Theater & Bühne

Trauer trennt und verbindet

a3kultur-Redaktion

Inzwischen haben sie und er sich fast zehn Jahre nicht gesehen. Als ihr Sohn bei einem Autounfall stirbt, wird dem Ehepaar der Boden unter den Füßen weggezogen – erst verlieren sie ihr Kind, dann sich selbst und schließlich einander. Ein Brief führt sie wieder zusammen, ausgerechnet auf dem Friedhof, auf dem ihr Sohn begraben liegt. Die Erde dort sei mit Giftstoffen belastet, die Toten müssten umgebettet werden. Schnell zeigt sich: Die alten Wunden sind längst nicht verheilt.

Es ist ein unglaublich intensiver Theaterabend, den Chefdramaturgin Maria Viktoria Linke im Hoffmannkeller in Szene setzt. Im dicht gestrickten Dialog zwischen ihm (Gregor Trakis) und ihr (Jessica Higgins) entwickelt das Kammerspiel eine mitreißende Sogwirkung. Die niederländische Autorin Lot Vokemans zeigt in ihrem Stück »Gift. Eine Ehegeschichte« zwei Menschen, deren Leben grundverschieden verlaufen ist, die unterschiedlich mit ihrem Schmerz umgehen. Während er sich nach Frankreich abgesetzt hat und mit einer neuen Frau zusammenlebt, hat sie es sich in ihrem Elend eingerichtet. Ihre Trauer trennt und verbindet zugleich. Beide eint die verzweifelte Suche nach einer Möglichkeit, mit dem Verlust umzugehen, damit abzuschließen.

Das Gespann Trakis und Higgins – von Anfang an die Wunschbesetzung Linkes – funktioniert in seiner eindringlichen Auseinandersetzung wunderbar harmonisch und liefert eine außergewöhnliche schauspielerische Leistung. Musikalische Unterstützung erhalten die beiden Darsteller in Gestalt von Philharmoniker Christian Döring an der Bratsche, der mit Bachs Partita No. 2 in d-Moll den tragischen Soundtrack beisteuert. Ein forderndes, ein bewegendes Stück Theater! Gespielt wird noch dreimal – am 14. und 27. Juni sowie 2. Juli.

Premiere feierte »Gift« im Rahmen des knapp einwöchigen Festivals »Spielraum Mitte – Das Gefühlscamp«. Im Dreieck zwischen Heilig-Kreuz-, Kasern- und Theaterstraße hat sich Schauspiel des Theaters in Zusammenarbeit mit Bring Your Own Elephant häuslich eingerichtet. Ziel ist es, Freiräume für Kunst und individuelle Gefühle zu erforschen. Mit einer Vielzahl an Schauspiel, Tanz, Musik, Installation und Performance soll vor allem auch mit dem Publikum in Kontakt getreten werden.

Das Experiment läuft noch bis zum 13. Juni. Dann geht das Festival in den traditionellen Tag der offenen Tür über und feiert mit einer großen Party am Abend seinen Abschluss. Weitere Infos und alle Programmpunkte im Überblick gibt es unter:

www.theater-augsburg.de

www.facebook.com/spielraummitte


Foto: Nik Schölzel