Klassik

Einfach immer besser werden

Seit sieben Jahren ist Domonkos Héja Generalmusikdirektor in Augsburg. Mit Charisma und seinem kontrastreichem Programmkonzepten steht der in Budapest geborene Dirigent ganz oben in der Gunst des Publikums.

Zunächst: Gratulation zum sensationellen Saisonabschluss. Volles Haus – lauter Jubel! Ganz so, wie man es bis 2020 kannte! Wie erleben Sie die postpandemische Phase?

Domonkos Héja: Es ist interessant, was postpandemisch passiert, aber noch interessanter war, was während der Pandemie passierte. Die Kultur wurde quasi »plattgemacht«, was ich persönlich nicht verstanden habe, und auch nicht, dass hier trotz der strengsten Einhaltung aller Maßnahmen und der Maskenpflicht nur 200 Menschen in der Kongresshalle erlaubt waren. Das Orchester wollte im Lockdown unbedingt etwas machen, und bald gab es die unterschiedlichsten Onlineformate und in enger Abstimmung mit André Bücker haben wir viel darüber gesprochen, wie und wo wir was machen können. Ja, und dann ging es langsam wieder los – das Schönste, was uns passieren konnte. Ich glaube, wir haben unser Publikum nicht verloren. Fakt ist aber auch, dass sehr viele Menschen im glücklichsten Fall ihre Karten sehr kurzfristig erwerben – natürlich auch, weil immer wieder Vorstellungen wegen Krankheit abgesagt wurden. Wir werden uns das Vertrauen wieder verdienen müssen.

Hält sich die spürbar große Euphorie im Orchester auch im »neuen Normalmodus«?

Die Augsburger Philharmoniker sind ein Orches­ter, das immer schon sehr gerne gearbeitet hat – während der Pandemie und nach der Pandemie. Ich kann keinen Unterschied feststellen, was Qualität und Motivation betrifft. Ich glaube, und das gilt für mich ganz sicher, dass man das, was man hatte und dann verliert, noch mehr wertschätzt, wenn man es wieder zurückbekommt.

Nach Beginn des Ukrainekriegs wurde Schostakowitschs satirisch-heitere Operette »Moskau, Tscherjomuschki« abgesetzt. Staatstheaterintendant André Bücker argumentierte, dass die ukrainischen Kolleg*innen auf der Bühne das »Moskau«, das für sie Synonym für das ist, was ihrem Land gerade angetan wird, nicht als tollsten Ort der Welt besingen können.

Zu Beginn des fraglos furchtbaren Ukrainekrieges habe ich z.B. auch in meinem Wohnort Fischach Menschen erlebt, die mit Transparenten auf die Straße gingen, auf denen »Russen nach Hause« stand. Tschaikowski wurde u.a. aus den Programmen genommen oder in einem kanadischen Klavierwettbewerb die russischen Kandidaten rausgeschmissen. Das finde ich unmöglich, das geht überhaupt nicht. Ich konnte aber die Absetzung des Werks als Geste des Hauses gegenüber den ukrainischen Ensemblemitgliedern nachvollziehen.

Wie optimistisch sind Sie, dass der Theaterbetrieb im Herbst wieder »total normal« laufen wird und es keine neuen Corona-Maßnahmen gibt?

Offiziell bin ich absolut optimistisch und wir bereiten uns auch entsprechend so vor …

Wie sehr beschäftigen Sie die aktuellen »Daten & Fakten« zur Wiedereröffnung Ihres generalsanierten Hauses in voraussichtlich 2028/29?

Ich hoffe, dass es angesichts der vermutlich anhaltenden Preissteigerungen und der Erfahrungen mit anderen Bauprojekten überhaupt bei diesem Zeitpunkt bleibt. Gerade für meinen Bereich wäre es natürlich das Wichtigste, dass das Große Haus so schnell wie möglich wieder zur Verfügung steht. Auch wenn es vielleicht peinlich ist, ich vergleiche das Orchester gerne mit Pferden. Wenn die nicht laufen und raus dürfen (z.B. in der Pandemie), dann werden sie wahnsinnig. Und auch im Martini-Park muss ich das Orchester immer bremsen. Würde ich es so »laufen« lassen, wie es kann, würde wohl die »Bude« über uns zusammenfallen …

Wie viele »Schritte« fehlen noch zum Status »A-Orchester«? (In Deutschland gibt es derzeit 129 Berufsorchester mit 9.749 Planstellen; Orchester sind nach Stellengröße und Tarifniveau offiziell klassifiziert: Ab 66 Planstellen gilt Kategorie B, ab 99 Kategorie A – derzeit haben die Augsburger Philharmoniker 71 Planstellen; Anm. d. Redaktion)

Der Punkt ist, dass das ganze Theater zum A-Haus werden müsste. Es gibt eine Art ungeschriebenes Gesetz, dass der A-Status meist mit dem Orchester – der größten Abteilung – beginnt, das Hauptziel aber darin liegt, das gesamte Haus zum A-Haus zu machen. Ich glaube, es gibt es in Deutschland nur ein Staatstheater, das ein B-Haus ist. Stadt und Land müssen das entscheiden und finanziell ermöglichen. Wir können derzeit zwar etwas aufstocken, aber die Stellen eben leider nicht als »A-Orchester« ausschreiben, was natürlich die Qualität der Bewerber*innen beeinflussen würde.

