Politik & Gesellschaft

Welcher Blick zählt?

Juliana Hazoth
25. Mai 2021

Anlässlich des Deutschen Diversity-Tags lud die Initiative OpenAfroAux am Freitag zur Online-Podiumsdiskussion. Im Zentrum stand die Frage: Was müssen Museen in Bezug auf den Umgang mit ihren Objekten und ihrer Ausstellungspraxis »verLernen«?

Am Abend diskutierten die Frankfurter Kuratorinnen Jeanne Nzakizabandi und Ismahan Wahya, der Migrationsforscher Mark Terkessidis, der Geschäftsführer der Regio Augsburg Tourismus Götz Beck und die Leiterin des Büros für gesellschaftliche Integration der Stadt Augsburg Dr. Margret Spohn. Moderiert wurde die Veranstaltung von Denzil Manoharan, Projektleiter des Diversity Managements bei Tür an Tür. OpenAfroAux organisierte das Format gemeinsam mit dem Friedensbüro der Stadt Augsburg und weiteren Partnern.

Das Augsburger Fugger- und Welsermuseum steht wie viele andere Museen aktuell vor der Herausforderung, die eigenen Sammlungen und deren öffentliche Darstellung kritisch zu betrachten. Geschichte wird in Museen häufig rein aus eurozentristischer, weißer Perspektive erzählt. In diesem Zusammenhang werden nach wie vor koloniale und rassistische Strukturen reproduziert, die es zu erkennen und zu verändern gilt. Mit ihrer Veranstaltung wollten die Initiatorinnen von OpenAfroAux, Isabella Hans und Feven Selemon, die Aufmerksamkeit auf multiperspektivische Geschichtserzählung lenken und anhand von gelungenen Beispielen aufzeigen, wie der notwendige Prozess der Umstrukturierung aussehen kann.

Von einer erfolgreichen Umsetzung berichtete Ismahan Wahya, die im Historischen Museum Frankfurt die Ausstellung »Ich sehe was, was du nicht siehst. Rassismus und Kolonialismus aus der Sicht Betroffener« mitinitiierte. Das Projekt sei von Anfang an auf positive Resonanz gestoßen und als partizipative Erfahrung für die Bewohner*innen der Stadt erschlossen worden. Ähnliches erzählt auch Jeanne Nzakizabandi, die in der Anne Frank Bildungsstätte aktuell die Ausstellung »Hingucker? Kolonialismus und Rassismus ausstellen« betreut. In beiden Fällen sei das Ziel, sich kritisch mit Exponaten auseinanderzusetzen und diese für verschiedene Perspektiven zu öffnen. Nzakizabandi betont wie wichtig es sei, Leerstellen sichtbar zu machen und das Publikum herauszufordern, nicht nur das Gesehene, sondern auch die eigene Rolle zu hinterfragen.

Auch in Augsburg geht es voran. Im Rahmen von Stadtführungen beispielsweise soll explizit auch die Migrationsgeschichte als wichtiger Bestandteils des heutigen Stadtbilds aufgearbeitet und sichtbar gemacht werden. Geplant ist im Kontext der multiperspektivischen Geschichtserzählung weiterhin eine multimediale Umsetzung. Entsprechende Apps sollen mit thematischen Schwerpunkten durch Stadt und Ausstellungen führen, Podcasts werden das ortsgebundene Angebot ergänzen. Götz Beck und Dr. Margret Spohn betonen, wie wichtig die laufenden Prozesse sind und dass ein Umdenken für die Zukunft unerlässlich ist.

Der Migrationsforscher Mark Terkessidis begrüßt grundsätzlich die Bereitschaft, sich der kolonialen Vergangenheit und rassistischen Gegenwart anzunehmen. Er mahnt jedoch, den Prozess ernst zu nehmen und nicht »Partizipation als Alibi« zu betreiben. Nur wenn ein tatsächliches und anhaltendes Umdenken stattfindet, können Institutionen wie Museen das Vertrauen der gesamten Bevölkerung gewinnen und damit zukunftsfähig werden.

Schlussendlich sind sich die Diskutierenden einig: Museen müssen weg von der elitären Selbstdarstellung und sich stattdessen als demokratiefördernde Institutionen einer Gesellschaft der Vielfalt begreifen. Die Ideen dafür sind vorhanden und die bisherigen Ergebnisse andernorts sprechen für sich. Ob die notwendige und nachhaltige Transformation der Museumslandschaft in Augsburg wirklich kommt oder es beim Alibi bleibt, wird die Zukunft zeigen.

Die Podiumsdiskussion wurde aufgezeichnet. Das Video finden Sie hier:

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