Politik & Gesellschaft

Was müssen wir tun?

Iacov Grinberg
12. September 2021

Iacov Grinberg besucht ungern Wahlveranstaltungen. Für die von Ulrike Bahr (SPD) ausgerichtete Podiumsdiskussion zum Thema »Gut aufwachsen und zusammenleben in der Stadt« machte er eine Ausnahme. Eine Zusammenfassung.

Ich besuche Wahlveranstaltungen von Parteien in der Regel nicht. Auf diesen Veranstaltungen spricht man Versprechungen aus und hebt seine Verdienste hoch, verheimlicht aber nicht erfüllte Versprechungen und nicht gelungene Vorhaben. Die von SPD-Kandidatin Frau Ulrike Bahr organisierte Podiumsdiskussion »Gut aufwachsen und zusammenleben in der Stadt« mit dem ehemaligen Augsburger Sozialreferenten Dr. Konrad Hummel, habe ich aber besucht.

Dr. Konrad Hummel hat während seiner Amtszeit als Sozialreferent in Augsburg sehr viel gemacht, um die Einwohner der Stadt in eine aktive und lebendige Stadtgesellschaft umzuwandeln: Er kurbelte das ehrenamtliche Engagement der Bürger in verschiedenen Bereichen an, es wurde eine Konstruktion aus Paletten am Rathausplatz als freie Bühne für Kulturschaffende errichtet, die leider nicht erfolgreiche Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2010 hat das Kulturleben der Stadt belebt. Er initiierte »Bündnis für Augsburg« in dessen Rahmen sehr viele Bürgerorganisationen gebildet wurden, die bis heute das gesellschaftliche Leben der Stadt prägen und mit dem die Stadt Augsburg den Deutschen Engagementpreis 2011 erhielt.

Frau Bahr, die nach ihrem Studium als Hauptschullehrerein arbeitete, eröffnete die Veranstaltung mit einer kurzen Einführung. Danach folgte eine Situationsdarstellung seitens Dr. Hummel, die auf seiner langjährigen praktischen Arbeit basierte, die in einer regen Diskussion mit den ca. 40 Anwesenden mündete. Hummel begann mit einer humorvoll vorgetragenen Aussage, denn schließlich habe die Sorge um das Aufwachsen der Jugend auch eine egoistische Komponente: Eine gut herangewachsene Jugend ermögliche eine gute Altersrente. Weiter stellte er fest, dass in keinem Parteiprogramm oder Gesetz eine Gewährleistung über das Wohlbefinden der jungen Menschen festgeschrieben sei. Wobei dieses Wohlfühlen keinesfalls für alle Menschen gleich ist, denn es sei von Person zu Person, ihren Familien, Umfeld und Erziehung abhängig. Eine individuelle Herangehensweise sei unbedingt notwendig. Die Förderung in den verschiedenen Stadtvierteln sollte nicht größer oder kleiner sein, sondern individuell, mit Berücksichtigung der lokalen Umstände.

Man muss beachten, dass sich die heutigen Lebensumstände, im Gegensatz zu früher, stark verändert haben. Kinder und Jugendliche verbringen sehr viel Zeit im Internet bzw. in den sozialen Netzwerken. Zudem sind sie aufgrund der Corona-Beschränkungen derzeit seltener draußen unterwegs und die Zeit vor den Medien noch länger. Auf eine Bemerkung aus dem Saal, dass im Internet um fast jeden Preis nach Anerkennung, nach »Likes« gesucht werde, antwortete Dr. Hummel, dass dort auch viel Mobbing zu finden sei. Weiter erläuterte er, dass das Problem bekannt sei, aber kaum Wissen darüber bestünde, diesen Vorkommnissen entgegenzusteuern.

Eigentlich ist diese Gegensteuerung ein Teil der pädagogischen Arbeit. Wir alle aber wissen, dass die zwei für einen Beruf oft benutzten Wörter »Lehrer« und »Pädagoge« sehr verschieden sind. In unseren Schulen gibt es genug Lehrer, aber nicht alle Lehrer sind gute Pädagogen. Auf die Behauptung aus dem Saal, dass Lehrertätigkeit manchmal durch Internet-Beiträge ersetzt werden könnten, da es viele wirklich gute Erklär-Videos im Internet gäbe, erwiderte Dr. Hummel, ein guter Lehrer sei nicht ersetzbar. Ihm nach, müsse diese Differenz mit Sozialpädagogen kompensiert werden. Sie sind heute in unseren Schulen leider Mangelware.

Weiter sagte Hummel, dass sich Schüler auch gegenseitig helfen könnten. Das heißt, dass wir hier auf die ehrenamtlichen Tätigkeiten der Mitbürger angewiesen sind. Ganztagsschulen könnten zudem den Kindern und Jugendlichen eine Möglichkeit bieten, mehr Zeit mit anderen zu verbringen und könnte eine ständige pädagogische Betreuung gewährleisten. Die Anwesenden äußerten in ihren Wortmeldungen, dass Kinder und Jugendliche ein labiles Wertesystem hätten und stark von Trends beeinflusst würden. Heute versuchen sie selbst Musikinstrumente zu spielen, selbst TV-Aufnahmen für Tik-Tok zu machen. Dr. Hummel sagte, dass auch hier die Ganztagsschule behilflich sein könnte.

Nach dem Gespräch in großer Runde folgten, wie üblich, Gespräche in kleineren Runden. Aus diesen Gesprächen blieb mir vor allem im Gedächtnis, dass egal welche Parteien regieren werden, die dargelegten Probleme, die kaum in den Parteiprogrammen artikuliert werden, gelöst werden müssen. Die Regierung und die Parteien können nur Bedingungen schaffen, die die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ermöglichen. Die Menschen, die diese Arbeit durchführen müssen, kommen aus der Gesellschaft, sie müssen gesucht und gefördert werden. Ohne sie geht nichts.

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