Ausstellungen & Kunstprojekte

Die Welt des Friedrich Brenner

Jürgen Kannler
20. Juli 2016

Der Blick von der Straße her gibt nicht viel vom Grundstück der Brenners frei. Am Eingangstor findet sich ein bescheidener Hinweis auf die Profession des Hausherrn. Seit vielen Jahren lebt das Ehepaar hier, in dieser ruhigen Ortschaft mit Blick auf die Westlichen Wälder. Ein kleiner Bach quert den Garten. Das Wohnhaus und die Ateliergebäude, in denen Brenner nicht nur die Entwürfe für seine Münzen und Medaillen schafft, für die er berühmt ist und vielfach ausgezeichnet wurde, hat der Künstler selbst entworfen und beim Bau Hand angelegt. Zehn Jahre seines Lebens hat Friedrich Brenner in einem Architekturbüro gearbeitet, bevor er zu Begin der 1980er-Jahre den Schritt zum freischaffenden Künstler wagte. »Von der Architektur war ich begeistert«, schreibt er über diese Zeit.

Auch der Garten, dem gerade jetzt, wo der Frühling eigentlich in den Sommer übergehen sollte, eine fast betörende Schönheit innewohnt, trägt deutlich die Handschrift des Hausherrn. Nichts scheint hier zu groß geraten oder undimensioniert. Es herrscht eine Harmonie des rechten Maßes, der passenden Form und des echten Materials. Baumarktästhetik, mit der wir heute die Seelen unserer Häuser und Gärten oft so schändlich verraten, findet sich hier nicht. Während Brenner über das Grundstück führt, betrachtet uns seine Frau, in ihre farbenfrohe Strickjacke gehüllt, neben dem Gewächshaus sitzend und wie mit den Blumenbeeten um die Wette strahlend.

Wer die Bedeutung dieser Welt für die Brenners erahnen möchte, sollte vielleicht wissen, dass ihre Kindheit und Jugend von Krieg und Nachkriegserfahrungen geprägt wurden. Friedrich wuchs als Arbeiterkind in einem Wohnblock in Augsburg-Oberhausen auf. Seine Spielplätze waren steinig. Auf großen Kiesflächen, aufgeschüttet, um die Narben der Kettenfahrzeuge verschiedener Armeen einzuebnen, wurde Ball gespielt. Seine Frau lebte in dieser Zeit in derselben Stadt, aber wohl in einer anderen Welt. Sie machte Abitur an einer Klosterschule und hat es den Nonnen bis heute nicht verziehen, dass man dort die Schülerinnen auch in der größten Sommerhitze mit zugeknöpften Denk- und Kleidervorschriften zu erziehen suchte. Sie entledigte sich bald dieser Vorschriften, fand zu ihrem Friedrich aus der Vorstadt und gemeinsam mit ihm in eine für beide neue Welt.

Nach der Volksschule wurde Friedrich Brenner erst Modellschreiner und nutzte Mitte der 60er-Jahre die Chance, Kurse in Münz- und Medaillengestaltung in München zu belegen. Er hatte in seinen frühen 20ern schon erste Versuche in diesem Metier auf eigene Faust unternommen, wollte aber mehr darüber wissen. Nach dem Tod seines Lehrmeisters Professor Karl Roth übernahm Brenner 1968 dessen Lehrauftrag an der Akademie der Künste. »Die jungen Menschen damals wollten gar nichts von mir lernen, sie wollten nur über Politik sprechen oder das, was sie dafür hielten«, zieht er heute über diese drei Jahre seines Lebens Bilanz. Als Künstler jedoch fand er in dieser Zeit den Weg zu sich selbst. Er entwickelte seine sehr persönliche Handschrift, die für jedermann, egal welchen Alters oder aus welchem Kulturkreis, verständlich ist und eine wunderbar leichte, oftmals humorvolle Note voller Leben in sich birgt.

Friedrich Brenner blickt auf ein erfülltes künstlerisches Leben zurück. Er hat als Designer, Künstler, Lehrer und Handwerker gearbeitet. Seine Möbel stehen in Kirchen, seine Brunnen zieren Städte, seine Medaillen halten die Erinnerung fest und seine Münzen gehen von Hand zu Hand. Lange Jahre war er auch in die Renovierung des Goldenen Saals im Augsburger Rathaus eingebunden. Seine Schnitzdekore prägen den ehemals prächtigen Raum, dessen Rekonstruktion der Künstler heute als fragwürdiges Unterfangen einstuft.

Diese Position wurde wohl nicht zuletzt von der Art geprägt, wie Brenner den echten Dingen Respekt erweist. So nehmen zahlreiche Fundstücke eine zentrale Rolle in seinen Arbeiten ein: mundgeblasene Flaschen, historische Besteckteile oder viele hundert Jahre alte Werkzeuge. Der Künstler entdeckt in ihnen eine ursprüngliche Schönheit und einen Wert, der sich in der Leistung des Erschaffens und nicht in der erreichbaren Summe eines Wiederverkaufs manifestiert.

Seine Beziehung zu Geld ist für den Medailleur, der erst im vergangenen Jahr wieder für den Entwurf einer 20-Euro-Münze zu Ehren von Otto Dix ausgezeichnet wurde, von Pragmatismus bestimmt. Der Junge aus der Arbeitersiedlung weiß wohl, was es heißt, wenn es am Nötigsten fehlt, und genießt heute, als Mann von bald 80 Jahren, die finanzielle Unabhängigkeit, die er sich in seinem Leben erarbeitet hat.

Das Maximilianmuseum ehrt den Künstler Friedrich Brenner derzeit mit einer Schau, die vor allem seine Reliefs in den Fokus stellt. Hier zeigt sich neben seiner Fähigkeit, den konzentrierten Ausdruck festzuhalten, auch der Spaß, den Brenner bei seiner Arbeit hat und den er an den Betrachter über sein Werk weiterzugeben weiß. Zur Ausstellung erschien beim Wißner-Verlag ein wunderbar bebilderter Katalog, der am Rande auch auf die jüngste künstlerische Leidenschaft Brenners, die Fotografie und Bildbearbeitung, eingeht.

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