Ausstellungen & Kunstprojekte

Was Römer wollen

Patrick Bellgardt
26. Juni 2015

Rund zehn Tage vor der Eröffnung der Ausstellung herrscht ein geordnetes Durcheinander: Einzelne Exponate sind bereits an Ort und Stelle, andere müssen ihren Platz erst noch finden. Gerade versuchen Manfred Hahn und sein Team eine imposante Infotafel zu montieren. Darauf zu sehen ist unter anderem eine Karte der wichtigsten Ausgrabungsstätten im Augsburger Stadtgebiet. In wenigen Tagen soll sie die Besucher der Toskanischen Säulenhalle willkommen heißen. Auch wenn er es abstreitet wirkt Hahn an diesem Nachmittag relativ gelassen. Gemeinsam mit dem Ausstellungsgestalter Christian Thöner hat der Historiker die Schau unter dem Titel »Römerlager« konzipiert. Für »fünf Jahre plus X« wird sich das römische Augsburg im Zeughaus einrichten. Die Präsentation der kostbaren Objekte in Transportkisten symbolisiert dabei eindrucksvoll den Status als Interimslösung. Hahn zeigt: Das Museum ist nach wie vor im Umzug begriffen.


Fast drei Jahre nach der Schließung des Römischen Museums in der Dominikanerkirche werden die römischen Schätze nun endlich wieder der Öffentlichkeit präsentiert. Ich nehme an, dass bei Ihnen nach dieser langen Wartezeit die Sektkorken knallen?

Das stimmt in zweierlei Hinsicht. Zum einen ist es natürlich bitter, wenn man seine Objekte eigentlich nur noch verpackt in Depotkisten sieht. Zum anderen ist man froh, wenn die unglaublich arbeitsaufwendige Ausstellungsvorbereitung abgeschlossen ist und man wieder in etwas ruhigeres Fahrwasser kommt.

Zu sehen gibt es die wichtigsten Exponate der ehemaligen Dauerausstellung, aber auch bisher Unbekanntes. Können Sie da schon mehr verraten?

Bei den kleinsten Objekten angefangen sind beispielsweise erstmals Schmuck-Gemmen aus Augsburg zu sehen. Diese präsentieren wir digital mit Bildschirmen unterstützt en bloc. Dabei handelt es sich um sehr wertvolle Stücke, die in einer großen Zahl aus Grabungen stammen. Die wohl spektakulärsten Exponate sind jedoch rund 1.800 Jahre alte Hölzer – die Fundamente einer römischen Schiffslände, eines kleinen Flusshafens. So viel ist klar: Augsburg wurde zwar auch über die Via Claudia versorgt, der wichtigere Handelsweg war jedoch der Lech. Das Besondere an den Hölzern ist ihre Datierbarkeit über die sogenannte Dendrochronologie, das heißt über ein Verfahren, bei dem man mit der Hilfe der Jahresringe das Schlagdatum eines Baumes ermitteln kann. Dieses System und weitere Forschungsmethoden sollen auch in der Ausstellung eine Rolle spielen.

Das Konzept der Dauerausstellung in der Dominikanerkirche ging auf die 60er-Jahre zurück. Sind Sie froh, endlich etwas Neues ausprobieren zu können?

In der Dominikanerkirche lag ein starker Akzent auf den Steindenkmälern. Das war für meinen Geschmack eine etwas zu starke Gewichtung. In der Toskanischen Säulenhalle zeigen wir nur noch Steindenkmäler, die im Kontext einzelner Themen relevant sind. Und natürlich können wir auch in Sachen mediale Einbindung neue Wege gehen, um die Objekte zeitgemäßer zu präsentieren.

Noch vor der Kommunalwahl 2014 stand das Römische Museum bei vielen Politikern quer durch alle Parteien ganz oben auf der kulturpolitischen To-do-Liste. Seitdem hat man den Eindruck, dass das Projekt auf die lange Bank geschoben wird.