Als Ballettfan bin ich gespannt auf die spartenübergreifende Produktion »The Fairy Queen« von Henry Purcell. Gibt es bei Ihnen unter den sieben neuen Musiktheaterpremieren der kommenden Saison einen persönlichen Favoriten?

Definitiv ist das die »Traviata«, die am 2. Oktober Premiere hat. »La Traviata« ist mein Herzensstück, auch weil es die erste Oper war, die ich dirigierte. Und dann natürlich die Wiederaufnahme von Benjamin Brittens »Peter Grimes«. In dieser Inszenierung stimmt und funktioniert alles. Sie gehört zu den Produktionen hier, die ich am meisten schätze.

Da stimme ich mit Ihnen in jeder Hinsicht überein. Daher liefere ich gerne die ersten Termine mit: 5. und 14. Januar sowie 19. und 26. Februar 2023. Das war Gänsehaut pur, ein starkes Erlebnis …

Ja, es gibt noch Hoffnung für die Kritiker*innen!

Die kommende Spielzeit klingt mit acht Sinfoniekonzerten, neun Sonderkonzerten, der Zukunftsmusikreihe im MAN-Museum, vier Familienkonzerten, Artist–in-Residence-Abenden und sechs Kammerkonzerten nach einer atemraubenden Agenda. Gibt es eigentlich für die Konzerte valide Zahlen bezüglich der Auslastung?

In Absprache mit André Bücker und Florian Stiehler wird die Herausgabe der offiziellen Spielzeitbilanz (sonst Ende Juli) auf den Spielzeitbeginn 2022/23 verschoben, aber pauschal besteht kein Zweifel an einer sehr hohen Auslas­tung der Konzerte. Erstaunlich war, dass die erste »Carmina Burana« als bewährter Publikumshit ganz im Gegensatz zu den beiden letzten Vorstellungen nur zu 65 % verkauft war …

Vielleicht standen die Freilichtbühnenbesucher­*innen noch unter dem Schock von »Kiss me Kate«?

So etwas ist schwer zu sagen – »Kiss me Kate« lief aber insgesamt gut auf der Freilichtbühne, was die Besucherzahlen betrifft …

Themawechsel! Artist in Residence ist in diesem Jahr mit Raphaela Gromes (*1991) eine der erfolgreichsten jungen deutschen Gegenwartscellistinnen – wie gelang diese Verpflichtung? Ein echter Coup!

Das war das Verdienst unserer Konzertdramaturgin Dr. Christine Faist. Sie hat schon seit Längerem die Aktivitäten von Raphaela Gromes verfolgt, einer herausragenden Künstlerin mit einem Gespür für besondere Programme. Es bestand großes Interesse, mit den Augsburger Philharmonikern zusammenzuarbeiten, und Raphaela Gromes hatte große Lust auf eine »Residency« am Staatstheater Augsburg.

Welche beruflichen Verpflichtungen gibt es in der neuen Spielzeit neben Ihrer Arbeit am Staatstheater Augsburg?

Während der Pandemie – übrigens in der Tat die Hölle für alle freischaffenden Musiker*innen – wurden fast alle Gastspiele abgesagt, und ja, ich werde jetzt einigen Verpflichtungen sowohl in Ungarn als auch in Deutschland nachkommen, aber es bleibt mir in der Tat nicht so viel Zeit dafür.

Nehmen Sie eigentlich wahr, wie sehr das Publikum Sie und die Augsburger Philharmoniker »liebt«?

Ja, natürlich spüren wir diese Begeisterung, wir bekommen enthusiastische Zuschriften, erleben es direkt in den Konzerten. Berührend war zuletzt auch die enge Verbindung, als wir im letzten Sinfoniekonzert alle gemeinsam den Solocellisten René Corrêa (der unter sieben GMDs insgesamt 42 Jahre auf der Konzertbühne stand) verabschiedet haben – ein gelungener Abschluss!

Welche Perspektive sehen Sie für sich persönlich in Augsburg?

Ich fühle mich wirklich sehr wohl hier. Mit so einem Orchester arbeiten zu dürfen, ist eine Ausnahmesituation. Es ist insbesondere auch ein menschliches Orchester, mit dem ich alles besprechen kann, und aus meiner Perspektive ist es eine sehr gute Zusammenarbeit. Wir haben noch Aufgaben, und meine Aufgabe besteht auch im Hinblick auf das Thema »A-Orchester« darin, einfach immer noch besser zu werden, die Qualität zu steigern, und dann haben wir unseren Teil dazu beigetragen. Was danach kommt, weiß ich noch nicht. Ich denke, dass sich in den nächsten beiden Jahren generell vieles entscheiden wird, was die Situation der Theaterhäuser betrifft.

 

Konzerte der Augsburger Philharmoniker (Auswahl):

1. Sinfoniekonzert: Erwartung 10. und 11.10., Kongress am Park | 1. Kammerkonzert: Brahms – Schumann 15.10., Rokokosaal | 2. Sinfoniekonzert: Slawische Stimmungen 31.10. und 1.11., Kongress am Park | Zukunft(s)musik: The Ukrainian Female Voice 13.11., MAN-Museum | brechtbühne un/plugged 19.11., Brechtbühne im Gaswerk | 2. Kammerkonzert: Leopold Mozart Quartett 2.12., Rokokosaal | Konzert mit Artist in Residence: Mozart 7.12., Goldener Saal

www.staatstheater-augsburg.de