Kreativität verschieden verstehen

Iacov Grinberg
30. Januar 2018

Für mich ist berufsbedingt etwas in Technik geschaffenes dann kreativ, wenn es eine Weltneuheit ist und mit einem Patent geschützt ist, das die Weltneuheit bestätigt. Oder wenn es um ein Design geht, das Geschaffene eine bestimmte Ebene von Eigentümlichkeit aufweist, die durch eine Geschmacksmusterurkunde bestätigt ist. Diese Maßstäbe waren aber auf dieser Ausstellung kaum anwendbar.

Nicht nur Geld ist heute Opfer der Inflation geworden, sondern viele Begriffe teilen dieses Schicksal – darunter auch die Kreativität. Ich erinnere mich wie vor vier Jahren meine Frau ihren ganzen alten Metall- und Plastikschmuck gesammelt und unserer 12-jährigen Nachbarin geschenkt hat. Die hat begonnen alle Schmuckelemente anders anzuordnen, daraus eigenen Schmuck zu basteln, um ihn uns mit Stolz am Ende zu zeigen. Ich habe zwischen den ausgestellten Dingen ähnliche Kreationen erkannt.

Natürlich waren dort auch hochwertige Schmuckkreationen, einige sehr interessante Ideen im Bereich von Ohrringen und Anhängern, Ketten von verschiedener Verflechtung, große und kleine Ringe. Am meisten haben mir Arbeiten in Peyotetechnik der Augsburger Textilkünstlerin Marianne Beck gefallen (Foto). Sie waren nicht nur sehr schön, sondern auch ungewöhnlich. Und was mich hier am meisten wunderte: Es wurden Objekte aller Art verkauft, sowohl hochwertige Artikel als auch Bastelarbeiten.

Die Ausstellungsbesucher haben mit ihrem eigenen, nicht leicht verdientem Geld bestätigt, dass für sie Kreativität etwas anderes als für mich bedeutet. In der Pressemitteilung zur Ausstellung wurde »Deutschlands bekannteste und coolste Mützenstrickerin« vorgestellt. Ich habe die von ihr gestrickten Mützen angeschaut und dabei nichts interessantes finden können.. Die Mitteilung aber behauptete, sie habe mehr als 500 Mützen gestrickt und auch Prominente seien ihren bunten Kreationen verfallen. Aufgrund dieser Tatsachen sollten sich publizierende Schätzungen umdenken.

Ein ähnliches Bild gab es bei den Objekten aus Holz. Einerseits waren dort viele Objekte, bei denen man die natürliche Krümmung der Bäume oder die Verflechtung alter Wurzeln verwendet und die Eigenartigkeit der Maserung vorstellt. Und bei demselben Künstler, der sehr schöne Objekte aus verkrümmten Ästen zeigt, lagen daneben ganz einfache Holzfigürchen – offensichtlich Massenproduktion. Auf meine Frage, warum er dies tue, antwortete der Künstler, dass er um überleben zu können, für verschiedene Geschmäcker arbeiten müsse.

Im Übrigen war der Markt mit Gegenständen für diejenigen geeignet, die ihre Kreativität in Bastelarbeit selbst entfalten möchten: Unzählige Knöpfe, Textilstücke, Bänder von verschiedener Breite und Färbung, Stempel mit Mäusen, Kaninchen, Katzen und Kronen und wunderbare Lederstücke von verschiedener Färbung. Es waren auch genug Gratulations- und Dankeschönkarten von verschiedener Größe und Gestaltung.

Auch gab es andere Kuriositäten wie zum Beispiel Anhänger aus speziellem Plastik, die sehr realistisch verschiedene Bonbons imitierten. Es ist bekannt, dass Männer auf Bonbons sehr positiv reagieren. Es gibt nur eine Gefahr: Wenn ein Mann versteht, dass der Anhänger nicht natürlich ist, kann es sein, dass die Trägerin auch nicht natürlich ist. Es gab auch eine neue Art von Duftkerzen: In Ergänzung zu den »Männerkerzen« mit den Duftrichtungen »Golfplatz« oder »Whisky« wurde in diesem Jahr eine »Mädchenkerze – Einhornpups« mit dem Duft von Zuckerwatte und zarten Gewürzen angeboten.

Wenn diese Messe noch einmal nach Augsburg kommt (was wahrscheinlich im nächsten Januar der Fall sein wird) kann ich Ihnen, liebe Leser, empfehlen, sie zu besuchen, ungeachtet was Sie für kreativ und für nicht besonders kreativ erachten.

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