Es ist ein langer Prozess, das ist unbestritten. Was ist konkret passiert: Im Oktober 2014 hat, ausgehend vom Stadtplanungsamt, eine Planerwerkstatt, eine Art Ideenwettbewerb, stattgefunden, in dem es zunächst um die Frage ging: Ist eine Erweiterung des Museums am Standort Predigerberg unter Beibehaltung der Schule möglich? Vonseiten der Kulturverwaltung haben wir in diesem Zusammenhang einen Raumbedarf formuliert. Vier Architekturbüros sind daraufhin zu dem Schluss gekommen, dass man das, was »die Römer« wollen, am Predigerberg verwirklichen kann, ohne die Schule abzureißen. Dieses Urteil war dann die Grundlage für den Beschluss des Kulturausschusses, sich auf diesen Standort festzulegen. Das hört sich zwar banal an, ist aber eine ganz wichtige Entscheidung. Ich habe mindestens ein Dutzend Zuschriften bekommen, wo man das Römische Museum noch überall bauen könnte. Das sind alles Vorschläge, die nett gemeint waren, die einen solchen Entscheidungsprozess allerdings noch weiter hinauszögern. Insofern haben wir im Moment einen Standortbeschluss und den erkennbaren Willen seitens der Politik. Nichtsdestotrotz haben wir zusätzlich eine ganze Palette anderer Projekte wie das Stadttheater oder den Bahnhofsumbau. Wir sind nur ein Teil einer langen Liste.

Wäre ein Museumsneubau am Predigerberg auch Ihr persönlicher Favorit?

Die Stadtnähe, die Nähe zu den anderen Museen ist entscheidend. Der Standort Predigerberg ist dann mein Favorit, wenn das Römische Museum in seiner Konzeption im Stadtbild besser erkennbar ist, als es das zuletzt war. Die Dominikanerkirche hatte ein entscheidendes Problem: Sie war so unauffällig, dass Laufkundschaft quasi gar nicht existiert hat. Das zukünftige Haus muss präsent sein, Akzente setzen und darf meiner Ansicht nach auch architektonisch mutig sein.

Unabhängig von der Standortfrage: Gibt es bereits eine Planungsgruppe, die im Hintergrund an einer Neukonzeption des Römischen Museums arbeitet?

Da wäre mir nicht bekannt. Es gibt ein Papier aus dem Jahr 2009, das damals ein Beratungsgremium mit Experten aus ganz Deutschland erarbeitete. Das ist immer noch eine Art Diskussionsgrundlage. Geplant ist – ohne ein Datum zu kennen – ein Architektenwettbewerb, der dann das Fundament für die weitere Entwicklung bildet. Vonseiten des Römischen Museums müssen wir daraufhin konkrete Anforderungen formulieren.

Die Entwicklung der »Römerstadt Augsburg« ist für eine Vielzahl an Akteuren von Interesse: Wissenschaft, Stadtgesellschaft, Tourismus. Gehen da die Meinungen zu stark auseinander?

Sagen wir es mal so: Zeitgleich mit der Eröffnung unserer Ausstellung in der Toskanischen Säulenhalle findet das privat ausgerichtete Römerfest beim Kongress am Park statt. Da habe ich keinerlei Berührungsängste. Im Rahmen der seriösen Grenzen eines Wissenschaftlers bin ich der Meinung, dass es nicht schadet, die Inhalte so zu vermitteln, dass sie auch Menschen verstehen, die sich nicht tagtäglich mit der Thematik auseinandersetzen. In Augsburg haben wir einen entscheidenden Unterschied zu Trier, Regensburg oder Xanten: Wir können wenig sichtbar machen. Im Stadtbild sind so gut wie keine römischen Ruinen vertreten. Aktionen für die breite Bevölkerung gilt es daher natürlich zu fördern. So arbeiten wir beispielsweise ganz stark mit der Regio Augsburg zusammen. Man muss nach außen gehen, das steht außer Frage.


Die Ausstellung »Römerlager. Das römische Augsburg in Kisten« in der Toskanischen Säulenhalle des Zeughauses ist von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr geöffnet.


www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de
www.facebook.com/Roemisches.Museum.Augsburg

Foto: Frauke Wichmann

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