Festival

»Brecht der Kotzbrocken«

Anna Hahn
4. März 2021

Große Vorfreude in den meisten Chatnachrichten der Besucher*innen des Brechtfestivals. Viele sind bereits im virtuellen Warteraum des Livestreams gespannt auf die Premiere der Augsburger Theatergruppe »theter«. Vermittelt der Chat und die auswählbaren Emojis zu Beginn noch ein Gefühl von gemeinschaftlichem Warten vor Einlass in die Kulturstätte (»Hallo aus München«, »Hallo aus Wien«, »Hallo aus Pfersee«, »Freu mich schon total«, »Bin schon gespannt«), lenken sie beim Ansehen der einzelnen Beiträge leider ab. Wer also auf die Kommentare verzichten kann, sollte unbedingt den Vollbildmodus einschalten. Zwischen den einzelnen Programmpunkten kann das Durchscrollen durch den Chat aber äußerst amüsant sein.  

»Wir sollten über Ruth sprechen, nicht über Brecht«, forderten die Künstler*innen von »theter« und drehten »Ruth«, einen Kurzfilm (Foto: Daria Welsch © Leif Eric Young) über Ruth Berlau: Fotografin, Autorin, Regisseurin, Kämpferin im Spanischen Bürgerkrieg, Brechts Geliebte und Vertraute. Eine Frau mit einer beeindruckenden Vita, die nur eine Schwäche hatte: »Sie liebte«. Im Chat stimmte man »theter« zu und forderte: »Nächstes Jahr Ruth Berlau Festival«. Weitere Chatgäste übertitelten den Beitrag mit »Ruth und die dunkle Seite des BB« und »Brecht der Kotzbrocken in drei Akten«. Tatsächlich bekam Brecht bei »theter« ordentlich sein Fett weg. Von der Festivalcommunity wurden die Roy-Preisträger 2017 dafür gefeiert. Es regnete reichlich virtuellen Applaus.

Auch bei Frank Wolff schwingt Kritik mit. Der Cellist sprach gestern frei von der Leber weg, was er denkt. Er monologisiert kritisch, aber wertschätzend über Brecht und driftet dabei ab und an mal ab – das nimmt man ihm aber nicht übel, da er dabei äußerst sympathisch bleibt. Virtuos spielt er zwischendurch auf seinem Cello. In den Chatnachrichten wünschten sich manche Zuschauer*innen mehr Musik und weniger Reden.

Musikalisch wurde es gestern auch bei Charlotte Brandi, die ihr Konzert erfreulicherweise im Augsburger Textil- und Industriemuseum aufnahm. Für Brandi nicht ihr erster Abstecher in die Brechtstadt. Bereits 2019 schrieb die Wahlberlinerin die Musik für das Stück »Und jetzt die Welt!« am Staatstheater. Man kann nur hoffen, dass sie und ihre fantastische Musik noch häufiger nach Augsburg kommen werden.

»Komisch, diese Seite von Brecht haben wir in der Schule gar nicht kennengelernt«, stellte ein verdutzter Besucher beim letzten Programmpunkt des Abends im Chat fest. Besser kann man die musikalische Performance von Johannes Aue und Ben Hartmann (während des Studiotalks schmatzend mit Kaugummi und »manspreading« vom Feinsten) nicht beschreiben. Die beiden Künstler befassten sich mit Brechts erotischen Sonetten. Im Studiotalk wies Festivalleiter Jürgen Kuttner noch einmal die Festivalbesucher*innen auf die angegebene Altersbegrenzung ab 16 Jahren für die besondere Performance hin. Das mag sinnvoll gewesen sein aufgrund der vorgetragenen erotischen Texte von Bertolt Brecht. Zu sehen bekam der Zuschauer aber eher Ekelhaftes als Frivoles.

www.brechtfestival.de

Weitere Positionen

16. Oktober 2021 - 9:00 | Bettina Kohlen

Gerold Sauter arbeitet ausschließlich mit Metall. Als Künstler, Handwerker und Unternehmer gelingen ihm immer wieder überzeugende Lösungen für das ganz Spezielle … Ein Portrait

15. Oktober 2021 - 10:00 | Gast

Seit Juni läuft im tim die Schau »Who cares? Solidarität neu entdecken«. Jürgen Kerner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, nahm zum Ausstellungsstart in einer Rede Stellung zum Thema Solidarität. Hier seine Rede in Auszügen.

15. Oktober 2021 - 9:00 | Anna Hahn

Das Volkstheater München eröffnet die Spielzeit im Theaterneubau im Schlachthofviertel. Beim Bau blieb man in der veranschlagten Bauzeit und im vorgegebenen Budget von 131 Millionen Euro.

14. Oktober 2021 - 11:18 | Jürgen Kannler

Noch vor den Sommerferien traf a3kultur-Chefredakteur Jürgen Kannler den Augsburger Kulturreferenten Jürgen Enninger und den Kulturpark-West-Geschäftsführer Peter Bommas zum gemeinsamen Interview. Das ist ein Novum.

14. Oktober 2021 - 10:32 | Renate Baumiller-Guggenberger

Am Samstag startete die dreiteilig konzipierte Reihe »Zukunft(s)musik« des Staatstheaters im MAN-Museum. Unter der Leitung von GMD Domonkos Héja vermittelten die vier ausgewählten Werke eindrucksvoll die kompositorische Bandbreite, die hörbaren Gegensätze und das visionäre Vermögen des 2006 in Wien gestorbenen György Ligeti.

12. Oktober 2021 - 13:05 | Iacov Grinberg

Im Kulturhaus Abraxas tanzen derzeit die Puppen: Im Rahmen der Klapps PuppenSpielTage 2021 besuchte Iacov Grinberg für a3kultur eine Vorstellung des »Theaters con cuore«.

11. Oktober 2021 - 12:15 | Juliana Hazoth

Die erste Premiere der Saison erfreut das Publikum des Sensemble Theaters mit einer amüsanten Komödie und unerwarteten Wendungen.

8. Oktober 2021 - 7:26 | Jürgen Kannler

Alfred Müllner ist Geschäftsführer der Stadtwerke Augsburg. Er »brennt« für das Projekt Gaswerk und macht zahlreiche Themen und Termine zur Chefsache. Demnächst erweitert sich sein Gaswerkteam um eine entscheidende Position.

7. Oktober 2021 - 16:05 | Tanja Blum

Am vergangenen Samstag, dem Vorabend des Tages der Deutschen Einheit, veranstaltete der Bezirksjugendring Schwaben zum dritten Mal die Lange Nacht der Demokratie in der Augsburger Stadtbücherei – diesmal unter dem Motto: »Und jetzt?«

7. Oktober 2021 - 11:20 | Dieter Ferdinand

Auf der Brechtbühne spielt das Staatstheater Augsburg die Märchenkomödie »Der Drache« von Jewgeni Schwarz.