Politik & Gesellschaft

»Gute Führungsfiguren sind sich ihrer Verantwortung bewusst«

Anna Hahn
30. November 2021

a3kultur-Redakteurin Anna Hahn traf im Rahmen unserer Serie »Theater.Macht.Zukunft« die Intendantin des Landestheaters Schwaben Dr. Kathrin Mädler zum Gespräch über die Kommunikation zwischen Intendant*innen, Sexismus und aktuellen Anfeindungen vonseiten der AfD.

Grund für unser Treffen ist nicht zuletzt eine gelungene Publikation der Heinrich Böll Stiftung und nachkritik.de »Theater und Macht. Beobachtungen am Übergang«. Darin ist unter anderem auch ein Interview mit Ihnen zu finden. Bekamen Sie Reaktionen auf Ihr Interview bzw. auf die Publikation und wenn ja, welche?

Ehrlich gesagt keine konkreten, aber wir diskutieren das Thema natürlich – im Bühnenverein ganz ausführlich und auch hier im Haus täglich. Ich finde an der Publikation gut, dass sie so viele Seiten beleuchtet, und aus Sicht einer Intendantin bin ich dankbar, dass so viele Intendant*innen um ihre Perspektive gefragt wurden, weil ich in der aktuellen Debatte manchmal diese Multiperspektivität vermisse.

Entstand im Nachzug der Publikation ein Austausch zwischen den Theatermacher*innen?

Nein, so konkret durch die Publikation nicht. Aber es gibt generell einen starken Austausch in der Intendant*innengruppe. Zu Themen wie Führungsstrukturen und dem Wertekodex, an dem wir im Bühnenverein jetzt im Zuge der Jahreshauptversammlung wieder verschärft arbeiten, gibt es auch jenseits der Publikation viel Austausch.

Wird im Bühnenverein oder beim Intendant*in­nentreffen auch über Themen wie »Macht und Machtmissbrauch« diskutiert? Wie man damit umgeht? Wie sie verhindert werden können?

Im Bühnenverein ist der Diskurs um Macht, Machtstrukturen, Führungsstrukturen und Führungsleitlinien an den Theatern in den letzten Jahren zu Recht ein großes Thema geworden, das auch proaktiv in die Hand genommen wurde.

2018 hat es im Lichte von #metoo eine sehr große Debatte in Bezug auf sexuelle Übergriffe und sexuelle Machtbeziehungen in Kultureinrichtungen gegeben, als deren Ergebnis der erste Wertekodex des Bühnenvereins entwickelt worden ist. Der Wertekodex ist in einem großen, gemeinsamen Prozess entstanden, er ist also von vielen Kolleg*innen mitgestaltet worden und wird dadurch getragen. In dem Zuge hat der Bühnenverein auch die Vertrauensstelle Themis mitgegründet, die Vertrauensstelle für Oper sexueller Übergriffe in den Kulturinstitutionen.

Wir haben mittlerweile von ungefähr 50 Prozent der Theater in Deutschland eine Rückmeldung bekommen, inwieweit sie mit dem Kodex Prozesse angestoßen haben.

Es reicht eben nicht mehr, ein*e gute*r Künstler*in oder Regisseur*in zu sein

»Gute Führung bleibt immer auch eine Frage souveräner Persönlichkeiten«, diese Worte stammen von Ihnen. Wie oft sind Sie in Ihrer beruflichen Laufbahn auf Personen getroffen, die diese Eigenschaften nicht aufweisen?

Man muss zunächst Strukturen schaffen, in denen eine gute Basis für ein respektvolles Miteinander gesetzt ist, und auch dafür, dass jemand seine Macht gebraucht, aber nicht missbraucht. Allerdings bin ich auch der Überzeugung, dass es im Theater Menschen braucht, die Verant­wortung übernehmen, die bereit sind, zu führen und die bereit sind, nach vorn zu gehen und nicht nur für künstlerisches Programm einzustehen, sondern auch Personalverantwortung zu übernehmen. Es reicht eben nicht mehr, ein*e gute*r Künstler*in oder Regisseur*in zu sein, sondern man muss ein Unternehmen auch führen können, und dafür braucht man bestimmte Qualifikationen.

