Ausstellungen & Kunstprojekte

Wer ist »Mäzionär«?

Iacov Grinberg
22. Februar 2016

Die ausgestellten Arbeiten von Christine Steiner zeigen verschiedene Seiten ihres Schaffens. Fünf schwarz-weiße Zeichnungen (besonders eindeutig gelungen »Vogels Frisörhaubenduett«) bestätigen ihr Können als Zeichnerin. Vier Objekte, bei denen man eine zweiseitig bemalte Platte drehen kann, bezeugen uns, dass die berüchtigte zweite Seite der Münze eigentlich ähnlich der ersten Seite ist. Der Rest – fast 50 Bilder – sind in einem Stil geschaffen, der an klassische Illustrationen zu »Alice im Wunderland« erinnert. Solche Bilder basieren in der Regel auf Märchen, Geschichten und/oder Kultfilmen und -büchern, ohne deren Background es schwer ist, sie zu verstehen. In anderen Worten: Sie basieren auf einem bestimmten kulturellen Hintergrund. Das bestätigt auch die Tatsache, dass viele Bilder in der Liste der Ausstellung einen Titel haben, im Kunstband, der das Schaffen der Künstlerin illustriert, jedoch einen anderen. Ausgerechnet das bereitete mir Schwierigkeiten beim Wahrnehmen, da ich nur das Oberflächliche in diesen Bilder sah, das Innere, das sich auf den kulturellen Hintergrund der Künstlerin und ihrer Generation stützt, blieb mir aber verborgen.

Ich stamme aus einer anderen, russischsprachigen, nicht von amerikanischem Einfluss gefärbter Kultur. Max und Moritz, die in Deutschland jedem Kind ab 5 Jahren bekannt sind, sind im russischem Kulturraum fast unbekannt. Das Buch wurde 1913 ins Russische übersetzt und seitdem nie wieder verlegt. Struwwelpeter ist freilich in einige Sprachen (auch Latein) übersetzt, genießt außer dem deutschen Sprachraum fast keine Popularität. Dagegen existieren in meinem Kulturraum viele im deutschem Kulturraum unbekannte Märchenwesen und Fantasiegestalten.

Dieser Hintergrund ist auch vom Alter abhängig. Kultbücher sind für Generationen durchaus verschieden. Für die Generation meiner Eltern war es der »Schwejk«, für meine Nachkriegsgeneration, wie auch für amerikanischen Zeitgenossen, die 1963 verlegte und 1965 ins Russische übersetzte »Katzenwiege« von Kurt Vonnegut (ins Deutsche wurde es nur 1983 einmal übersetzt). Es war bei uns so berühmt, dass auch in einer höchst wissenschaftlichen Monographie über Wahrscheinlichkeitstheorie dem Kapitel »Geschichte des Problems« als Epigraph »Geschichte – lese und weine (Bokonon)« diente. Neue Generationen haben andere Kultbücher. Die Bücher von Ursula Le Guin, die die Mitschülerin meiner Tochter fast auswendig kannte, wurden für ihren fünf Jahre jüngeren Bruder durch Harry Potter ersetzt. Auch Kultfilme sind in verschiedenen Ländern verschieden. »Casablanca«, das in West-Deutschland Kultfilm war, genoss diesen Status dagegen in der DDR nicht. So können Sie, lieber Leser, wahrscheinlich viel mehr als ich die innere Bedeutung der Bilder dieser Ausstellung verstehen.

Es gibt aber in dieser Ausstellung einen Begriff, der ausführlich erklärt ist – »Mäzionär«. Das ist ein neues Wort, das aus »Mäzen« und »Aktionär« zusammengesetzt ist. Die Künstlerin schlägt dem Besucher vor, in beiden Rollen gleichzeitig aufzutreten. Denn derjenige, der eines ihrer Bilder kauft, unterstützt sie als Künstlerin und gleichzeitig steigt dadurch der gemeinsame Wert ihres Schaffens, was in Zukunft auch eine Steigerung des Wertes ihres erworbenen Werks bedeuten kann. Das Wort und seine Bedeutung wurden bei der Vernissage ausführlich mittels Puppenspiel erklärt, das die Künstlerin zusammen mit Manfred Leitdke und Viola von der Burg vorbereitet und durchgeführt hat.

Das Puppenspiel wird nicht wiederholt, die Bedeutung des Wortes in schriftlicher Form bleibt jedoch da. Sie haben die Möglichkeit, diese Ausstellung bis zum 30. April zu besuchen und zu entscheiden, ob sie »Mäzionär« werden möchten.
(Iacov Grinberg)

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