Politik & Gesellschaft

Balkanroute

a3kultur-Redaktion

Ein Reisebericht entlang alter Frontlinien und neuer Hoffnungen.

Wien ist nicht der schlechteste Ort, um eine Reise über den Balkan zu starten. Freunde, die schon immer hier leben durften, finden an der Behauptung, ihre Stadt sei die westlichste des Balkans, nichts despektierliches. Im Gegenteil. Sie vermuten in der Nähe und im stetigen Austausch mit den Nachbar*innen aus dem Südosten Europas einen Grund dafür, warum Wien beim Ranking um die lebenswertesten Städte der Welt seit Jahren Spitzenplätze belegt und auch 2022 wieder auf Platz eins der Liste steht.

Nach kurzem Aufenthalt unweit von Schloss Schönbrunn, vielleicht dem eindrucksvollsten Machtzentrum der vergangenen k.u.k.-Monarchie, starten wir an einem sehr frühen Dienstagmorgen über die A4 zum Grenzübergang Nickelsdorf. Die erste Teiletappe dauerte keine Stunde. Die Straße ist frei. Die fruchtbare Puszta liegt 400 Kilometer vor uns ausgebreitet. Die maximale Abgabemenge an den Tankstellen beträgt 20 Liter. In Endlosschleife greifen die von der Orbán-Regierung bezahlten Werbeplakate am Straßenrand den 1930 in Budapest geborenen US-Investor und Philanthropen George Soros an.

Auf einen Abstecher bei Entfernten Verwandten am Balaton verzichten wir auf dieser Reise. Die ungarische Politik und die rechte Hetze der Regierung haben die liebenswerten Cousinen und Vettern zu verbitterten Provinzler*innen, mit einem Hang zu schlechten Witzen schrumpfen lassen. Die Gastfreundschaft ist ihnen heilig und die Verbundenheit der Familien gesetzt. Ich scheue aber immer noch das Zusammentreffen. Über Györ, Budapest und Szeged gelangen wir in fünf Stunden nach Novi Sad, unserem ersten Etappenziel.

2022 – NOVI SAD IS THE EUROPEAN CAPITAL OF CULTUR! Wie um es sich selbst immer wieder zu vergewissern, verkünden meterhohe Letter, montiert am Steilhang der Festung Petrovaradin, genau gegenüber der Stadtmitte, getrennt nur durch die Donau, die Nachricht des Jahres.

Etwas über 200.000 Menschen leben in Novi Sad, in der zweitgrößten Stadt Serbiens und dem Zentrum der Region Vojvodina. Die Statistik verweist auf mehr als 15 Ethnien. Ein Viertel dieser Menschen studiert an den unterschiedlichen Fakultäten der Uni. Ihre Jugend und Lebenslust verleiht der Stadt einen ver­führerischen Beat. Die Bars und Cafés sind rund um die Uhr gut besucht. Mit den heraufziehenden Abendstunden erweitert sich das Leben zusehends auf die Plätze, Parks und Fußgängerzonen. Es ist kein hektisches Treiben. Es ist ein Flanieren, um mit dem Leben zu flirten.

Nach Lebenszeichen der Kulturhauptstadt Novi Sad muss man jedoch suchen, auch in der neu eingerichteten Tourismuszentrale.»Zu Anfang wurden wir Kulturmacher*innen von der Politik gar nicht in das Kulturhauptstadtprojekt eingebunden. Daraufhin haben wir protestiert und öffentlich Druck gemacht. Das hat Wirkung gezeigt und wir wurden in die Vorbereitungen einbezogen. Aber nun, werden offiziell beschlossene Projekte schon mal mit lediglich 30 Prozent der vereinbarten Fördersumme abgespeist«, erzählt mir Sanja Kojic Miadenov. Sie gehört zu den einflussreichsten Kurator*innen Südost-Europas und arbeitet derzeit an mehreren Projekten im Museum of Contemporary Art Vojvodina. Ihr Haus liegt im Uni- und Museumsquartier von Novi Sad. Auf dem Platz vor dem Eingang steht eine Stahlplatte mit Durchschusslöchern, an manchen Rändern stecken noch Teile der verwendeten Panzergeschosse (Foto). Gegenwärtig zeigt das Haus in Kooperation mit der Sammlung Verbund in Wien die Schau »Feministische Avantgarde der 70er«. Dazu ergänzend, die mit spektakulären Exponaten aus der hauseigenen Sammlung bestückte Ausstellung »ON THE ROAD TO FREEDOM«.

Feministische, performative Kunst aus dem Gebiet Ex-Jugoslawiens zählt international zu den bedeutendsten Projekten in diesem Bereich und das heutige Serbien war mit Katalin Ladik, Bogdana Poznanovi, Milica Tomić und natürlich Marina Abramović so etwas wie das Epizentrum dieser Bewegung.

