Theater & Bühne

Wer spielt das Monster?

a3kultur-Redaktion

Als Mary Shelley 1818 ihren ersten Roman »Frankenstein« veröffentlichte, war sich die junge britische Schriftstellerin wohl kaum der Wirkung ihres literarischen Stoffs bewusst: Rund 200 Jahre später hat er sich ins kollektive Popkulturgedächtnis eingebrannt. Die makabre Geschichte um den Schweizer Studenten Viktor Frankenstein, der an der damals renommierten Universität Ingolstadt einen künstlichen Menschen erschafft, wurde in Theaterproduktionen, Videospielen, Serien und Filmen zuhauf adaptiert. 2015 landete das Buch gar auf Platz 9 der von der BBC in Kooperation mit über 80 internationalen Literaturkritikern zusammengestellten Rangliste der »100 greatest British novels«.

Das Sensemble Theater folgt diesen Spuren und macht mit »Frankenstein unlimited« doch alles anders: Der penible Spielleiter Theo (Jörg Schur) möchte Mary Shelleys Klassiker möglichst originalgetreu auf die Bühne bringen. Aber auch ein Brückenschlag zur heutigen Diskussion um Künstliche Intelligenz würde ihn reizen. Personell sieht es für das Theaterprojekt aber schlecht aus: Nur sein naiv-liebenswerter Freund Bernhard (Birgit Linner) steht ihm als Notnagel/Schauspieler zur Seite. Der verbindet Frankenstein bestenfalls mit den TV-Komödien »The Addams Family« und »The Munsters« aus den Sechzigern. Eine turbulente Zwei-Mann-Inszenierung über Liebe, Freundschaft und den drohenden Tod nimmt ihren Lauf – Musicaldarbietungen inklusive.

»Frankenstein unlimited« ist Schur und Linner auf den Leib geschrieben: Der Autor des Stücks, Sensemble-Chef Sebastian Seidel, gibt seinem Stammduo einen maßgeschneiderten Anzug an die Hand, der ihm schon beim vielbeachteten »Hamlet for you« oder dem Weihnachtsdauerbrenner »Der Messias« ausgezeichnet stand. Schauspieler spielen Schauspieler, die mit einigen Hindernissen und persönlichen Differenzen ein Stück inszenieren – diese Grundidee geht auch bei »Frankenstein unlimited« auf.

Schur und Linner beherrschen dieses temporeiche Spiel der Identitäten. Sie verfügen über einen feinen Sinn für Situationskomik und fallen gekonnt aus ihren Rollen, um in Sekundenschnelle wieder präsent zu sein. Das Premierenpublikum haben Bernhard und Theo mit ihrer schrägen Interpretation von »Frankenstein« jedenfalls bestens unterhalten. Da ist es fast schon egal, was die beiden Theaterchaoten diesmal auf die Bühne bringen möchten – man muss sie einfach gern haben. Daumen hoch für diesen monströsen Klamauk!

Weitere Termine bis Ende Juni unter:
www.sensemble.de