Politik & Gesellschaft

Vergnügen und Last

Jürgen Kannler
19. März 2021

a3kultur: Gräfin Thun-Fugger, wie wird man Chefin einer Fuggerlinie?
Maria Elisabeth Gräfin Thun-Fugger: Man wird es nicht, man ist es. Mein Vater war Chef der Linie Fugger-Kirchberg-Weißenhorn und hatte keinen Sohn, somit bin ich seine Erbin und Nachfolgerin. Was das Seniorat betrifft, bin ich eigentlich nicht die Chefin: Es besteht das Prinzip primus inter pares. Ich bin die Erste unter zwei weiteren Gleichgestellten. Ich vertrete die Stiftungen genauso wie die anderen beiden Senioren auch. Das heißt, dass wir die Repräsentationsaufgaben untereinander aufteilen können. Ich bin vielleicht in die Vorbereitungen der Sitzungen etwas mehr involviert und leiste Vorarbeit für die Entscheidungen des Seniorats, aber es ist nicht so, dass ich tonangebend wäre oder meine Stimme doppelt zählen würde – wir sind ein Team.

Sie sind die erste Frau als Vorsitzende des Seniorats. Welche Rolle spielten Frauen in der 500-jährigen Geschichte der Fuggereistiftung?
Gräfin Thun-Fugger: In der Fuggereistiftung selbst haben sie naturgemäß keine Rolle gespielt, da ihnen der Zugang zum Seniorat verwehrt wurde. Früher galt die männliche Erbfolge, und so waren nur Männer im Gremium. Das hat sich heute geändert. Frauen spielten aber eine bedeutende Rolle in der Familie selbst. Sie haben häufig das Vermögen ihrer Männer verwaltet. Ganz berühmt in diesem Zusammenhang ist die Frau von Jakob Fugger dem Älteren, die das Vermögen ihres Mannes nicht nur verwaltet, sondern auch vielfach vermehrt hat.

Seit wann wirken Frauen im Seniorat mit?
Gräfin Thun-Fugger: Die drei Fuggerlinien haben in den 1960er-Jahren den Beschluss gefasst, dass in meinem Fall auch die weibliche Erbfolge gilt und ich Teil des Seniorats werden durfte. Was ein sehr moderner Beschluss zu der damaligen Zeit war. Bei Gräfin Theresia Fugger von Glött war es ähnlich. Das Seniorat hat beschlossen, dass sie den Familienzweig repräsentiert und Mitglied des Seniorats werden darf. Momentan sind wir Frauen also in der Überzahl.

In so viel Geschichte steckt sehr viel Verantwortung. Wie gehen Sie damit um?
Gräfin Thun-Fugger: Es ist Vergnügen und Last. Ich denke, ich habe das Bewusstsein für die große Verantwortung mit der Muttermilch eingesogen. Meine Eltern haben mich schon als junges Mädel in die Fuggerei und zu Veranstaltungen vor Ort mitgenommen. So war es wohl bei allen drei Fuggerlinien der Fall. Es ist einerseits etwas Wunderschönes, andererseits auch eine große Verantwortung. Wenn ich aber auf 500 Jahre zurückblicke, sehe ich, dass die Familie diese Verantwortung stets annahm, sonst würde die Fuggerei heute so nicht mehr existieren. Es ist auch eine große Freude, eine Genugtuung, dass man sagen kann, wir können hier etwas bewirken. Wir können Menschen helfen.

Graf von Hundt, was ist Ihre Aufgabe als Administrator?
Wolf-Dietrich Graf von Hundt: Die Fuggerschen Stiftungen umfassen nicht nur die Fuggerei, den bekanntesten und größten Stiftungszweck, sondern insgesamt neun Stiftungen, und die müssen verwaltet werden. Das Seniorat ist der Vorstand der Stiftungen und ich bin quasi der Geschäftsführer, der letztlich alles umsetzt, was das Seniorat entscheidet. Zudem bin ich unter anderem verantwortlich für die Verwaltung, Buchhaltung, Finanzen, die Jahresabschlüsse und die Exekution der Stiftungszwecke.

Anlass für unser Gespräch ist ein sehr schöner: Ende August feiern die Fuggerstiftungen 500-jähriges Jubiläum.
Gräfin Thun-Fugger: Dieses Jahr feiern drei unserer Stiftungen Jubiläum. Als bedeutendste die Fuggereistiftung, außerdem die St.-Anna-Stiftung, die Grablege von Jakob Fugger und zum dritten die St.-Moritz-Prädikaturstiftung. Die wichtigste, wie Graf von Hundt schon sagte, ist die Fuggereistiftung, sie unterhält die Fuggerei.

