Ausstellungen & Kunstprojekte

Eine aussagekräftige Metapher

Gastautor

Die Ausstellung »Neustart 3000« in der Galerie Süßkind zeigt bildhauerische Arbeiten von Christiane Osann und Tobias Freude. Bei a3kultur-Autor Iacov Grinberg lösten sie besondere Erinnerungen aus.

In der Regel bewertet man bei einer Ausstellung die ausgestellten Arbeiten und manchmal auch die Arbeit des Galeristen. Bei der neuen Schau in der Galerie Süßkind war ich von letzterer sehr beeindruckt. Sybille Terpoorten überzeugte mit der Auswahl der Arbeiten und deren Anordnung im Raum.

40 Werke von Christiane Osann sind Miniaturen: Figürchen in einem Nussschalenboot, in verschiedenen kleinen Flaschendeckeln, Figürchen und Szenen, die aus einem Holzstück fein geschnitzt sind, in leeren Saftkartons, wie in einem Puppenhäuschen.

Das erinnerte mich an meine Kindheit in der Nachkriegszeit, als wir zu fünft in zwei kleinen Zimmern lebten. Wenn es im Herbst kalt und regnerisch war, saßen wir, die Kinder, zu Hause und kneteten etwas aus Plastilin, schnitzten mit einer Laubsäge kleine Wandregale oder mit einem Messer oder Meisel etwas aus einem Holzstück. Die geschaffenen Objekte waren klein, es war wenig Platz in der Wohnung. Wir suchten am Rande des Tisches oder in Regalen ein bisschen Platz, wo sie stehen konnten. Ähnlich sind die Arbeiten im ersten Raum der Galerie Süßkind an Wänden, zwischen Häufchen verschiedener Süßigkeiten, in bunten Hüllen und Büchern platziert. Sie dominieren den Raum nicht, sie schmiegen sich bescheiden ein.

In der zweiten Räumlichkeit der Galerie stehen eng zueinander einige eiserne Regale, auf welchen zahlreiche große Gläser mit Schraubdeckeln stehen. Sie werden üblicherweise für Obstkonserven genutzt. Der Künstler Tobias Freude hat in ihnen verschiedene Gegenstände platziert. An den Wänden hängen einige Attrappen von Lebensmitteln. Dies schien mir als eine Anspielung auf ein Lager oder einen Vorratskeller – und an Hamsternkäufe, die zu Beginn der Corona-Pandemie nicht selten waren.

Die gesamte Ausstellung weckte in mir Erinnerungen an die ersten Wochen des Lockdowns, als  unsere Welt plötzlich ganz klein geworden war. Ein Supermarkt erwies sich als nur mit Schwierigkeiten erreichbar, ein Besuch bei Verwandten und Bekannten war fast unmöglich, die Arbeit für einige nur aus dem Homeoffice zu bewältigen. Wir hatten das Gefühl aus einer belagerten Stadt zu kommen, in der es nur hinter den eigenen, mitunter engen Wänden mehr oder weniger sicher ist. Draußen lauerte plötzlich eine schreckliche Gefahr.

Dieses starke Gefühl, diese Erinnerung auszulösen, ist ein unbestreitbarer Erfolg der Galeristin – eine gelungene aussagekräftige Metapher. Besuchen Sie diese Ausstellung, vielleicht erfreuen Sie einzelne Arbeiten oder aber wie bei mir ihre Gesamtheit. Das ist noch bis zum 31. Juli möglich.

galeriesuesskind.blogspot.com