Festival

Wem dient Brecht?

Max Kretschmann
11. Februar 2020

Unter der Leitung von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner richtet sich das Brechtfestival dieses Jahr an einem anderen Brecht aus. Nicht mehr der »Brecht aus dem Schulunterricht«, sondern der junge, wilde Plärrerliebhaber B.B. soll hier beschworen werden. Brecht forderte vom Theater Unterhaltungswert und den möchten die beiden Berliner unter anderem durch zwei jahrmarktähnliche Spektakel erfahrbar machen.

Spektakel Vol. I

Anders als in vorigen Jahren, werden heuer die meisten Veranstaltungen auf zwei Höhepunkte gipfeln, die in verschiedenen Spielstätten im martini-Park oft zeitgleich stattfinden. Zum ersten Spektakel am 14. Februar können sich die Zuschauer nach einem Sektempfang schon einmal musikalisch auf den unterhaltsamen Brecht einstimmen: Die eigens gegründete Playback-Band »Marlene Hoffmann & Band« wird um 19 Uhr mit ihrer »The Mini Playbrecht-Show« die besten Brecht-Interpretationen aus dem Äther der Popkultur im Treppenhausfoyer wieder aufleben lassen. Parallel dazu kann man auf der Musiktheaterprobebühne Lothar Trolles »Klassenkampf« in einer Fassung von Gallini Fili erleben, doch aufgepasst — auch die zeitgleiche Doppelinszenierung »Der Jasager« um 19:15 und der »Der Neinsager« in Halle C verspricht vielversprechend zu werden. Erstere Schuloper wird aufgeführt von Schülern des Gymnasiums St. Stephan, während Letztere von den Eltern eben jener Schüler auf die Bühne gebracht wird (Wiederholung um 21:15 Uhr). Auf der Großen Bühne inszeniert die Festivalintendanz Heiner Müllers »Der Auftrag. Erinnerung an eine Revolution«. Müller, der oft als Brechts Nachfolger gehandelt wird, erzählt hier die Geschichte dreier französischer Emissäre, die auf Jamaika eine Revolution anstiften sollen, doch dann übernimmt Napoleon die Macht im eigenen Land — der Auftrag gerät in Frage. Einen weiteren Heiner Müller kann man im Orchesterprobenraum um 20:45 erleben: Hier feiert das Staatstheater Augsburg mit dem »Wolokolamsker Chaussee. Teil 3. Das Duell« Weltpremiere in der Live-Inszenierung einer Hörspielversion des Frankfurter Komponisten und Regisseurs Heiner Goebbels. Neben vielen anderen Events runden um 22:30 Uhr die Berliner Rapper »Zugezogen Maskulin« den Abend musikalisch auf ihre satirische Art ab.

Lange Brechtnacht

Angesichts dieses frechen, bunten Blumenstraußes an Musik, der dieses Jahr geboten wird, erscheint es als gelungene Wahl, die Lange Brechtnacht am 15. Februar im Kongress am Park stattfinden zu lassen. Durch mehrere Stages geballt an einem Ort und einem zum Teil gleichzeitigen Programm, erhält die Veranstaltung einen Festivalcharme, der sicher im Sinne des diesjährigen Konzepts ist.

Den Auftakt im Großen Saal macht um 19:30 Uhr Gisbert zu Knyphausen, der 2019 aus gesundheitlichen Gründen absagen musste. Der Songwriter gehört sicher zu den Besten seiner Zeit – umso schöner, dass er seinen Auftritt nun nachholt. Wer es ein wenig verstörender mag, kann stattdessen um 19:45 Uhr im Saal Baramundi Shari Vari besuchen, ein Elektronic-/Dance-Duo, so vielseitig und psychedelisch zugleich, dass man sich darin verirren kann. Der Indie-Knaller des Abends sind The Notwist um 21:15 Uhr im Großen Saal, eine facettenreiche Band aus Oberbayern, die seit Jahrzehnten international für Begeisterung sorgt. Parallel dazu prallt Bernadette La Hengst auf die Brasser von Banda Internationale, die Brecht eigens für diesen Abend völlig neu interpretieren. Ihnen folgt der Deutsch-Rapper Fatoni um 23:30 Uhr, der für seine intelligenten, witzigen und zynischen Texte bekannt ist. Seinen schrägen Höhepunkt hat die Brechtnacht mit Voodoo Jürgens um 23:30 Uhr im Saal Baramundi. Seine im Wiener Schmäh vorgetragenen Texte, voll von Schatten und Humor, haben ihn zur Underground-Legende gemacht.

