eine Vielfalt von Möglichkeiten bietet.

Kulturreferent Enninger bremst ein wenig die Erwartungen an Zwischenräume, die sich meist in privater Hand befinden. Nutzungsänderungen seien teuer, insbesondere angesichts der Tatsache, dass man nie wisse, wie lange man einen Raum nutzen könne. Man wolle hier keinesfalls mit Steuergeldern privaten Eigentümern die Möglichkeit bieten, ihre Immobilien nach der Zwischennutzung mit möglichst hohem Profit wieder zu veräußern.

Urban Citizenship & gemeinsamer Raum

Das Forum sollte dabei nicht nur Input vom Podium liefern. In der zwischenzeitigen Pause gab es die Gelegenheit für Zuhörer und Referenten, miteinander ins Gespräch zu kommen, Fragen zu formulieren und dem musikalischen Pausenprogramm zu lauschen. In der nun für Publikumsstimmen geöffneten Diskussionsrunde näherte sich das gesamte Forum den zwischenzeitlich formulierten Fragestellungen. Dabei kam es mitunter zu recht kontroversen Debatten, angestoßen etwa von Kulturreferent Jürgen Enninger.

Zunächst stellte sich die Frage, wie Leute einbezogen werden können, die sich nicht zugehörig fühlen. Insbesondere Kinder und Jugendliche, aber auch die Stadtteile im Allgemeinen seien damit gemeint. Stadtforscher Anton Brokow-Loga führt das Konzept der Urban Citizenship ein. Man müsse »Städte als gemeinsamen Raum« zur Grundlage machen. In der Festigung der Zugehörigkeit zur Stadt könne man eine breitere Partizipation möglich machen, so die Annahme.

Welche Rolle die Kultur bei der Stadtentwicklung spielt und spielen will, diese Frage hatte sich Enninger in der Pause notiert und schob den Ball nun den Akteuren zu. Susi Weber verwies auf das Anliegen von Kunst und Kultur, »sich nicht vereinnahmen zu lassen«. Diese Freiheit wolle man sich erhalten. Man müsse einen sensiblen Umgang finden zwischen dem Ausschöpfen kreativen Engagements und einem Trotzdem-unbequem-Bleiben. Diese Gratwanderung zeige sich auch in der Frage, was wir brauchen. Bedürfnisse seien unterschiedlich. Man dürfe nicht bestimmen, was wer brauche. Dies sei ein Aushandlungsprozess, der in Freiräumen immer wieder von neuem angegangen werde.

Enninger konterte darauf mit einer feinsinnigen Provokation und mit der Absicht, diesen akademischen Diskurs aufzubrechen. Partizipation sei doch in der Innenstadt angekommen. In der Maximilianstraße sehe man doch, wie sich die Menschen ihre Stadt zu eigen machen. Sei es nun beim Feiern mit viel Alkohol oder um mit ihren Autos dort eine Runde zu drehen. Häberle setzte darauf noch die Feststellung, dass der öffentliche Raum ein partizipativer Raum sei.

Kulturbeirätin Weber konterte den beiden prompt. An Enninger gerichtet stellte sie die Frage, wie viel Platz denn in der Maximilianstraße sei. Diese sei hauptsächlich mit Gastro zugepflastert. Die Straße lade somit nur zum Konsumieren ein. Dies dürfte wohl nicht im Sinne aller Stadtbewohner sein. Auch an Häberle gerichtet ging die Kritik, dass der öffentliche Raum eben nicht den Bürgern, sondern der Stadt gehöre. Eine Gestaltung sei somit schwierig. Man sei abhängig von der Zustimmung der Stadtverwaltung. Es handele sich allerdings um eine politische Entscheidung, konsumorientierte Nutzungen einzuschränken, so Häberle. Ob das konsensfähig sei, daran zweifelt der Stadtentwickler.

Mehr ausprobieren, mehr zulassen

Aus dem Teilnehmerkreis kam der Wunsch an die Stadt, mehr auszuprobieren und zuzulassen. Man habe während Corona gesehen, was alles machbar sei. Vor allem brauche es einen Flächenausgleich in der Stadt. Die Pandemie sei auch ein Moment der Enttäuschung gewesen, weil realisiert worden sei, dass es in der Stadt viel zu wenig Plätze, Bänke und Parks gebe.

Auch wenn es noch ein Mehr an solchen Zwischen- und Freiräumen geben könnte, so gibt es immerhin ein paar wenige Kulturorte in Augsburg, die nicht konsumorientiert sind. So etwa das Neruda oder der Provino Club. Man stelle sich nur mal vor, ein Ort wie das Neruda existierte in der Maximilianstraße. Das Klima dort wäre ein ganz anderes, so die Annahme aus dem Forum.

Dennoch unterliegen viele dieser Orte von Beginn an der Prämisse einer Zwischennutzung. Die Krux daran ist, dass sich mit den gewachsenen Räumen und dem Ausprobieren in der Stadtgesellschaft Zwischenräume teils zu festen Größen etablieren. So etwa das Provino oder das Grandhotel Cosmopolis. Bei beiden laufen 2023 Pachtverträge aus. Hier sei auch die Stadt gefragt, wenn es um die Verstetigung für solche Räume geht. Etwaige Möglichkeiten der Stadt blieben in der Debatte allerdings offen.

Am Ende blieb das Forum ein bloßer Ort des Austausches. Konkrete Ideen und Konzepte, die man der Politik und Verwaltung mit auf den Weg geben könnte, blieben rar. Auch auf Veranstalterseite hätte man sich noch mehr Konkretes gewünscht. Dennoch braucht es Formate wie dieses, um abseits der Institutionen Austausch zu fördern und neue Perspektiven zu erörtern. In diesem Sinne ist das »Forum Stadtkultur (mit)gestalten« genauso Experiment einer lebendigen Stadtkultur wie es jede Zwischennutzung ist.

Foto: Fabian Linder

 

 

 

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