Film

Kühe statt Cannes

Thomas Ferstl
8. Juli 2017

Filmfestivals sind für Cineasten und Laien gleichermaßen ein Highlight. Hochwertige Filme werden gezeigt und Rahmenprogramm, Stars und ihre Outfits sind Stoff für die unzähligen Klatschzeitschriften am Kiosk. Ich habe wirklich versucht, die Freizeit-Revuen und Neuen Blätter zu zählen, und bin dabei im Stehen am Zeitungsstand im Bahnhof eingeschlafen. Peinlich. Nicht peinlich, aber ärgerlich ist, dass der Besuch solch hochkarätiger Filmfeste wie Cannes oder Venedig teuer ist. Ganz nach dem Motto »think global, act local« lohnt sich ein Blick in die Region, und zwar nach Ballmertshofen. Zum 40. Mal zelebriert das Independent-Festival mit der Kuh vom 28. bis 30. Juli Film, Musik, Essen, Sport und Gemeinschaft. Circa 820 Kilometer von Cannes entfernt genießt man die Filme entspannt in der Dorfschule, einer Scheune und abends unter freiem Himmel. Geschlafen werden kann auf dem Campingplatz vor Ort oder im eigenen Camper. Romantischer geht es fast nicht. Mit welchen Filmen Sie sich im Laufe des Monats auf das Festival einstimmen können, lesen Sie hier:

»Ein Chanson für dich« (7. Juli, Premiere beim Lechflimmern) erzählt die fiktive Geschichte von Liliane (Isabelle Huppert). Sie arbeitet in einer Pastetenfabrik und führt ein eintöniges Leben. Die Zeiten, in denen sie als Chansonsängerin Laura große Erfolge feierte, sind längst vergessen und vorbei. Doch als sie den 22-jährigen Jean (Kévin Azaïs) kennenlernt, der in ihr den einstigen Star erkennt, ändert sich alles. Er verliebt sich in Liliane und überzeugt sie, dass es an der Zeit ist, ein Comeback zu wagen – auf der Bühne sowie in der Liebe.

Bavo Defurnes zweiter Spielfilm erinnert von der Geschichte her eher an eine Vorabendserie eines Privatsenders. Durch das zarte Spiel der Hauptdarsteller und die nostalgische Inszenierung der Handlung gelingt es diesem Film jedoch, den nötigen Anspruch für die Kinoleinwand zu erreichen, ohne an Leichtigkeit zu verlieren. Untermalt wird Lilianes Chanson-Comeback von der wunderbaren Pop-Jazz-Lounge-Musik der US-amerikanischen Band Pink Martini, die bereits in zahlreichen Filmen und Serien zu hören war. Selbst schuld, wer da nicht die Premiere unter freiem Himmel mit einem erfrischenden Weißweinschorle genießt.

»Dunkirk« (27. Juli, CinemaxX, Cineplex) widmet sich den realen Begebenheiten vom Mai 1940. Zu diesem Zeitpunkt sitzen circa 400.000 britische und französische Soldaten mutmaßlich in der Falle. Auf der einen Seite die Nazis, auf der anderen der unerbittliche Atlantik. Ein Ausweg und somit das Überleben scheint unmöglich. Doch unter dem Codenamen »Operation Dynamo« wird eine Rettungsaktion gigantischen Ausmaßes ersonnen, um die Männer heimzuholen. Aber die Zeit rennt.

Interessant an Christopher Nolans Großprojekt ist, dass man die Geschehnisse des Film aus drei verschiedenen Perspektiven erlebt: zum einen durch die Augen zweier von Harry Styles und Fionn Whitehead gespielter an Land stationierter Soldaten, vom Meer aus betrachtet durch die Augen von Mark Rylance und Cillian Murphy und aus der Luft durch die Augen eines Piloten, der von Tom Hardy verkörpert wird. Außerdem ist auch noch Kenneth Branagh als Marineoffizier mit von der Partie. An darstellerischer Leistung lässt dieser Film nichts zu wünschen übrig, und einen Kriegsfilm als Suspense-Thriller mit wenigen Dialogen und bombastischen Bildern zu inszenieren, das fesselt, beeindruckt und fordert den Zuschauer. Amerikanische Kollegen handeln diesen Film bereits jetzt als heißen Oscar-Kandidaten, ich kann mich dem nur anschließen.

Foto: In »Ein Chanson für dich« wagt die ehemalige Sängerin Liliane (Isabelle Huppert) ein Comeback und kommt in Konflikt mit sich selbst.

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