Lehrstückzentrale

Die Brechtbühne verwandelt sich am 16. Februar  zur »Lehrstückzentrale« und zum Schauplatz des Austauschs von Ost und West. Über Video-Chat haben Oleg Eremin in St. Petersburg und Alice Bever in New York, von den Polen des Kalten Krieges aus, Regie für je ein Lehrstück geführt, die inhaltlich eng miteinander verknüpft sind. Zunächst Brechts »Die Horatier und die Kuratier«, aufgeführt von Bluespots Productions unter der Regie von Oleg Eremin um 18:30 Uhr. Heiner Müllers Weiterführung dieses Lehrstücks, »Der Horatier«, wird wiederum von theter um 20:15 Uhr auf die Bühne gebracht, wobei Alice Bever die Regie übernahm.

Hörspielreihe: Kosmos Heiner Müller

Vom 18. bis 21. Februar kann jeweils um 19 Uhr unter dem Sternenhimmel des S-Planetariums einer Hörspielinszenierung von Heiner Müller gelauscht werden. Dies sind »Der Untergang des Egoisten Fatzer« (Regie: Heiner Müller), die »Wolokolamsker Chaussee I–V« (Regie: Heiner Goebbels), die Double-Features »Der Lohndrücker & Der Mann im Fahrstuhl« (Regie: Peter Brasch und Heiner Goebbels) sowie »Hamletmaschine & Bildbeschreibung« (Regie: Wolfgang Rindfleisch, Blixa Bargeld und Achim Scholz). Das Brechtfestival konnte Heiner Goebbels und Wolfgang Rindfleisch für je eine Einführung aus der Perspektive der Regie gewinnen.

Spektakel Vol II.

Das zweite Spektakel am 22. Februar, wieder im martini-Park, schaltet noch einmal einen Gang höher: Ein Riesenrad gibt dem Spektakel noch mehr Jahrmarktcharakter, doch natürlich wird auch dieses von diversen Performances bespielt. Zwei der Highlights des Abends finden auf der Großen Bühne statt: Das Staatstheater Augsburg hat sich in Kooperation mit den Städtischen Bühnen Prag Brechts Drama »Schweyk im Zweiten Weltkrieg« gewidmet (Premiere von »Švejk/Schwejk«: 21. Februar, 19:30 Uhr). Um 22 Uhr trägt dann Lars Eidinger Brechts »Hauspostille« vor: dunkle Poesie, dargeboten von einem gefeierten Schauspieler. Doch auch davor, dazwischen und danach ist das Programm hochkarätig: Wie etwa die Welturaufführung  der Kantate »Herrnburger Bericht« von Brecht und Paul Dessau von 1951 auf der Musiktheaterprobebühne um 18 und 20:40 Uhr. Ein Stück, das in seiner politischen Brisanz weder von Ost noch West je aufgeführt wurde. Weiterhin stellt Milan Peschel um 19:20 und 22 Uhr am selben Ort gemeinsam mit der Musik Johann Jürgens zwei der kontroversesten Figuren Brechts, »Baal« und »Fatzer«, gegenüber. Im Orchesterproberaum werden die beiden Stücke der »Lehrstückzentrale« erneut aufgeführt (18 und 21:45 Uhr: »Die Horatier und die Kuratier«, 20 und 22:30 Uhr: »Der Horatier«). Ein Highlight für alle Satire-Fans stellt das Podiumsgespräch von Jürgen Kuttner mit Martin Sonneborn um 21:30 Uhr im Chorsaal dar, der aktuell für »Die Partei« im EU-Parlament sitzt. Tanzbar wird es schließlich in der Kantine 1832 mit dem »Technobrecht« von Anatol Käbisch und Lilijan Waworka um 23 Uhr sowie ab 24 Uhr im Provino Club, wo Lars Eidinger als krönender Abschluss auflegt: »Pop is pop and art is art«.

Alle Termine unter:
www.brechtfestival.de

Foto: Heiner Müllers »Der Auftrag. Erinnerung an eine Revolution« in einer Produktion des Schauspiels Hannover ist am 14. Februar im martini-Park zu sehen.

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