Film

Karls Kolumne

Thomas Ferstl
1. September 2021

Trotz des Erscheinens des neuen James-Bond-Blockbusters in diesem Monat drehen sich die Projektor-Rezensionen im September um einen ganz anderen Haudegen der Kinolandschaft: Milan Peschel. Projektor — Projektor, die a3kultur-Filmkolumne im September.

Milan Peschel ist zufälligerweise gleich in zwei Filmen zu sehen, die sich jeweils um eine Figur namens Karl drehen. Einmal spielt Peschel die komödiantische Hauptrolle, im anderen den zerbrochenen Antagonisten. Eine tolle Gelegenheit, das Handwerk und vor allem die Wandlungsfähigkeit eines Schauspielers unter die Lupe zu nehmen.

Das marode Freibad in Grubberg muss geschlossen werden, findet die Bürgermeisterin (Gisela Schneeberger). Die Chance für Bauherr Albert Dengler (Sebastian Bezzel): Die freie Fläche bietet jede Menge Platz für neue Wohnungen. Doch die beiden haben ihre Rechnung ohne Karl (Milan Peschel) gemacht. Denn er ist hier seit über 30 Jahren nicht nur der Bade-, sondern auch der Schwimmmeister, der »Beckenrand Sheriff« (9. September; CINEPLEX, Kinodreieck, Liliom)!

Um das Freibad zu retten, müsste ein Bürgerbegehren her. Doch woher soll Karl die benötigten 600 Unterschriften kriegen? Nicht mal die wenigen verbliebenen Badegäste sind gut auf den Grantler zu sprechen. Vor allem mit Dr. Rieger (Rick Kavanian) legt er sich ständig an. Selbst Sali (Dimitri Abold), der nigerianische Bademeister-Azubi, ist besser integriert als Karl, obwohl er eigentlich nur so schnell wie möglich aus Deutschland raus und nach Kanada möchte. Erst als Sali Lisa (Sarah Mahita) kennenlernt, wirdʼs kompliziert. Soll er lieber in Deutschland bleiben und Karl helfen? Mit dem Freibad würde er auch Lisas Zufluchtsort retten.

Passenden zum Ende des Kinosommers erfrischt diese Freibadkomödie ihr Publikum mit viel Humor und Leichtigkeit. Peschel als grantiger Bademeister und der tiefsinnigere Abold machen viel Spaß als kongeniales Duo. Kavanian, Bezzel und Schneeberger tun in kuriosen Nebenrollen ihr Übriges für die Lachmuskeln. Regisseur Markus H. Rosenmüller stellt seinen »Beckenrand Sheriff« am 8. September beim Lechflimmern und am 10. September beim Gersthofer Kinosommer vor.  Legen Sie schon mal ein Handtuch drauf, das lohnt sich.

Gemeinsam nach Lösungen für die katastrophale Lage des Kontinents suchen. rgendwo in Berlin, heute: Ein Postbote bringt ein Paket, kurz danach ist alles anders. Ein Terroranschlag trifft eine Familie ins Mark. Für Maxi (Luna Wedler) und ihren Vater Alex (Milan Peschel) wird eine ganze Welt zerstört. Auch die Gewissheiten der Vergangenheit sind zerstört und die Trauer verdunkelt alles. Da tut es Maxi gut, einen anderen jungen Menschen zu treffen: Karl (Jannis Niewöhner), der sie aus ihrer Lähmung befreit und sie auffordert, die Angst zu besiegen. Er hat ein Treffen europäischer Studierender organisiert, die gemeinsam nach Lösungen für die katastrophale Lage des Kontinents suchen. Die Aufgabe, die er Maxi dabei zuweist, könnte den Ausschlag für das Gelingen eines großen Plans geben. Zusammen tanzen sie auf Messers Schneide. Heute in Berlin, morgen in Prag, bald in Straßburg und schließlich in ganz Europa. »Je suis Karl« (16. September; CINESTAR, Kinodreieck, Liliom) ist eine Machtergreifung.

 

Der Titel ist eine klare Anspielung auf die Parole »Je suis Charlie«, die 2015 nach dem islamistischen Terroranschlag auf das französische Magazin »Charlie Hebdo« skandiert wurde. Charlie ist die Koseform von Charles, zu Deutsch Karl. Der Film hingegen ist eine klare Anklage der neuen Rechten. Regisseur Christian Schwochow mal einen Teufel an die Wand, wie er angesichts des politischen Rechtsrucks in einigen europäischen Staaten leider realistischer nicht sein könnte. Peschel überzeugt hier in einer Neben­rolle als traumatisierter Vater und tritt Niewöhner, der mit brillantem Spiel zwischen Charisma und Wahnsinn überzeugt, ebenbürtig entgegen. Äußert sehenswert, auch wenn man wegen der Realitätsnähe mit einem unguten Gefühl aus dem Saal geht.

Filmfigur des Monats: Milan Peschel

* Geboren am 17. Januar 1968 in Ost-Berlin
* Beruf: Schauspieler, Regisseur
* Ausbildung: Theatertischler, Deutsche Staats­oper Berlin, 1984–86
* Schauspielausbildung: Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, 1991–95
* Bayerischer Filmpreis (2011) und Deutscher Filmpreis (2012) für »Halt auf freier Strecke«

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