Club & Livemusik

Stille Nacht

Martin Schmidt
23. Dezember 2020

Folgt auf Stille Nacht und die stade Zeit ein stilles 2021? Zwischen a3kultur-Musikredakteur Martin Schmidt und Harry Alt entspann sich ein Gedankenjazz zu Systemrelevanz, Livemusik und Berufsgehältern. Nachzulesen in Auszügen hier, in Gänze im Podcast auf: www.what-goes-on.de


a3kultur: Harry, wie viele Konzertausfälle hatten du und das Harrycane Orchestra in 2020? Kann man das in Prozent ausdrücken? Wie hoch sind deine finanziellen Einbußen?

Harry Alt: Ganz ehrlich, ich habe bisher keine Lust gehabt, mich damit so zu beschäftigen, dass ich mir meine finanziellen Einbußen ausgerechnet hätte. Aber zahlenmäßig geht es in Richtung 100 Prozent. Ich habe mit dem Harrycane Orchestra seit dem CD-Release von »Dark Makam« im April gerade mal drei Konzerte gespielt. Vergangenes Jahr waren wir bei lauter Festivals: Tollwood, Bardentreffen Nürnberg – das fiel nun alles weg, alles abgesagt, wie zum Beispiel der Kemptener Jazzfrühling. Auch konnte ich nicht als Musiker bei Musicals spielen. Und ein Teil meines Broterwerbs sind halt auch kommerzielle Sachen, zum Beispiel Firmenfeiern oder Hochzeiten. Das ist alles weggebrochen, zu 100 Prozent ausgefallen. Ich habe es nicht ausgerechnet, aber es sind auf jeden Fall einige Tausend Euro. Ich bin in der glücklichen Situation, dass ich noch Einnahmen aus Workshops und Unterricht habe, um über die Runden zu kommen. Ich habe aber viele Kollegen, darunter auch bekannte, die teilweise richtig in Hartz IV abgerutscht sind.

Ist Jazz systemrelevant?
Ach herrje! Das ist natürlich ein ziemlich philosophische Frage …


Ich stelle die Frage eher gesellschaftlich-politisch.
Es geht ja nie nur um Jazz. Es geht ja um Musik an sich, man kann das Ganze nicht auf eine Sparte reduzieren. Die Frage lautet: Ist Musik an sich systemrelevant? Und dann kann ich es nicht gesellschaftlich beantworten, sondern nur persönlich. Für mich ist Musik schon immer der Lebensmittelpunkt. Es ist das, womit ich mich seit zig Jahren beschäftige. Den ganzen Tag geht es für mich um Musik. Ich denke über eigene Musik nach, ich höre Musik, ich schaue mir Konzerte an. Insofern ist das für mich lebensnotwendig. Ob Musik gesellschaftlich systemrelevant ist, ist eine schwierige Frage. Im Moment wird einem, und das ist gerade das Schockierende an der ganzen Sache, der Eindruck vermittelt: Es geht doch auch gut ohne. Es gibt natürlich auch die kulturfaszinierten Leute, die sich beschweren. Aber es besteht schon so ein leichtes Feeling: Es geht doch jetzt auch ganz gut ohne: ohne Jazzkonzerte, ohne Jazzsommer, ohne Festival der Kulturen.

Ich frage, ob Jazz systemrelevant ist, weil er sich ja eigentlich als ein Musikgenre sieht, das versucht, ein festes musikalisches System zu verlassen. Durch freies Spiel, Improvisation. In Vollendung geschieht das im Freejazz, der ja sogar ein Systemsprenger ist. Jazz war durch seine progressive Ästhetik auch immer politisch, gesellschaftsverändernd orientiert. Ich fände es bemerkenswert, wenn sich ein Genre, das versucht, sich vom Systematischen zu lösen, sich dann doch als Teil eines Systems sehen würde.
Naja, der Großteil des Jazz ist auch Mainstream und nicht gefangen in einer punkartigen Haltung der totalen Gesellschaftskritik und des totalen Gesellschaftsaustritts. Du sprichst wohl eher die politische Freejazz-Bewegung in den 1960ern an, klar. Ich finde die viel spannendere Frage, ob so etwas wieder passiert und wiederkommt. Ob Musik oder zum Beispiel Kunst durch die Coronakrise, durch die Art, wie mit ihnen umgegangen wird, wieder politischer werden. Ob es eine neue punkartige Bewegung gibt, wo man sagt: Hey, wie komisch ist man da mit Kunst und Kultur umgegangen – on, off, den einen Tag ja, den nächsten Tag dann wieder: ach, doch nicht. Man versucht, Fußballspiele zu retten, man versucht, Skifahren zu retten, aber man sagt Kulturveranstaltungen im Wochenrhythmus ab. Das fühlt sich schon relativ schlecht an.

Es wird natürlich nach der Krise nicht wieder so sein wie vorher, weil Unzähliges verloren gegangen sein wird. Viele kleine Ensembles, viele kleine Theater, alles, was immer schon auf Kante fuhr, wird dann halt weg sein. Es ist beim Harrycane Orchestra jetzt schon so, dass Gigs für 2021 abgesagt werden, weil es die Locations eben nicht mehr gibt. Das ist einfach unfassbar, und da wird noch viel mehr passieren. Ich weiß nicht, wie die kleinen Theater und die kleinen Clubs, die jetzt quasi ein Jahr lang geschlossen sind, das stemmen wollen. Insofern wird es da noch gewaltige Verschiebungen in der ganzen Kulturszene geben. Es wäre eigentlich zu wünschen, dass da eine neue Politisierung stattfindet.

Es gibt viele Künstler*innen in der Subkultur, die bis 13. März 2020 »Fickt das System!« proklamierten. Und die dann im April sagten: Hey, ich bin systemrelevant.
Ich glaube, da bin ich nicht ganz so radikal. Weder bin ich ein totaler Systemverweigerer noch habe im Entferntesten das Gefühl, ich sei systemrelevant. Bis jetzt habe ich keinen Cent Unterstützung bekommen. Jede Förderung ist an mir vorbeigegangen: Einmal waren es zu viele Einnahmen und zu wenig Betriebskosten, dann waren es zu viel Einnahmen und zu wenig persönliche Ausgaben, beim nächsten Mal wieder etwas anderes. Insofern habe ich da nicht das Gefühl, systemrelevant zu sein. Das wird einem als Künstler ja gerade auch deutlich gemacht durch die Art und Weise, wie mit einem umgegangen wird, wie kurzfristig da Konzerte ab- und zugesagt werden.

2021 – schon was vor? Oder lässt du es erst mal auf dich zukommen?
(lacht) Witzige Frage. Die kann man privat beantworten – da lasse ich es mal auf mich zukommen. Und beruflich: Da mache ich einfach da weiter, wo etwas möglich ist. Ich versuche, so viele Konzerte wie möglich festzumachen. Ich versuche, so viel neue Musik wie möglich herzustellen. Ich versuche, mit den Bands, mit denen ich zusammenarbeite, und mit dem Harrycane Orchestra so am Start zu sein, dass wir sofort wieder super performen können, wenn es wieder möglich ist. Ich nutze die Zeit, um Ideen und die Performance zu verbessern. Ich versuche mich in 2021 so zu verhalten, dass es jederzeit wieder losgehen kann. Ich denke auch über eine neue CD nach – ich versuche einfach, im Kreativfluss zu bleiben.

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