Klassik

Feidman, Gershwin, Konnov!

Mit weit mehr als mit »Klezmer & mehr« wurde die zweite »Ausgabe« des nachgeholten Sinfoniekonzerts der Augsburger Philharmoniker unter der Leitung vom GMD Domonkos Héja am Dienstagabend im Kongress am Park zu einem in mehrfacher Hinsicht denkwürdigen Ereignis.

Der berührende Auftritt von Klezmer-Legende und Friedensbotschafter Giora Feidman, der im März seinen 85.! Geburtstag feierte, Prokofjews »Ouvertüre über hebräische Themen« zur sinfonischen Einstimmung und nach der Pause George Gershwins eruptives Klavierkonzert mit dem einmal mehr umwerfenden »Artist in residence« Evgeny Konnov riss das Publikum unweigerlich von den Sitzen.

Wer Feidman von früheren Auftritten (auch in Augsburg) kennt, war nicht überrascht, dass der Musiker nicht allein den emotionalen Gehalt der von ihm noch immer mit inniger Leidenschaft und originärer Tongebung gespielten Kompositionen nutzt, um seine Hörerschaft für sich und seine Botschaft einzunehmen. Die Umarmungsgeste vor dem seinem Notenpult, das direkte Anspielen der beiden Konzertmeisterinnen, der Gang zum Mikro zwischen seinem hauchfeinen Yesterday- Solo und dem expressiven »Azan«, einem Muslim-Prayer für Klarinette, um ein eindringliches Plädoyer für die friedliche Koexistenz aller Religionen und Menschen auf dem »einen gemeinsamen Planeten«, vorzutragen, sein Hang, sich ins Dirigat einzumischen, sein eigenes Spiel gestisch und verbal zu kommentieren oder sehr zurecht dem an diesem Abend mehrfach souverän agierenden Solotrompeter Alexander Grosspietsch zu applaudieren…all das ist typisch für Feidman, der den »Flirt« mit und den Kontakt zum Publikum braucht.

In Argentinien als Sohn jüdischer Einwanderer aus Bessarabien geboren, wanderte er 1956 mit einem Vertrag des »Israel Philharmonic Orchestra« nach Haifa aus, um 1970 in New York seine ruhmvolle Solo-Karriere zu starten und die Welt als Klezmer-, bzw. Klarinetten-Virtuose zu erobern. Dass das Staatstheater Giora Feidman für dieses Spezial-Programm trotz und nach Corona gewinnen konnte, ist definitiv mehr als bemerkenswert. Man muss ihm einfach tiefsten Respekt und Bewunderung entgegenbringen, und so fiel es wenig ins Gewicht, dass es bei Piazollas Tango-Suite zu einer kleinen Verzögerung kam, als sich die richtigen Notenblätter nicht gleich fanden und die eine oder andere Tempo-Unstimmigkeit zwischen Orchester und Solisten aufkam. Nicht zuletzt das beschwingte Gershwin-Medley gab Feidman hinreichend Gelegenheit, die charakteristische Klezmer-Attitüde samt aufseufzenden Höhen auszupacken und damit die funkelnden Akzente zu setzen. Doch Giora Feidman war nicht der einzige Star dieses mitreißenden Sinfoniekonzerts!

Nach der kurzen Pause gab Gershwins 1925 uraufgeführtes »Klavierkonzert in F« dem in Usbekistan geborenen, noch in Wien weiter studierenden Pianisten Evgeny Konnov die Gelegenheit, sein fulminantes Potential als Virtuose hör-und sichtbar zu machen. Seine Zeit als »Artist in Residence« dieser durch Corona so zerlegten Spielzeit durfte er zum Leidweisen seiner vielen Fans, die er bereits mit den Auftritten hier gewonnen hat, nicht nach Plan und in Gänze auskosten. Im Vormonat hatte er sich als profunder Beethoven-Interpret vorgestellt. Jetzt eignete er sich nicht minder souverän den ausgesprochen temperamentvollen Solopart dieses ohnehin an einen vom Jazz entzündeten Vulkanausbruch erinnernden Meisterwerks an - mit mehrfachen Ausrufezeichen! Nach dem vom Charleston-Rhythmus definierten schnellen ersten Satz bezauberte Konnov mit der fantasie-und gefühlvollen Kadenz im bluesig-melancholischeren Satz, um dann ganz »allegro agitato«-like mit seinem energiegeladenem Spiel dieses so opulent orchestrierte und groß besetzte Gershwin-Concerto zu seinem berauschenden Finale zu führen – dabei bestens »chauffiert« von den Augsburger Philharmonikern unter GMD Héja, der die Bühne wegen einer Verletzung des rechten Fußes auf Krücken betrat und trotz Sitzzwangs und reinem Armeinsatz keineswegs von seinem gewohnten Dirigier-Elan abwich.

Was für ein Abend!

www.staatstheater-augsburg.de