Festival

Lärmfilm

Jürgen Kannler
2. August 2021
Stummfilm-Open Air als Aufschrei

Stummfilm-Open Air als Aufschrei von Fabian Ballonausen

Augsburger Mehrfraukollektiv organisierte feministisches Stummfilm-Open Air Lärmfilm. Fünf Kurzfilme, zu Themen wie Care oder Geschlechtergerechtigkeit. Anliegen des Kollektivs ist es Themen und Situationen, in welchen sich Frauen nicht gehört fühlen durch den Stummfilm laut werden zu lassen. Im Anschluss debattierten Künstlerinnen wie Care-Arbeit das künstlerische Schaffen von Frauen beeinflusst. Rapperin Sophie Te begleitet musikalisch. Das von weiteren Organisationen unterstützte Format setzt das Rahmenthema Fürsorge des Augsburger Friedensfests um.

Die Pandemie zwingt viele Veranstaltungsformate nach draußen und macht sie abhängig vom Wetter. Der kurze Schauer am Freitagabend verzögerte das feministische Stummfilm-Open Air im Brunnenhof des Zeughauses nur marginal. Über 30 Künstlerinnen, Technikerinnen und Musikerinnen waren beim Dreh der Kurzfilme beteiligt. Ziel sei es, durch die selbst gedrehten Stummfilme Themen wie Care-Arbeit und Geschlechtergerechtigkeit laut werden zu lassen, so Lone vom Mehrfraukollektiv. Das Kollektiv gründete sich vergangenes Jahr als Plattform für Austausch und Vernetzung.

Fünf Stummfilme in Eigenregie »Surrealistisch, Kontrast, Gegensätze«, das solle der Film »Verputztes Leben« ausdrücken. Konkret geht es um Frauen im Haushalt. Während im Hintergrund mit lebendigen Aufnahmen aus der Stadt der Alltag fließt und vorübergeht, stellt der Film Frauen und Hausarbeit in den Vordergrund. Noch immer wird es schließlich als gesellschaftlich normal betrachtet, dass Frauen alltäglich einen Großteil der Hausarbeit leisten. Mit der Kontrastierung im Film solle darauf aufmerksam gemacht werden.

Anders verhält es sich mit »We will not be silenced«. Der Film macht auf das Phänomen des Catcalling aufmerksam. Darunter wird insbesondere sexuelle Belästigung auf der Straße, etwa durch Nachrufen anzüglicher Bemerkungen verstanden. In Augsburg machten zuletzt Aktivistinnen auf Catcalling aufmerksam, indem solche Bemerkungen mit Kreide auf die Fußwege vor Rathaus und Co. geschrieben wurden. In den kurzen Filmszenen ist zu erkennen, wie Frauen beim Gang durch die Stadt auf sexistische Parolen und Aussagen treffen. Am Ende werden diese Parolen übersprüht, Plakate mit solchen Aussagen abgerissen. Ein Plädoyer Catcalling nicht zuzulassen.

»Seilschaft: good weibs only« erzählt etwa über Frauen in den Bergen und der Leidenschaft des Bergsteigens. »Innen« greift die Innenansichten von Frauen auf und thematisiert mit welchen vielfältigen und widersprüchlichen Erwartungen Frauen im Alltag zu kämpfen haben.
Der letzte Film an diesem Abend leitet ein, was im Anschluss debattiert wird - »Zu Schaffen vor dem Schaffen«. Die Herausforderung für kreative Frauen besteht darin vor dem künstlerischen Erschaffen noch allerhand zu schaffen. Die Protagonistin in den realistisch gedrehten Szenen ist stets kurz davor etwa mit der Gitarre das Haus zu verlassen. Eine ellenlange To-Do-Liste ist das Hindernis in diesem Stummfilm. Am Ende des Tages ist dann auch alles geschafft, allerdings auch die Protagonistin. Ermüdet und kraftlos wird Sie an diesem Tag nichts mehr erschaffen.

Nach dem Stummfilm die laute Debatte
Das Podium versammelt neben der städtischen Gleichstellungsbeauftragten Barbara Emrich Augsburger Künstlerinnen. Nontira Kigle, Designerin und Mutter, ist bekannt für ihre Illustrationen, die Sie oftmals auch für Kulturveranstaltungen der Stadt macht. Petra Götz ist freiberufliche Illustratorin, Holz-Bildhauerin und gestaltet unter Anderem Spielplätze. Zusätzlich pflegt, die Mutter und Künstlerin auch ihre Eltern. Elena Hörr spielte mit der russischen Band IVA NOVA Konzerte überall in Europa, musste allerdings auch schon Mathe-Nachhilfe geben, um ihre Kinder fast allein zu versorgen. Gegenwärtig studiert Sie Tontechnik und arbeitet ein paar Stunden die Woche bei einem Pflegedienst.

Unter der Moderation der Popkultur-Beauftragten Barbara Friedrichs, selbst Mutter, näherte sich die Runde den Herausforderungen durch Care-Arbeit für kreative und kulturschaffende Frauen. So sei etwa viel zeitliche Flexibilität nötig. Während Corona wurden diese Herausforderungen nochmals verstärkt. Gleichzeitig stellte sich auch die Frage, wie etwa Auftraggeber mit den berufstätigen Müttern umgehen. Bei den meisten sei ein Grundverständnis da. Schließlich haben auch ihre Auftraggeber meistens Kinder, äußert Nontira Kigle. Auch hier komme es darauf an zeitliche Puffer mit einzuplanen oder etwa ein Team hinter sich zu haben, das einen unterstützt, wenn es mal knapp wird.

Dennoch sei es weiterhin problematisch, dass ein Großteil der Erziehungs- und Care-Arbeit hauptsächlich bei Frauen liegt, gab Barbara Emrich weiter zu bedenken. Die Belastung dann auch noch die eigene Selbstständigkeit und Kreativität mit unter einen Hut zu bringen, sei außerordentlich hoch. So brauche es immer noch eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung für Care-Arbeit, nicht nur in der Familie, plädiert Emrich.
Letztlich griff die Debatte auch noch eine Reihe von Fragen und Anmerkungen aus dem Publikum mit auf. So sei es etwa manchmal auch ein Privileg viel Freiraum in der Arbeitsgestaltung zu haben. Insbesondere Mütter in prekären Beschäftigungen oder Schichtbetrieb hätten diese zeitliche Flexibilität oftmals nicht.

Musikalisches Finale mit Rapperin Sophie Te
Am Ende wurde das Stummfilm-Open Air dann nochmal richtig laut. Mit Sophie Te betrat nicht nur eine Mutter, sondern auch Rapperin und Freestylerin, die Bühne. Sophie Te ist bekannt in Augsburg, etwa von Formaten wie »Dem HipHop sein Haus« im Jugendzentrum Villa (früher K15). In ihren Songs verarbeitet Te etwa auch ihr Leben als Mutter. Im Song Mittagsschlaf thematisiert Sie die kurze Zeit, während das Kind schläft und Sie Zeit findet ihre Texte zu komponieren.

Mit dem feministischen Stummfilm-Open Air Lärmfilm schlägt das Mehrfrau-Kollektiv eine Brücke zwischen verschiedenen Aspekten des kreativen Schaffens und gesellschaftlich relevanten Fragen um das Thema Fürsorge. Die Verarbeitung dessen in den Stummfilmen ist nicht nur beeindruckend, sondern auch nötig.

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