Was machte die Stiftung vor 500 Jahren aus?
Gräfin Thun-Fugger: Es war eine alte Tradition, vor allem im Mittelalter, dass Menschen Stiftungen ins Leben riefen. Sehr bedeutend in der damaligen Zeit war das Bewusstsein, dass es ein Jenseits, einen Himmel gibt, in den man unbedingt nach dem Tod kommen wollte. Die Darstellungen von Hölle und Fegefeuer waren ganz fürchterlich, da wollte niemand hin. Deshalb haben viele Menschen Stiftungen ins Leben gerufen, damit Menschen für sie und ihr Seelenheil beten und der Stifter dadurch in den Himmel kommen konnte. Auf der anderen Seite gab es natürlich auch Stiftungen aus sozialen Gründen, und das ist in meinen Augen das ganz Besondere an der Fuggereistiftung: Es ist eine Kombination aus beidem. Gegründet aus einem sozialen Gewissen heraus, dass man der Gesellschaft etwas zurückgeben und etwas vom Reichtum abgeben möchte. Es ist aber auch eine Stiftung für das Seelenheil des Stifters und der Stifterfamilie. Hier kommen auch die Gebete, die die Bewohner als eine Art von Miete beten sollen, zum Tragen.

Bei der Fuggerei spricht man von der ältesten Sozialsiedlung der europäischen Welt. Wie kam die Familie auf die Idee, eine Stiftung in dieser Form umzusetzen?
Gräfin Thun-Fugger: Ich glaube, dass es Jakob Fuggers Idee war. Er errichtete die Stiftung letztlich auch im Namen seiner Brüder. Es war nicht nur eine Stiftung für arme Leute, sondern für Menschen, die noch im Arbeitsleben standen, hauptsächlich Handwerker, die hier weiterhin ihr Handwerk betreiben konnten. Die Fuggerei war nicht für Bettler, sondern für Leute, die mitten im Leben standen, aber Pech oder Unglücksfälle erlebt haben. Jakob Fugger hat dabei stets auch die Würde des Individuums in den Mittelpunkt gestellt. Das heißt, jeder Bewohner oder jede Familie hat ihren eigenen Aufgang und eine eigene Wohnung. Zudem war die Fuggerei nie ein Armenhaus, in das man eingewiesen wurde und in dem man umsonst gelebt hat. Alle Bewohner erbringen eine Gegenleistung, indem sie Mietzins bezahlen und die drei Gebete sprechen.  

Eine Stiftung, die 500 Jahre überlebt, muss gut geführt werden. Wie wird sie finanziert?
Gräfin Thun-Fugger: Wir haben das große Glück, dass die Stiftungen von einer reinen Kapital- in eine Liegenschaftsstiftung umgewandelt worden sind. Unsere Einkünfte beziehen wir aus der Forstwirtschaft. Eine Geldentwertung war für uns nie so dramatisch wie für andere Stiftungen. Kriege und Finanzkrisen haben uns nicht so getroffen. Heute reicht das allerdings nicht mehr aus, und deshalb haben wir auch ein Augenmerk auf den Tourismus gelegt und verlangen Eintritt in die Fuggerei. Das ist unser zweites Standbein geworden. Wir haben zudem Museen geschaffen und erneuern diese ständig. Wir wollen auch weitere Museen schaffen, damit wir den Menschen mitgeben können, was die Fuggerei ist und was das Besondere an ihr und ihrer Geschichte ausmacht.

Die Fuggerei war Teil des alltäglichen Stadterlebens. Dass der Zutritt ab einem gewissen Zeitpunkt nur noch mit Eintritt möglich war, ist für Nachbarn erst einmal schwierig zu verstehen. Sie argumentieren mit Einnahmemöglichkeiten im Tourismus. Wie viele Besucher*innen – in Nicht-Corona-Jahren – kommen in die Fuggerei?
Graf von Hundt: Wir haben circa 220.000 Besucher jährlich. Es kommen allein 850 Schulklassen im Jahr zu uns. Wir haben aber den Anspruch, nicht nur Wandertagsziel zu sein, sondern bauen unsere didaktischen Angebote stetig weiter aus. Gerade die Kinder verstehen die Idee, etwas bewirken zu können, sehr gut. Erwachsene staunen meistens vor allem. Der Blick hinter die Fassaden ist spannend und wichtig. Wir werden schließlich auch mit dem Gerücht konfrontiert, dass hier nur Schauspieler leben. Es gibt demnach immer noch viele Mythen um die Fuggerei. Unser Ziel ist, aufzuklären. Jedem muss nach seinem Besuch klar sein, wer hier in der Fuggerei lebt und wie. Aus diesem Grund haben wir auch das »Museum der Bewohner«, in dem die Bewohner selbst zu Wort kommen, neu in der Fuggerei errichtet. Das kommt sehr gut an – vor allem bei jüngeren Menschen.

