Theater & Bühne

Ziemlich beste Freunde

Patrick Bellgardt
5. Juli 2016

Ist das Kunst oder kann das weg? Ein weißes Bild mit weißen Streifen auf weißem Untergrund – ein echter Antrios. Serge (Jörg Schur) ist jedenfalls mächtig stolz auf seine neueste Errungenschaft. 100.000 Euro hat der kunstbegeisterte Dermatologe für das Gemälde hingeblättert. Sein Freund Marc (Heiko Dietz) versteht die Welt nicht mehr: Wie kann man nur so einen »Scheiß« kaufen? Der dritte im Bunde ist Yvan (Florian Fisch), der eigentlich gerade mit sich selbst zu kämpfen hat, von den beiden Streithähnen aber unvermittelt in die Auseinandersetzung hineingezogen wird.

Das fragile Gebilde dieser Freundschaft wird in Yasmina Rezas »Kunst« bis an die Belastungsgrenze gebracht. Serge ist sich sicher: Das Gemälde hat einen Wert – ästhetisch und monetär. Während sich Marc zunächst scheinbar »nur« über den Kunstgeschmack seines Kumpels lustig macht, wird im Laufe des Stücks klar: Es geht um viel mehr! Dass Serge diesmal nicht mit ihm lachen kann, dass er auf seinem Standpunkt beharrt, kommt Marc einem Verrat gleich. Der weiße Antrios hat ihn ausgestochen. Unterdessen steht Yvan zwischen den Stühlen. Mit der Angewohnheit, es allen irgendwie recht machen zu wollen, gerät auch er in die Schusslinie.

Schur, Dietz und Fisch – in einer herausragenden Ensembleleistung – verkörpern keine Typen, wie wir sie aus launigen Slapstickkomödien kennen. »Kunst« ist herrlich lustig und doch überraschend berührend. Regisseurin Gianna Formicone lässt die Komplexität der Charaktere zu. Immer wieder friert die Szenerie ein, um so einer Figur die Möglichkeit zu geben, ihre Gedanken und ihr Handeln zu reflektieren. Ein Kunstgriff, der dazu beiträgt, den Deckmantel eines harmlos anmutenden Zwists zu lüften und eine tragikomische Beziehungsanalyse zu offenbaren.

Begleitet wird das Kammerspiel von heiteren, wohl überlegten Soundeinspielungen (Lilijan Waworka, »Hanuman Tribe«). Gerade in Situationen, in denen das streitbare Gemälde auf die Bühne kommt, weiß die Musik allein feinste Ironie zu transportieren. Wunderbare Dialoge mit viel Wortwitz machen den Open-Air-Abend im wunderschönen Innenhof des Jakoberwallturms zu einem Highlight des Theatersommers. Ein großer Spaß und ein tolles Stück – weniger über die Kunst, als vielmehr über die Freundschaft.
 
www.sensemble.de

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