Politik & Gesellschaft

Wie wird Kultur nach der Krise aussehen?

Jürgen Kannler
31. März 2021

Das Interview, geführt kurz vor dem Start des Brechtfestivals, ist hier in Teilen nachzulesen und im O-Ton als Podcast auf www.what-goes-on.de zu finden. Teil 3 der Reihe folgt Mitte April und wird sich u.a. den Themen Freilichtbühne und UNESCO-Welterbe widmen.


a3kultur: Das diesjährige Brechtfestival könnte in seiner digitalen Form an jedem x-beliebigen Ort der Welt zu Hause sein. Wie wichtig sind regionale Bezüge für Augsburger Festivals?

Jürgen Enninger: Sie sind existenziell. Jedes Festival hat eine eigene Identität, die sich aus dem jeweiligen Ort heraus entwickelt. Das Selbstverständnis entsteht gerade bei Brecht ganz außerordentlich durch die Beziehung zu seiner Stadt. Das ist der Markenkern eines Festivals. Ich bin begeistert, dass es in so kurzer Zeit gelungen ist, ein so starkes Digitalprogramm aufzubauen.

Dieser Standpunkt birgt auch ein gewisses Spannungsfeld: In einer kulturell aktiven Region wie der unseren möchten natürlich viele Akteur*innen ihre Positionen in ein Festival einbringen. Nicht alles kann von den jeweiligen Macher*innen aufgenommen werden.
Ich habe gegenwärtig nicht den Eindruck, dass es jemanden gibt, der sich nicht mitgenommen fühlt. Die Macher des Brechtfestivals haben es sehr gut geschafft, die regionale Szene einzubinden. Beispielsweise mit der Produktion »Heldin Nr. 0« von Bluespots Productions oder dem Videodreh »In diesem Lande und in dieser Zeit …« der Bolschewistischen Kurkapelle Schwarz-Rot hier in Augsburg. Das würde ich nicht als Spannungsfeld sehen, sondern als Teil der kulturellen Identität, die hier entsteht und nur von denen gebildet werden kann, die hier vor Ort aktiv sind.

Brecht, Mozart, Frieden: Diese Festivalthemen werden weitgehend von der Stadt getragen. Manches an diesen Strukturen scheint verkrustet. Wie soll sich die Festivallandschaft in den nächsten Jahren entwickeln?
Man muss den Auftrag sehen, den die öffentliche Hand in diesem Bereich hat. Wir nehmen nur die Themen wahr, die sich nicht aus der freien Szene und der Festivalwirtschaft heraus entwickeln. Das ist ganz klar ein subsidiärer Auftrag. Hinsichtlich der Weiterentwicklung: Wir haben gemeinsam mit anderen Städten eine Studie zur Musikökonomie, zum Ökosystem der Musik, in Auftrag gegeben. Das bildet natürlich nur einen Teil ab, weshalb wir uns gegenwärtig im Gespräch mit dem Kulturbeirat befinden. Dieser möchte eine weitere Umfrage zum Festivalbereich starten.

Nichtsdestotrotz glaube ich, dass sich »nach Corona« vieles völlig neu konstituieren wird – vieles, das wir heute noch gar nicht abschätzen können. Dinge werden unwichtiger, die vorher wichtig waren. Dinge werden wichtig, die vorher unwichtig waren. Das wird ein Prozess, den wir zulassen und uns als Stadt erlauben müssen, dem wir gemeinsam offen begegnen sollten.

Demnach steht alles – jede Institution, jedes Thema – auf dem Prüfstand?
Wir müssen uns alle fragen: Wie wird Kultur in der Stadt nach dieser Krise aussehen? Das soll nicht heißen, dass grundsätzlich das Unterste nach oben gekehrt wird. So möchte ich das nicht verstanden wissen. Ich möchte sensibel machen für das, was neu entstehen kann. Nach Krisen finden identitätsstiftende Prozesse statt. Und wir als Kulturverwaltung müssen sehen, wie wir diese positiv begleiten können.

In der Vergangenheit gab es in der Festivallandschaft sehr wohl Verdrängungsprozesse gegenüber freien Akteuren, wenn ich zum Beispiel an das Thema Mozart denke. Wird in diesem Kontext ein neues Denken Einzug halten?
Das würde ich so postulieren wollen. Mir ist es sehr wichtig, Menschen in dem, was sie tun möchten, zu motivieren. Wir werden genau schauen, wie wir entsprechende Projekte unterstützen können. Das hat für uns eine gewisse Vorrangigkeit in der weiteren Bearbeitung. Ich bin kein Fan davon, Dinge von oben herab aufzupflanzen.

