Politik & Gesellschaft

»Werner, so gehen wir nicht!«

Patrick Bellgardt
9. Juni 2016

Ab Ende der 1980er-Jahre rollte die große Schließungswelle über die Stadt, mit der ohnehin schon geschwächten Augsburger Textilindustrie ging es steil bergab. Wo zuvor noch Tausende Arbeiterinnen und Arbeiter ihren Lebensunterhalt verdienten, wurden die Tore dicht gemacht. Eine Abwicklung folgte der nächsten: 1988 schloss die Mechanische Baumwoll-Spinnerei und Weberei Augsburg (SWA), 1996 folgte die Neue Augsburger Kattunfabrik (NAK) und 2002 stellte schließlich die Augsburger Kammgarn-Spinnerei (AKS) ihren Betrieb ein.

In dieser turbulenten Zeit fand sich 1996 ein kleiner Kreis zusammen, der entschlossen in die Zukunft blickte: Sollte dieses bedeutende industriekulturelle Erbe einfach spurlos verschwinden? Gerade rechtzeitig – so weiß man heute – gründete sich der »Verein zur Förderung eines Industriemuseums in Augsburg e.V.«. Auch nachfolgende Generationen sollten sich an den prägenden Einfluss der Textilindustrie in unserer Stadt noch erinnern.

Der Rest ist Geschichte: Dieses zunächst rein bürgerschaftliche Engagement bildete den Anstoß für das heutige Staatliche Textil- und Industriemuseum (tim). Als Vorsitzender des Vereins, der inzwischen folgerichtig als »Förder- und Freundeskreis tim e.V.« firmiert, ist der ehemalige Textilgewerkschafter Werner Heidler von Beginn an dabei. Wir trafen uns mit dem umtriebigen Rentner und blickten auf aufregende Jahre zurück.

a3kultur: Herr Heidler, inzwischen ist es 20 Jahre her, dass Sie den »Verein zur Förderung eines Industriemuseums in Augsburg e.V.« gegründet haben. Vor 9 Jahren erfolgte die Grundsteinlegung, vor 6 Jahren wurde das tim eröffnet. Heute zählt das Haus zu den beliebtesten Museen in ganz Bayern. Ohne Ihr Engagement und das Ihrer Mitstreiter wäre diese Erfolgsgeschichte wohl nie geschrieben worden. Erinnern Sie sich noch an die Anfänge?
Werner Heidler: Der Prinz-Betriebsratsvorsitzende Heinz Hommers kam damals zu mir und sagte: »Werner, so gehen wir nicht! Wir wollen ein Museum!« Es sollte die Erinnerung an die Textilindustrie und seine Menschen aufrechterhalten. Ich fragte ihn, wie er sich das denn vorstelle. Seine Antwort: »Du hast einen Schreibtisch, ein Telefon und einen Dienstwagen – du machst den Vorsitzenden.« Am 23. Oktober 1996 trafen wir uns mit rund 20 Gleichgesinnten zur Gründungsversammlung. Natürlich haben damals nicht wenige gedacht: Die haben keine Ahnung von einem Museum, kein Geld, keine Sponsoren, die haben gar nichts. Und jetzt stehe ich hier in diesem Haus und denke: Mein lieber Mann, was ist daraus geworden!

Worum ging es Ihnen konkret?
Augsburg ist mehr als die oft betitelte Fuggerstadt, Augsburg ist eine Textil- und Industriestadt. Die Textilindustrie hat die Stadt wahrscheinlich mehr verändert als alles andere. Dies wollten wir für kommende Generationen aufrechterhalten – das, was Augsburg als Textilstadt ausgemacht hat, das, was hier produziert wurde. Die Leute haben heutzutage doch keine Ahnung, wie ein Stoff hergestellt wird. Es sollte also ein Museum sein, in das man nicht nur ein paar Exponate hineinstellt, es musste lebendig sein. Das ist uns gelungen!

Dennoch ging nicht alles ganz reibungslos über die Bühne.
Das waren schon heiße Jahre. Es gab natürlich Zeiten, in denen nichts voranging. Mitglieder traten aus, weil sie nicht mehr an ein Museum glaubten. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass ich der Letzte bin, der noch Hoffnung hat. Diese Langwierigkeit hing natürlich vor allem mit der politischen Konstellation zusammen. In der Zeit von der Vereinsgründung bis zur Eröffnung des tim gab es drei Ministerpräsidenten, drei Wissenschaftsminister, drei Oberbürgermeister, drei Kulturreferenten und zwei Bezirkstagspräsidenten. Als die Standortfrage 2003 mit dem AKS-Gelände abschließend geklärt war, merkte man, dass es jetzt so richtig losgeht und das Museum Fahrt aufnimmt.

Sie selbst waren Stoffdrucker bei der NAK und später als hauptberuflicher Gewerkschafter tätig. In Ihrem Verein sammeln sich zahlreiche ehemalige Textilarbeiter. Spielt das tim auch auf der emotionalen Ebene eine Rolle für diese Menschen?
Am Anfang war eher das Gegenteil der Fall. Die Menschen haben ja alle ihren Arbeitsplatz verloren – egal ob sie schon in Rente waren oder nicht. Es war daher sehr schwierig, frühere Beschäftigte aus der Textilindustrie als Mitglieder zu gewinnen. Das hat sich zum Glück geändert. Und zwar meist  dann, wenn sie das Museum besucht haben und sahen: Ja, das ist was, das hat Hand und Fuß!

Insgesamt ist unsere Mitgliederschaft bunt gemischt: Anwälte, Vorstände und Politiker finden sich bei uns genauso wie eben ehemalige Textilarbeiter. Ein Problem ist unsere Altersstruktur, wir werden nicht jünger. Nichtsdestotrotz haben wir eine kontinuierlich steigende Mitgliederzahl. Aktuell sind wir bei rund 480, die 500 sind also in Sicht.

Die Mitglieder des Förder- und Freundeskreis tim e.V. bieten Führungen an, stellen Aufsichten, bedienen und restaurieren die Web- und Strickmaschinen. Darüber hinaus betreiben sie den Museumsshop …
… der für uns sehr wichtig ist und super läuft. Der Shop ist uns wirklich in den Schoß gefallen. Zwei Wochen vor der Museumseröffnung gab es noch keinen Betreiber. Mit dem einzigen Bewerber konnte man sich finanziell nicht einigen – da habe ich Museumsleiter Dr. Murr kurzerhand zugesagt, dass wir das übernehmen. Verantwortlich für den Shop zeigt sich mein Kollege Siegfried Paintner. Verkauft werden zum einen Produkte aus dem tim, die in der Weberei hergestellt werden: Handtücher, Schlossertücher, Barchent. Zum anderen finden sich Zukäufe wie Krawatten und Strümpfe im Sortiment. Diese zusätzlichen Produkte müssen komplett in Deutschland hergestellt sein. Hinzu kommen unter anderem Bücher, die mit Augsburg oder dem Thema Textil zu tun haben.

Weitere Infos zum Förder- und Freundeskreis tim e.V. gibt es unter: www.tim-foerderverein.de. Für einen Mindestbeitrag von 15 Euro im Jahr kann seine Arbeit unterstützt werden.

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