»Es ist für Künstler*innen in Serbien nicht einfach, von ihrer Arbeit zu leben. Die meisten haben mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, sofern sie kein zweites Standbein haben. Aber so geht es eigentlich allen Menschen hier. Mit einem Durchschnittsgehalt kann man einfach nicht existieren«, berichtet Selman Trtovac. Er ist selbst ein bekannter serbischer Künstler, hat an der Akademie in Düsseldorf studiert und organisiert seit einigen Jahren u.a. das Literaturprogramm für das Goethe-Institut in Belgrad. Während unseres Besuchs in Novi Sad fährt er täglich die 100 Kilometer von der serbischen Hauptstadt in die Europäische Kulturhauptstadt 2022, um uns hier mit Künstler*innen zu vernetzen und bei Bedarf auch zu dolmetschen.

Durch ihn treffen wir auf Menschen wie Danica Bicanic und Goran Despotovski. Sie leiten den Kunstverein in Novi Sad und haben die vormals etwas eingestaubte Institution zu einem internationalen Vernetzungszentrum gemacht. Der White Cube liegt prominent am Bulevard Mihajla Pupina. Die Ausstellungskataloge der vergangenen Jahre belegen ein breites und inhaltlich starkes Portfolio. Da beide tief verwurzelt in den Kunstszenen des Landes sind, fällt es ihnen nicht schwer, eine konkrete Analyse der Situation vor Ort abzugeben. »Für Künstler*innen, aber auch für Projekte wie unseren Kunstverein gibt es kaum Planungs­sicherheit. Von der Möglichkeit, von seiner Arbeit zu leben, kann man derzeit in Serbien nur träumen. Die Zusammenarbeit mit Politik und Verwaltung müsste besser sein. Und auch bei der Wahrnehmung unseres Landes im westlichen Ausland ist noch Luft nach oben. Bei der derzeitigen EU-Politik ist es schwer, dem Abdriften Serbiens in Richtung Moskau etwas entgegenzusetzen.«

Die Enttäuschung über die jüngste EU-Politik sitzt tief. Staunend erlebte man hier die blitzschnelle Erhebung der Ukraine und seiner Nachbarin Moldau zu Beitrittskandidaten. Viele Menschen des Westbalkans (Albanien, Kosovo, Bosnien-Herzegowina, Serbien, Nordmazedonien und Montenegro) fühlen sich von Europa im Stich gelassen. Den Verbleib in der ewigen Warteschleife empfinden sie als verletzend. Das Hinhalten raubt ihnen die Zuversicht. Hinzu kommen Aussagen von deutschen Politiker*innen, wonach der Krieg in der Ukraine der erste Krieg in Europa nach 1945 sei. Solche Worte sind harte Schläge für die Menschen, die wir entlang unserer Balkanroute treffen. Und sie sind Wasser auf die Mühlen derer, die sich diese Lage zunutze machen.

Korruption, Nepotismus und Propaganda sind vielerorts an der Tagesordnung. Auch unsere Interviewpartner*innen in Novi Sad erzählen von EU-Geldern, die statt in Kultur- in Immobilienprojekte fließen und gehen davon aus, dass es in absehbarer Zeit zu einer Privatisierung dieser, mit Kulturhauptstadtgeldern renovierter Industriebrachen, kommen wird.

Bei einer Radtour entlang der Donau sehen wir die schick renovierten alten Fertigungshallen und Verwaltungsgebäude. Wir sehen aber auch ein lebendiges Treiben entlang der Ufer, zahlreiche gut ausgestattete Sportplätze, reizvolle Strandbäder an der Donau und voll belegte Anlegestellen für Hausboote und Privatboote aller Preisklassen. Auf der Ribarsko Ostrvo, mit ihren herrlichen Fischrestaurants, kommt Urlaubsstimmung auf. Die Fahrräder geben wir an diesem Abend spät zurück.

Am nächsten Tag starten wir gleich nach einem schellen Kaffee Richtung Fruska Gora Nationalpark. Hier treffen wir in einem dieser schönen und nie enden wollenden Dörfer Milica, Milan, ihren vier Jahre alten Sohn Dren und ihre beiden Hunde. Für Dren ist das unter dem Projektnamen »diStruktura« bekannte Duo von Belgrad aufs Land gezogen. Das Leben in der Hauptstadt ist auch für bekannte Künstler*innen nicht leicht. Und ein Kind macht die Situation nicht einfacher. Hier konnten sie sich ein altes Haus samt Garten kaufen, der sich nach mehreren hundert Metern im Nirgendwo verliert. Den noch brauchbaren Teil des Gehöfts haben sie in ein Atelier und Lagerräume umgewandelt. Der Rest wurde abgerissen und neu errichtet. Die Abgeschiedenheit macht ihnen nichts aus. Sie sind jung und mobil. Die Region hat gute Schulen und es fahren Busse. Die Akzeptanz der Dorfgemeinschaft entwickelt sich. Wie zum Beweis des eben Gesagten, kommt ein Nachbar von Vinograd Patkov vorbei, um Wein zu liefern. Die Verkostung wird mit dem gemeinsamen Mittagessen zusammengelegt und ist ein Erfolg. Mit einigen Flaschen Weiß- und Rotwein im Kofferraum machen wir uns auf den Weg nach Bosnien.