Trotzdem ist es auch eine Persönlichkeitsfrage, wer eine gute Führungspersönlichkeit ist, und das hat viel mit Souveränität zu tun. Die wirklich guten Führungsfiguren sind sich ihrer Verantwortung bewusst, haben sich Qualifikationen erarbeitet und sind von ihrer Persönlichkeit her in der Lage, auch mal zurückzutreten.

Sie sind Intendantin des Landestheaters Schwaben in Memmingen, einem wichtigen und großen Theater in unserer Region. Wurden Sie selbst auf dem Weg dorthin schon einmal mit veralteten Machtstrukturen oder Sexismus konfrontiert?

Ich glaube, jede Frau hat schon vielfach Sexismus erlebt. Ich bin der Überzeugung, dass es auch jetzt noch unglaublich festgefahrene patriarchale Strukturen gibt, man muss sich nur die Zahlen anschauen. Intendantinnen sind nach wie vor der verschwindend geringe Teil und unter den Intendant*innen gibt es immer noch ein stark männlich dominiertes Netzwerk, das spürt man als Frau immer wieder.

Ich habe aber großes Glück gehabt, weil ich immer in Teams gearbeitet habe, wo ich das Gefühl hatte, dass das Geschlecht keine große Rolle gespielt hat und wo ich früh auch selbst eine Autorität behaupten und Verantwortung übernehmen durfte. Viele gesellschaftliche Strukturen – ob das die Kultur ist, die Wirtschaft, oder auch die Lokalpolitik – sind immer noch stark männlich dominiert; man begegnet immer wieder sexistischen Verhaltensweisen, patriarchalem Gestus und Chauvinismen. Es muss sich noch sehr viel ändern, und das kann nur dadurch passieren, dass mehr Frauen in allen Bereichen der Gesellschaft tätig werden und so eine Verschiebung verursachen.

Ich glaube überhaupt nicht, dass kollektive Führung das Allheilmittel ist

Ist das Konzept des Intendant*innentheaters reformbedürftig?

Es ist immer ein großes »Es kommt darauf an«. Es kommt auf das konkrete Theater an, es kommt auch auf die Person an, die in der Führungsposition ist. Ich glaube überhaupt nicht, dass kollektive Führung das Allheilmittel ist, als das es oft verkauft oder gepriesen wird. Ich glaube schon sehr daran, dass die Theater Betriebe sind, die dringend eine gewisse Hierarchie im Hinblick auf Verantwortungsübernahme brauchen, weil die Prozesse so komplex sind.

Der Kern ist der Respekt vor allen, die am Theater arbeiten, mit ihrer jeweiligen Expertise. Ich glaube zutiefst an Expert*innentum und an Respekt vor dem jeweiligen Expert*innentum, und daraufhin müsste man die Struktur nochmals überprüfen und verbessern.
Ich finde auch Kontrollinstanzen einen wichtigen Faktor, also die Frage, wem ein*e Intendant*in Rechenschaft schuldig ist, wem er*sie Bericht erstatten muss und wie Erfolg von einem Theater gemessen wird. Diese Alleinherrscher*innen-Intendanz ist aus meiner Sicht ein Mythos, denn es gibt diese Kontroll­instanzen, sie müssten nur klarer benannt und installiert werden.

Ich bin außerdem überzeugt davon, dass die Befristung der Theaterverträge nach dem tariflichen NV Bühne aus künstlerischer Sicht sehr sinnvoll und richtig ist. Das deutsche Theater hat auch deshalb eine solche Qualität hat, weil viel Wechsel passiert.

Welchen Weg müssen Ihre Angestellten gehen, wenn sie Opfer von Machtmissbrauch geworden sind? Gibt es an Ihrem Haus oder in der Stadt eine Ombudsstelle?

