Theater & Bühne

Was anfangen mit der Freiheit?

Gastautor

Auf der Brechtbühne spielt das Staatstheater Augsburg die Märchenkomödie »Der Drache« von Jewgeni Schwarz.


Es soll gelacht werden; es wird gelacht. Doch zunehmend bleibt das Lachen im Hals stecken. Seit Jahrhunderten drangsaliert ein Drache die Stadt als Diktator. Unterschiedlich reagieren die Menschen: »Liegt man weich, muss man schweigen.« Alle wissen: So kann es nicht weitergehen. Keiner traut sich, offen aufzubegehren. Selbst der Drache hat es dick, ohne Widerstand zu herrschen. Als einer kommt, um die Wahrheit zu sagen und den Drachen zu bekämpfen, wird er verleumdet. »Kaum ist die Welt in Ordnung, kommt einer von diesen Berufsnarren und fordert uns heraus.« Es wird einen Kampf gegen den Drachen geben. 5.000 Unterschriften werden gesammelt. Die Straße hat sich der Sache angenommen, es wird eine Revolution oder ein Bürgerkrieg erwartet.

Die Bühne besteht aus einem nach hinten enger werdenden Trichter aus rotem Stoff. Ganz oben steht der Bürgermeister. Es wird viel mit Licht und Dunkel gearbeitet. Der Drache ist schwarz gewandet, die meisten weiß. Zeitweise ist der gesamte Theaterraum einbezogen

Der Kampf gegen den Drachen wird nicht gezeigt. Er wird besiegt. Der Bürgermeister verkleidet sich schwarz mit der Robe der Macht, gibt sich als Drachentöter aus. Er glaubt es selbst und wird krank davon. Die meisten ducken sich vor ihm: »Was kann ich schon machen?« Dagegen: »Besinnt euch, der Drache ist tot.« Aber: »Ihr seid schuld, ihr habt es so gewollt.« Zum Schluss der Aufruf: »Den Verstand gebrauchen!«

Der russische Dramatiker Jewgeni Schwarz hat das »Märchenstück« als Reaktion auf Stalins Terror geschrieben. 1944 wurde es in Moskau nach der Generalprobe abgesetzt. Erst 1961 fand die Uraufführung in Polen statt. 1962, vier Jahre nach Schwarz' Tod, brachte Nikolai Akimow in Leningrad die erste russische Premiere heraus. 1965 wurde es in Ost-Berlin zu einem großen Erfolg. Der Drache konnte als Hitler, der Kapitalismus im Westen oder auch als die SED-Führung interpretiert werden.

Ute Fiedler verkörpert in der Farce mit schwarz glänzendem Lack den Drachen stolz, gelangweilt, ängstlich. Elif Esmen lebt  den Herausforderer Lanzelot, der den Drachen stürzt und damit Freiheit und Selbstbestimmung bringen will. Kai Windhövel als Bürgermeister mit seinen zwei Gesichtern hat wieder einmal eine Paraderolle gefunden. Ein Kater (Andrej Kaminsky) fragt anfangs: »Hallo, niemand hier?«, ist anschmiegsam und blickt durch. Stefan Leibolds Musik zieht alle Register, immer am Geschehen entlang.

Die Brechtbühne des Gaswerks kommt dem Stück sehr entgegen. Es gelingt den Mitwirkenden großartig, Farce und Ernst zu kombinieren und das Publikum mit Fragen zu konfrontieren: Wo stehe ich? Welches sind meine zwei Seiten? Wo ist in mir der Drache, wo in mir selbst der Befreier?

Lang anhaltender Applaus als Dank für ein aufrüttelndes Theater-Erlebnis.

 

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