Politik & Gesellschaft

Zwangsarbeit für Messerschmitt

Gast
6. Februar 2016

Am westlichen Rand des Sheridan-Parks steht ein lang gestreckter, schmuckloser Bau, ohne erkennbare Nutzung für Wohnungen oder Gewerbe, sieht man einmal von den Büroräumen der AGS (Augsburger Gesellschaft für Stadtentwicklung) an der Westecke des Gebäudes ab. Es handelt sich um eine ehemalige Fahrzeughalle der deutschen Luftwaffe, die nach dem Zweiten Weltkrieg von amerikanischen Streitkräften übernommen worden war, zusammen mit den anderen Teilen des Kasernenkomplexes in Pfersee und Kriegshaber. Zu Verwaltungszwecken gaben die Amerikaner der Halle die Gebäudenummer 116. Dass diese Halle nicht längst abgerissen wurde, um wertvollen Baugrund freizugeben, ist auf den ersten Blick erstaunlich, denn ein Architekturdenkmal ist das Gebäude 116 nicht. Aber die Halle ist ein authentischer Ort der Erinnerung: Vom April 1944 bis zum Kriegsende war sie ein Außenlager des KZ Dachau; hier wurden Häftlinge untergebracht, die in der Flugzeugproduktion bei Messerschmitt in Haunstetten Zwangsarbeit verrichteten. Die Halle und der Platz vor ihr waren mit Stacheldraht vom Rest der Luftnachrichtenkaserne abgetrennt. Es war ein Ort der Misshandlung und Demütigung der Häftlinge. Zugleich ist das Gebäude 116 der letzte noch erhaltene militärische Nutzbau im Augsburger Westen und damit ein Zeugnis der amerikanischen Truppenstationierung, die erst 1998 mit dem Abzug der US-Streitkräfte endete.

Augsburg ist Friedensstadt und feiert das jedes Jahr aufs Neue. Augsburg ist aber auch Teil der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts, und diese Geschichte war nicht zuletzt auch von Krieg und Gewaltherrschaft geprägt. Auch in Friedenszeiten konnten Vorbereitungen auf Kriege das Bild der Stadt prägen. Die im Mittelalter errichtete Stadtmauer, die später ausgebaut und immer wieder modernisiert wurde, ist heute nur mehr in kleinen Resten erhalten, aber das Stadtbild ist immer noch vom Verlauf der Befestigungsanlagen geprägt. Seit der Eingliederung in das Königreich Bayern hatte Augsburg als Garnisonsstadt Infanterie-, Kavallerie- und Artillerieregimenter beherbergt, zuerst in säkularisierten Klöstern, dann auch in Kasernenneubauten im Süden der Stadt. Der im Versailler Vertrag festgelegte Abbau der deutschen Streitkräfte machte diese militärische Infrastruktur in der Weimarer Zeit weitgehend überflüssig. In der Kriegsvorbereitung des Dritten Reichs spielte dann Augsburg wieder eine wichtige Rolle. Der Ausbau der Garnison und der Rüstungsbetriebe, der Platz im System aus Konzentrationslagern und ihren Außenstellen, die Bombenangriffe auf die Stadt machen klar, wie sehr Augsburg in die Gewaltgeschichte Deutschlands einbezogen war.

Nach 1945, im Zeichen des Kalten Krieges, wuchs die Zahl der US-Soldaten auf zeitweise bis zu 17.000, während die Bundeswehr kaum in der Stadt präsent war. Die amerikanischen Truppen brachen von Augsburg aus auch zu Kriegseinsätzen auf, in Vietnam oder im Mittleren Osten. Davon bemerkten die meisten Augsburger wenig, auch wenn es Protestbewegungen gab. Mehr als ein halbes Jahrhundert amerikanische Militärpräsenz hat die Stadt jedoch nachhaltig verändert. Für Offiziere und Soldaten mit ihren Familien wurden Wohnanlagen errichtet, die dem Augsburger Westen ein neues Gesicht verliehen. Arbeitsplätze, Freundschaften, Ehen – für die vielen Ebenen des Austauschs zwischen Deutschen und Amerikanern, vom Städtebau bis zur Alltagskultur, fehlt bislang ein Ort der Erinnerung. Die beiden Geschichten, die sich mit dem Gebäude 116 verbinden, sind wesentliche Elemente einer nicht provinziellen Stadthistorie.

Die Stadt Augsburg hat ein reiches kulturelles Erbe zu schultern und sie trägt schwer an der Last, die ihr damit aufgebürdet ist. Im bayerischen Vergleich ist die Steuerkraft in Relation zur Bevölkerungszahl außerordentlich gering. Mit anderen Worten: Augsburg tut sich schwer damit, sich seine Geschichte auch leisten zu können. Prioritäten zu setzen ist deshalb gewiss ein Gebot der Kulturpolitik. Die Sicherung bestehender Institutionen wird dabei verständlicherweise als besonders dringlich erachtet. Trotzdem wäre es schade, wenn Augsburgs Geschichte zwischen Krieg und Frieden im 20. Jahrhundert nicht sichtbar gemacht werden sollte. Ein Ort zum Nachdenken und zur Diskussion über Konflikte und Gewalt, über den Zusammenhang von lokalem und weltpolitischem Geschehen ist jedenfalls vorhanden – die Halle im Sheridan-Park wartet noch auf eine Nutzung, die ihrer Geschichte und damit auch der Geschichte Augsburgs im 20. Jahrhundert angemessen ist.

Prof. Dr. Günther Kronenbitter vertritt seit Beginn des Wintersemesters 2012/13 den Lehrstuhl für Europäische Ethnologie/Volkskunde der Universität Augsburg.


In unserer Printausgabe #02/2016 präsentieren wir die wichtigsten Kulturbaustellen der Region. Insgesamt 16 Kulturmacher haben hierzu Gastbeiträge beigesteuert.

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