Die Fuggerei ist keine Stadt in der Stadt, sondern eine reine Wohnanlage, seit einiger Zeit mit Gastronomie. Es gibt hier aber keinerlei Geschäfte oder Dienstleister.
Gräfin Thun-Fugger: Nein, das war von Jakob Fugger auch nie so gedacht. Er hat großen Wert darauf gelegt, dass die Menschen ihrer Arbeit nachgehen können. Das spiegelt sich auch in den drei Gebeten wider. Um sie zu sprechen, muss man nicht extra in die Kirche gehen oder viel Zeit aufbringen. Jakob Fugger war ein arbeitsamer Mensch, deshalb war seine Intention, für das Wichtigste – das Dach über dem Kopf – zu sorgen. Er sorgte nicht dafür, dass hier Amüsement stattfindet.

Graf von Hundt: Die Fuggerei ist natürlich ein eigener Organismus in der Stadt, aber mit einer starken Stadtanbindung, wie die vielen Tore beweisen. Das Wohnen, aber auch das Arbeiten stand jedoch immer an oberster Stelle.

Wohnungsnot gab es eigentlich fast immer. Wie lang ist Ihre Warteliste heute?
Graf von Hundt: Wir haben momentan eine Warteliste von circa 60 bis 80 Berechtigten, die sofort einziehen könnten, wenn eine Wohnung frei werden würde. Wir können leider keine schnelle Hilfe anbieten, deshalb versuchen wir natürlich immer, den Menschen, die sich hilfesuchend an uns wenden, weiterzuhelfen und Kontakte zu vermitteln. Diese Arbeit leisten wir über die tägliche Unterstützung hinaus.

Fluktuation durch Wegzug wird es wahrscheinlich kaum geben?
Graf von Hundt: Vor allem bei unseren jungen Bewohnern hoffen wir natürlich, dass die Hilfe zur Selbsthilfe wirkt. Für gewöhnlich verlassen uns Bewohner aber durch Tod oder weil sie in ein Pflegeheim umziehen. Man kann damit rechnen, dass zwischen fünf und zehn Wohnungen im Jahr frei werden.

Gräfin Thun-Fugger: Unser Bestreben und oberstes Ziel ist die Hilfe zur Selbsthilfe. Die Menschen sollen hier zur Ruhe kommen, weil sie die Sicherheit eines Dachs über dem Kopf haben und sich neu sortieren können. Sie sollen wieder hinaus in die Welt gehen und ein erfolgreiches Leben führen können.

500 Jahre sind eine lange Zeit. Einige Gruppen wünschen sich eine bessere Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit auch im Geschäftsleben der Fugger. Wie gehen Sie mit dieser Vergangenheit um?
Graf von Hundt: Dazu ist bereits sehr viel geschrieben worden. Wir haben unsere wissenschaftliche Reihe, in der das alles aufgearbeitet wurde. Gerade das Geschäftsmodell von Jakob Fugger wurde viel besprochen – man müsste es nur lesen. Soweit ich weiß, haben die Fugger nie eine Kolonie in Lateinamerika besessen. Eigentlich waren die Fugger reine Händler. Man muss wissen: Menschenhandel war damals ein verbotenes Geschäft, für das es einer Lizenz bedurfte, die die Fugger nie hatten. Wir werden leider immer mit den Welsern in einen Topf geworfen. Im »Fugger Forum« haben wir uns mit der kolonialen Vergangenheit auseinandergesetzt und wir planen auch noch mehr dazu, was aktuell durch Corona auf Eis liegt. Die Themen sind aufgearbeitet: Es ist alles da und wir können Fakten einbringen.

Um das Fugger Welser Erlebnismuseum gab es in letzter Zeit viele Diskussionen. Ist das ein Thema, das Sie verfolgen?
Graf von Hundt: Das Museum ist eine Einrichtung der Stadt und der Regio Augsburg. Darauf haben wir keinen Einfluss. Gegen so Ungeschicktheiten wie die App Anfang letzten Jahres können wir nichts tun. Wir werden manchmal zu diesen Themen befragt, aber zu den Welsern haben wir halt keine Expertise. Wir können nur verweisen. Wenn es dann schiefläuft, wie es passierte, leiden wir sehr. Wir können immer nur hoffen, dass wir nicht dafür verantwortlich gemacht werden.

Was ist im Jubiläumsjahr an Programm zu erwarten? Vorausgesetzt, dass es die Corona-Lage zulässt.
Gräfin Thun-Fugger: Wir haben vor, einen begehbaren Pavillon auf dem Rathausplatz aufzustellen. Wir wollen dort die Idee der Fuggerei der Zukunft vorstellen und den Fragen nachgehen, wie eine Fuggerei international skaliert werden könnte und wie sie Vorbild sein könnte für andere Stiftungen solcher Art und warum die Fuggerei über 500 Jahre hinweg ein Erfolgsmodell war und ist. Wir haben noch mehr Pläne, aber momentan sitzen wir hier und müssen Corona-bedingt noch warten, bevor wir den Startschuss geben können.

www.fugger.de
www.fuggerei-next500.de

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