Festival

Mit Kartoffelsalat auf Brecht

Anna Hahn
6. März 2021

Der Abend begann zunächst mit den obligatorischen Begrüßungsnachrichten der Besucher*innen des Brechtfestivals, die sich gegenseitig im Chat neben dem Livestream einen schönen Kulturabend wünschten. Die Stimmung war scheinbar erst einmal gut und der Ton freundlich. Erfreulich zu sehen waren vor allem die vielen Grüße aus allen Teilen Deutschlands, aber auch Europas. »Hallo aus Südfrankreich« konnte man schließlich in einer Nachricht lesen, aber auch aus nicht so fernen Gefilden las man »Hallo aus Koblenz«, »Grüße aus Leipzig«, »Servus aus Bad Aibling«, »Guten Abend aus Köln«. Es ist schön zu sehen, dass sich die Vorteile des digitalen Festivals bemerkbar machen und das Angebot genutzt wird. Zahlen zur Reichweite des Festivals wären als abschließende Bilanz äußerst interessant.  

Der Freitag stand ganz im Zeichen von jungen Künstler*innen und ihrem Blick auf Brecht und seine Werke. Caroline Kapp und Lennart Boyd Schürmann studieren Regie an der Otto Falckenberg Schule in München und stehen kurz vor ihren Abschlüssen. Kapp wurde für ihren Beitrag von dem sogenannten Kartoffelsalat-Anschlag auf die Brechtstatue in Berlin inspiriert. 2014 bekannte sich eine Gruppe selbsternannter Schwabenhasser zu dem Anschlag auf das Konterfei und verdeutlichten damit ihren Unmut gegen schwäbische Investoren. Die Presse stellte damals aber fest, dass es sich nicht um schwäbischen Kartoffelsalat handelte, schließlich sei der ohne Mayonnaise, aber Fehler können schließlich passieren.

Kapp verwendete Animationen, setzte Brecht in die Welt des Computerspiels »Sims«, schnitt Fernsehbeiträge in ihr Werk und ließ »Brechts Frauen« als Zeuginnen des Anschlages zu Wort kommen. Kapp kombinierte die Causa Brechtstatue mit feministischen Themen und das witzig, modern und raffiniert.

Schürmann stellte eine One-Take-Produktion vor, die erst vor wenigen Tagen fertiggestellt wurde. Selbst die Festivalleiter Jürgen Kuttner und Tom Kühnel konnten den Beitrag nicht vorab sehen, wie sie im Studiotalk verrieten. Vielleicht war es der knappen Zeit geschuldet, dass der Ton des einstündigen Films leider nicht nachbearbeitet wurde. Obwohl die Lautstärke der Endgeräte auf Maximum standen, waren leider die Stimmen der Schauspieler*innen zum Teil schwer zu verstehen. Die Festivalcommunity monierte.

Ein absoluter Hörgenuss waren die Beiträge von Banda Internationale feat. Bernadette la Hengst (Foto, Stills © Brechtfestival/Engin Alaca) im tim und den sechs jungen Frauen von Snapped. Erstere brachten bereits letztes Jahr das Publikum mit ihren Rhythmen zum Tanzen und Schwitzen. »Banda Internationale« stammen aus Dresden und tourten 2015 durch Erstaufnahmelager, um geflüchtete Musiker*innen in die Band aufzunehmen. Das Publikum forderte euphorisch »Zugabe« und bemerkte »Ihr seid so derartig systemrelevant – da kocht der Stream«. »Snapped« gründeten sich extra für das Brechtfestival und texteten einen feministischen Song, der ins Ohr und in die Beine ging und alle begeisterte. Die Community kommentierte mit »Cool«, »Groovy« und »Mehr!«.

Vielleicht lag es am gestrigen Wettereinbruch mit Schnee und kalten Temperaturen, dass die Gemüter im Chat hingegen so erhitzten. Katrin Dollinger, Mitarbeiterin des Brechtbüros in Augsburg, begrüßt jeden Abend aufs Neue die Besucher*innen via Chat, gibt ihnen eine kurze technische Einführung und hilft bei Fragen. Auch sie musste gestern kurz in die Rolle der Streitschlichterin schlüpfen und bat alle darum die gegenseitigen Beleidigungen zu unterlassen. Heute scheint die Sonne, hoffentlich auch im Chat des digitalen Festivals.

www.brechtfestival.de

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