Für die Themen Brecht, Mozart und Frieden hat die Stadt drei Festivalbüros mit jeweils eigenen Herangehensweisen ausgebildet. Wo liegen die jeweiligen Stärken?
Festivals werden von Menschen mit starken kulturellen Identitäten gemacht, die das Programm mit ihren Ideen und Profilen prägen. Das muss man zulassen können. Eine andere Frage ist, welche Wirkung Festivals in die Stadt hinein entfalten. Mit dem »Mozartfeschtle« ist es dem Mozartfest beispielsweise gelungen, die regionale Klassikszene miteinzubinden. Wir müssen immer darauf achten, dass zwischen der Stadt, ihren Kulturschaffenden und dem Festival eine Wechselwirkung entsteht. Es ist letztlich ein Balanceakt, diese Punkte in Einklang zu bringen.

Welcher der drei Wege hat sich Ihrer Meinung nach am ehesten bewährt?
In einer Stadt mit rund 300.000 Einwohnern unterschiedliche Wege zu gehen, ist das Normalste der Welt. Dass auch die Kultur in unterschiedliche Richtungen geht, halte ich für eine Bereicherung. Ich habe eine klare Vorstellung: Einbindung der regionalen Künstler*­innen, Wirkung in die Stadtgesellschaft, Aktivierung der Bevölkerung. Bei allen drei Festivals, die Sie genannt haben, sehe ich einen klaren Mehrwert in allen diesen Bereichen. Bei den Feinjustierungen, die anstehen, würde ich immer im Sinne dieser Schwerpunktsetzung agieren.

Wie möchte das Kulturreferat den Beteiligungsprozess zur Festivallandschaft in Schwung bringen?
Die große Herausforderung unseres Referats, als »Bewegungsreferat« der Stadt, ist es, Menschen nach Corona wieder in Bewegung zu bringen – geistig und körperlich. Mehrere Phasen der Aktivierung, die sich nicht zeitlich hintereinander abspielen müssen, befinden sich in Planung. Konkret haben wir uns im Hinblick auf die Festivallandschaft vorgenommen, das Thema Welterbe noch besser zu integrieren. Langfristig geht es um die Verstetigung bestimmter Festivals, aber auch um Anreize für Zwischennutzungen in Stadtteilen und in der Innenstadt. Das nur als kleiner Einblick. Der Prozess muss noch viele Abstimmungsschleifen nehmen. Und er ist offen für Impulse. Es handelt sich keineswegs um ein festgesetztes Programm, das einfach abgearbeitet wird.

Die Beteiligungsprozesse der letzten Jahre standen von ihrer Konzeption her teilweise stark in der Kritik. Zum Beispiel im Kontext Museumslandschaft: In einem offenen Brief taten Mitarbeiter*innen der Kunstsammlungen und Museen ihren Unmut über Teile des Museumsentwicklungskonzepts kund. Was hat die Stadt daraus gelernt?
Die Meinung der Mitarbeiter*innen ist in Partizipationsprozessen ein zentraler Baustein. Sollte das nicht der Fall gewesen sein, müsste man hier noch einmal nachbessern. In Sachen Beteiligung ist mir auch die Befragung von Menschen wichtig, die das jeweilige Angebot noch nicht nutzen. Man zieht in Beteiligungsprozessen häufig Schleifen mit Leuten, die man ohnehin schon kennt. Wir müssen versuchen, Bürgerinnen und Bürger zu erreichen, die bislang noch nicht mit den Einrichtungen in Kontakt gekommen sind, die wir weiterentwickeln möchten.

Ab Frühjahr planen zahlreiche Kulturorte in unserer Region wieder mit Programm. Wie ist Ihre Einschätzung hinsichtlich möglicher Öffnungen?
Der Dreiphasenplan der Kulturminister*innen der Länder war zuletzt ein ermutigendes Signal. Das gibt uns eine gewisse Planungssicherheit, die wir wiederum an die Kulturakteur*innen weitergeben können. Intern suchen wir sehnsüchtig nach Rahmenbedingungen, innerhalb derer wir Öffnungen vorantreiben können. Das Szenario der Kulturministerkonferenz ist hier ein kleiner Lichtblick.

Es könnte sein, dass alles relativ schnell geht. Es kann auch sein, dass die Bevölkerung zu der Idee kommt, man könnte wie in Israel die Menschen, die geimpft sind, bereits an Kulturprogrammen teilhaben lassen. Ich vermute, dass dieser Punkt noch zu Diskussionen führen wird.

Die Kommunalpolitik – nicht nur bei uns – nimmt Entscheidungen der Bundes- und Landesebene in Bezug auf Corona häufig einfach nur hin. Diskussionen finden kaum noch statt, schon gar nicht im kulturellen Kontext. Was sagt das über unsere Demokratie aus?
Es ist eine Stärke unserer Demokratie, einschneidende Maßnahmen in einer solch schwierigen Situation zu akzeptieren. Mit jeder dieser Regelungen schützen wir vor allem die ältere Bevölkerung. Ich erlebe natürlich im Einzelfall Diskussionen darüber, was notwendig ist und was nicht. Das finde ich gut und wichtig. Gleichzeitig ist es genauso wichtig, zu sehen, dass diese Maßnahmen Menschen schützen. Das kann man nicht oft genug sagen. Dies gemeinsam durchzuhalten, empfinde ich als zentrale Leistung unserer solidarischen Gesellschaft.

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