Wir sind ein kleines Haus mit nur 55 Leuten und haben vor zwei Jahren mit allen zusammen einen kleinen Prozess um den Wertekodex herum gemacht. Damals haben wir zum Beispiel Vertrauenspersonen für das Haus gewählt, also neutrale Personen, die als Ansprech-partner*innen in solchen Situationen zur Verfügung stehen. Es gibt natürlich auch die Solovorstände und den Personalrat. Der Wertekodex ist von allen im Haus unterschrieben, er wird allen Verträgen und Gastverträgen beigelegt und ist somit auch verbindliche Leitlinie für alle, die ans Haus kommen.

Es ist Ihre letzte Spielzeit hier am Landestheater Schwaben, ab nächster Spielzeit werden Sie dann Intendantin in Oberhausen. Wie bereiten Sie sich auf das neue Haus und Ihre Aufgaben vor?

Man studiert natürlich sehr genau, wie die Struktur dort ist. Wir sind eine Doppelspitze, eine Frauenspitze, die Verwaltungsdirektorin und ich. Dieses gute Modell war vorgegeben, aber was die künstlerische Abteilung angeht, habe ich natürlich Freiheit, sie so zu gestalten, wie es unserer künstlerischen Idee entspricht. Das läuft parallel: Neugestaltung und Analyse dessen, was schon da ist. Im Moment passiert das aus der Ferne. Manchmal ist das gut, weil man einen Draufblick hat und dadurch Strukturen vielleicht klarer bewerten und analysieren kann.

Sie sind derzeit selbst Opfer von Anfeindungen von rechter Seite. Die AfD reichte kürzlich einen Antrag im Kreistag ein und kritisiert darin die »Ideologie« des Theaters. Ihr Programm sei zu feminis-tisch, zu links und stünde für eine naive multikulturelle Utopie. Sie erfahren aber auch viel Solidarität. Wie nehmen Sie das wahr?

Ich fand es sehr ermutigend, dass diese Anfrage der AfD von allen übrigen Fraktionen im Kreistag so glatt abgeschmettert wurde. Es wurde nicht einmal eine Diskussion zugelassen, der OB, unser Verbandsvorsitzender hat sich sofort vollkommen klar geäußert, dass es keine Zensur gebe, und sich gar nicht weiter auf eine Debatte eingelassen. Man merkt, dass die Theater, die Freiheit der Kunst doch recht starke Instrumente sind und dass unsere demokratischen Institutionen gut funktionieren.

Gleichzeitig gibt es diese kleine Gruppe von durchaus sehr gefährlichen Strategen, möchte ich hier fast sagen, denn es geht hier ja nicht um die inhaltliche Auseinandersetzung mit Theater, sondern es ist die Kulturkampfstrategie der AfD. Zum einen wird dadurch ein aggressives Klima geschaffen. Das hat eine Anschlussfähigkeit nach ganz weit rechts, wo es Gewaltpotenzial und Hasspotenzial gibt. Und zum anderen schüren sie eine bestimmte Stimmung mit Aussagen wie »Die machen eh nur Sachen, die nur eine Minderheit interessieren«, mit denen sie vielleicht auch Menschen vor Ort erreichen. Das macht mir zurzeit ein bisschen Sorgen, weil es jetzt natürlich – auch angesichts von Corona – darum gehen wird, wohin öffentliche Gelder gehen und wo man sie für verzichtbar hält.

Was mich am meisten umtreibt, ist die Frage, inwieweit man den Kampf aufnimmt. Wie viel Aufregung oder Wut ist angebracht? Wie viel Aufmerksamkeit gibt man diesen Dingen? Man hat natürlich den Impuls, sich öffentlich zu positionieren, um eben auch die andere Stimme laut werden zu lassen. Es ist immer eine Gratwanderung, inwieweit man dann vielleicht auch deren Strategie auf den Leim geht.  

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