Der Friedensprozess in den Ländern, die einst Jugoslawien waren, geht bald ins zweiundzwanzigste Jahr

Die knapp 300 Kilometer nach Sarajevo werden wir in gut sechs Stunden schaffen. Unsere Route führt entlang einstiger Frontlinien. Ein Straßenschild mit dem Hinweis »Srebrenica 36 km« reißt uns aus dem Flow der Straße. Der Friedensprozess in den Ländern, die einst Jugoslawien waren, geht bald ins zweiundzwanzigste Jahr und ist heute noch an einigen Grenzen alles andere als stabil. Dennoch zeigen die Menschen hier, dass Waffenruhe möglich ist, wenn auch nicht selbstverständlich. Aus ihr kann sich Nachbarschaft entwickeln. Meist sehr pragmatisch, dem Handel und Wohlstand wegen. Und irgendwann kommen dann wieder die Hochzeiten. Auf bequeme Transportwege legt heute noch niemand Wert. Zu schnell könnten die Nachbar*innen darauf anrücken. Sehr vorsichtig wächst auf dieser Reise die Zuversicht, dass die Grenzregion zwischen der Ukraine und Russland in einigen Jahren auch wieder bereist werden kann.

Bosnien ist waldreich und bergig. Der höchste Pass führt uns über 1.200 Höhenmeter. Rudel wilder Hunde lösen die streunenden Katzen ab. In den Dörfern verkaufen sie Steinpilze und Honig. Auf den Plateaus stehen etwas verlassen einst farbenfrohe architektonische Zeichen des erhofften Aufbruchs 1984. Damals war Sarajevo für kurze Zeit im Fokus der Weltöffentlichkeit. Und Vučko, nach dem Münchner Dackel Waldi, das letzte Olympiamaskottchen mit Charakter. Danach interessierte sich die Welt erst wieder 1992 für die Region.

Die Belagerung Sarajevos war mit 1.425 Tagen die längste im 20. Jahrhundert

Der Krieg endete 1996. Die Belagerung Sarajevos war mit 1.425 Tagen die längste im 20. Jahrhundert. Die Luftbrücke, die zur Versorgung der eingeschlossenen Menschen aufrechterhalten wurde, dauerte länger als die Berliner. Während der Belagerung wurden etwa 11.000 Menschen (darunter 1.600 Kinder) getötet und 56.000, teilweise schwer, verletzt. (Quelle Wiki)

Sarajevo empfing uns kurz nach 22 Uhr heiter und lebendig. Nach zwei Runden um die Altstadt fanden wir ein Hotelzimmer mit Parkplatz (wichtig!), Terrasse und Blick auf das alte Rathaus, eine Mosche und den Gipfel des Trebević. Er war Austragungsort der alpinen Wettbewerbe 1984 und acht Jahre später Rückzugsgebiet für die Heckenschützen, die auf die Menschen in der eingeschlossenen Stadt feuerten.

Heute ist die Stadt im engen Talkessel der Miljacka wieder aufgebaut und hübsch zurechtgemacht. Moslems aus aller Welt verbringen hier ihre Ferien. Die Restaurants, Geschäfte, Konditoreien und Shisha-Bars sind gut besucht. Wer ein Bier will, findet es, muss aber lange suchen. Auf die Stelle an der Lateinerbrücke, von der aus auf den Habsburger Thronfolger Rudolph und seine Gattin geschossen wurde, wird dezent verwiesen. Das Thema der Tage sind die Schulabschlussfeiern der Abiturklassen. Am Wochenende startet ein Technofestival mit internationalem Lineup.

Von Sarajevo aus ist es zwei Stunden Fahrzeit nach Mostar in der Herzegowina. Das Land wandelt sich von Kilometer zu Kilometer von einem pro serbischen zu einem pro kroatischen. Die Fähnchen, die allerorts an den Strommasten flattern, sind Indiz der regionalen Gesinnung. Die zerschossene Mehrsprachigkeit auf den Ortsschildern ist der Beweis. Fast alle kennen die ­Brücke von Mostar und ihre Geschichte. Die mutigsten Männer der Stadt stürzen sich von ihr in den Fluss Neretva. Im Krieg wurde sie gesprengt. Danach wieder aufgebaut. Die Menschen auf den gegenüberliegenden Uferseiten teilen sich die Einkünfte. Tourist*innen lieben die Stadt mit ihrem wilden Wasser. Die wiedererrichtete Brücke konnte die Menschen bisher nicht wieder zusammenführen. Ihre Geschäfte schon.

Die letzte Etappe unserer Reise ist Dubrovnik. Wir mieten eine kleine Wohnung mit wunderbarem Blick, hinweg über den großen Friedhof, dann hinaus aufs kroatische Meer. Der Besitzer ist freundlich und bemüht, uns alles bequem zu richten. Er entschuldigt sich, noch keinen Wein aus eigener Produktion gebracht zu haben. Er will es morgen bestimmt nachholen. Wir verweisen auf den Wein unserer serbischen Freunde. Ohne das Klicken zu hören, legt sich bei dem Mann ein unsichtbarer Schalter um. Serbische Freunde. Seinen Wein haben wir nie probiert.