Klassik

Experimentelles trifft Esprit

Renate Baumille...
14. Oktober 2021

Am Samstag startete die dreiteilig konzipierte Reihe »Zukunft(s)musik« des Staatstheaters im MAN-Museum. Unter der Leitung von GMD Domonkos Héja vermittelten die vier ausgewählten Werke eindrucksvoll die kompositorische Bandbreite, die hörbaren Gegensätze und das visionäre Vermögen des 2006 in Wien gestorbenen György Ligeti.

Deutlich wurde auch, wie (zu) wohl wir uns als bekennende E-Musik-Hörer*innen der Gegenwart immer noch in den Werken der Vergangenheit fühlen. Für die umfassendere Akzeptanz und/oder Kenntnisnahme Neuer Musik ist dringend noch einiges an »Nachsitzen«, Einhören und Extra-Reihen-Besuchen wie dieser angesagt – auch wenn es die Augsburger Gesellschaft für Neue Musik schon lange ihr Bestes gibt, um Vorurteile und das »Fremdeln« abzubauen.

Die »Fünf Stücke«, die György Ligeti – 1923 als Sohn ungarisch-jüdischer Eltern im heutigen Rumänien geboren und anfangs stark von Bartok und Strawinsky, nach 1956 auch durch die Erfahrungen mit elektronischer Musik beeinflusst – in den Jahren zwischen 1942 und 1950 für »Klavier zu vier Händen« komponierte, hatte Orchestermitglied und Kontrabassist Frank Lippe für diesen Abend und damit eine Kammerorchester-Besetzung orchestriert. Somit rundete sogar eine Uraufführung, die es wirklich in sich hatte, dieses knapp 90-minütige Konzert im MAN-Museum ab, zu dem rund 80 Hörer*innen inklusive einer Schulklasse (!) gekommen waren!

Fulminant und raffiniert orchestriert, machte das Suiten-artige Finale, das neben einem Marsch auch drei mitreißende, folkloristisch inspirierte Hochzeitstänze präsentierte, den Zugang zu Ligeti extrem leicht. Da dies nicht bei allen Werken so ist, waren die »Hör-Hilfen«, die Konzertdramaturgin Dr. Christine Faist dem Publikum reichte, ein dankbar angenommenes Muss. Unwillkürlich stellte man sich etwa frech aufploppende Farbkleckse vor, die sich in den »Melodien« für Orchester – 1971 komponiert – allmählich zu einem abstrakten Tongemälde und Klangflächen verdichteten, um am Ende in ein kontemplatives »Nichts« zu laufen und so mit der assoziationsreichen Tonsprache Ligetis vertraut zu machen. Die teils humor-und effektvollen und kontrastreich gesetzten »6 Bagatellen für Bläserquintett« boten den Solisten – der Flötistin Natalia Karaszewska, dem Oboist Sergio Sanchez, dem Klarinettist Stefan Schwab, der Hornistin Katharina Hauf sowie Fagottist Jacob Karwath – hinreichend Gelegenheit, virtuoses Ensemblezusammenspiel und herausfordernde Anblas-und Geläufigkeitstechniken zu demonstrieren. Die Kunst, transparente tonale »Verästelungen«, so die Übersetzung des Stücktitels »Ramifications«, in subtilen Netzgebilde und »hyperchromatischen Harmonien« auf die Spitze zu treiben, kennzeichnete das dritte Werk des Abends, für das die zwölf hoch konzentrierten Streicher in zwei Gruppen mit unterschiedlich gestimmten Instrumenten aufgeteilt wurden, um so absichtsvoll den Eindruck feinster Dissonanzen zu generieren.

Erst nach zwei Zugaben aus dem »Lippe«-Arrangement machte sich ein sichtlich beeindrucktes Publikum auf den Heimweg – ein mehr als fabelhafter Start in unsere musikalisch abwechslungsreiche Zukunft!

Die Fortsetzung folgt am 18. Februar mit den »Orgelzwischentönen«, die Artist in Residence Christian Schmitt beisteuert! 

www.staatstheater-augsburg.de

 

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