Ausstellungen & Kunstprojekte

Fürchte das Fachwerk

Manuel Schedl
3. Mai 2022

Der Leipziger Titus Schade schafft mit klarer Handschrift rätselhafte, geradezu unheimliche Orte. Zur neuen Ausstellung im Holbeinhaus.

Nein, in diesen Orten möchte man nicht leben. Aber irgendjemand tut es. Oder hat es vor gerade einer Sekunde noch getan. Davon zeugen glimmende Lagerfeuer, Scheiterhaufen gleich. Letzte Rauchfahnen erheben sich aus den Schornsteinen der Fachwerkhäuser in den nachtschwarzen Himmel. Und überall sind brennende Kerzen aufgestellt, noch nicht weit heruntergebrannt. Was ist hier los? Was ist geschehen?

Giebel wie Skalpelle

Es sind Un-Orte, die Titus Schade da erschafft und unter dem Titel »Durchgang« präsentiert. Sie erinnern zunächst an profane Landschaftsmalerei, könnten Schleiz im Vogtland ebenso darstellen wie Bauerndörfer in Flandern  – wenn da nicht so vieles wäre, was irritiert: Da geht ein zweiter Mond auf. Da ragen Häusergiebel klar und scharf wie Skalpelle in den nachtschwarzen Himmel, der sich an einer Stelle öffnet. Perspektivwechsel und Gleichzeitigkeit machen schwindeln. Und dann diese unangenehme Abwesenheit des Menschen, obwohl seine Spuren überall zu sehen sind: im Feuer, in den Graffiti an der Wand, im verstreuten Holz. Und auch die Kunsthallen, so scheint es, bleiben von dieser jüngsten Auslöschung nicht verschont.

Neue Generation der Leipziger Schule

 

Schade, Jahrgang 1984, darf getrost zur »Neuen Leipziger Schule« gezählt werden. Er studierte bei Neo Rauch, seinerzeit ein Pionier der Rückkehr der Malerei zum Gegenständlichen, wenngleich selten ohne einen fiesen Twist hinter der vordergründigen Fassade aus Vertrautem. Was vor 30 Jahren mit der farbenfrohen Schmähung des sozialistischen Realismus begonnen hat, setzt der Nachkomme mit anderen Mitteln, grimmiger, fort. Was immer hier an Ideen und Idealen dagewesen sein mag, es ist weg, nur noch eine Zeichnung an der Wand.

Allerdings steckt hinter dem künstlerischen Konzept Schades mehr als nur die Lust am Apokalytischen oder der Abbildung gescheiterter Ideale. Davon zeugen andere Werke, die an Delfter Fliesen erinnern und die Motive aus den Bildern nicht viel, aber doch etwas freundlicher aufgreifen. Gut wird hier nichts. Aber vielleicht ein bisschen besser?

Der Kunstverein Augsburg zeigt die Ausstellung »Durchgang« noch bis 12. Juni. Am Freitag, 6. Mai wird Titus Schade im Rahmen einer feierlichen Midissage zum Künstlergespräch anwesend sein.

www.kunstverein-augsburg.de

 

 

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