Tanz

Tanz und Technik

Renate Baumille...
28. Mai 2021

Mit dem Kuka KR Iontec als »tanzendem« Industrieroboter gelingt ein Blick in die Zukunft: Die dritte VR-Ballettproduktion »kinesphere« des Staatstheaters Augsburg beleuchtet die bewegende  Konfrontation von Mensch(en) und Maschine.

Seit vielen Jahrzehnten experimentieren Künstler*innen in den unterschiedlichsten Genres mit dem fiktiven oder realen Zusammenprall von Mensch und künstlicher Intelligenz. Sie reflektieren die faszinierende oder fatale Begegnung von menschlicher Emotion und programmierter Reaktion. Als relativ aktuelle Beispiele wären etwa die noch ausstehende Vollendung von Beethovens 10. Sinfonie mithilfe von KI im Expertenteam zu nennen, Ian McEwans Roman »Maschinen wie ich« oder Maria Schraders romantische Liebeskomödie »Ich bin dein Mensch«. Zum Auftakt der neuen Spielzeit des Staatstheaters Augsburg gibt es mit »kinesphere« über die VR-Brille ein mit hohem Logistikaufwand und in Zusammenarbeit mit der Augsburger Kreativagentur Heimspiel produziertes 360-Grad-Ballett-Science-Fiction-Format, das garantiert auch als Live Tanzabend ein analoges Highlight wäre.

Wie die ins neueste Tanzprojekt involvierten 17 Company-Mitglieder schwärmt auch Ballettchef und »kinesphere«-Choreograf Ricardo Fernando von dem unvergleichlichen Ambiente des leer stehenden Reinigerhauses in unmittelbarer Nachbarschaft der Brechtbühne am Gaswerk. Ein »Lost Place« der Extraklasse! Natürlich bedeuteten die nur zehn Grad Hallenraumtemperatur eher grenzwertige Arbeitsbedingungen für die am Projekt Beteiligten. Und doch trugen sogar die Tauben, die während der Proben und der Filmaufnahmen durch die Halle flogen, ihren natürlichen Teil zur atemberaubenden Atmosphäre einer viel zu lange schon brachliegenden Halle bei, die jetzt als urban-coole Kulisse von »kinesphere« auch virtuell in Szene gesetzt wurde. Einer der Protagonisten ist mit dem 533 kg schweren Kuka KR Iontec ein Industrieroboter der neuesten Generation, den der Augsburger Hersteller dem Staatstheater zur Verfügung stellte.

© Jan-Pieter Fuhr
© Jan-Pieter Fuhr
© Jan-Pieter Fuhr
© Jan-Pieter Fuhr
© Jan-Pieter Fuhr
© Jan-Pieter Fuhr

2017 bereits hatte ein ähnliches Exemplar in der im Londoner Victoria and Albert Museum gezeigten Tanzperformance »Slave/Master« im Rahmen des London Design Festival and Digital Design Weekend sein tänzerisches Potenzial beweisen dürfen. Die Installation von Brooke Roberts-Islam versinnbildlichte unter anderem die Angst vor Automatisierungen und der Verdrängung menschlichen Arbeitens. Sie reflektierte kritisch auch die noch geltenden Hierarchien im Verhältnis von Mensch und Roboter – sehr bewusst ohne finale Versöhnung.

Worum aber kreisen jetzt Mensch und Maschine in der VR-Produktion »kinesphere«? Ricardo Fernando siedelte seine fiktive Story in vier Bildern im Jahr 2095 an: Eine von ihren Lebensumständen enttäuschte Wissenschaftlerin (er)findet den Roboter und will mit seiner Unterstützung fortan die Welt dominieren. So, um des Nicht-Spoilern willens, könnte die Superkurzfassung des Geschehens lauten. Die brasilianische Tänzerin Gabriela Zorzete Finardi, die seit 2019 am Staatstheater Augsburg engagiert ist, lieh der Bühnenfigur ihren Vornamen und nähert sich in einer Mixtur aus Vorsicht und Vereinnahmung dem alles andere als menschenähnlichen, dafür recht agilen Gelenkarm des orangeroten Roboters. Allmählich greift diese eigenwillige körpersprachliche Interaktion, lädt die Mensch-Maschine-Beziehung emotional auf, scheint sich in einer Art Liebes-Duo-Sequenz zu stabilisieren. Deren Tragfähigkeit in die weite Zukunft hinein bleibt natürlich spekulativ. Am Anfang der Produktion, für die neben der Transport- und Statiklogistik im Umgang mit dem gewichtigen Roboter auch die Sicherheitsfragen für die Company eine große Rolle spielten, stand wie immer bei Fernandos Choreografien die Atmosphäre gebende, zum Libretto passende Musik. Auch hier eine ganz wesentliche Inspirationsquelle für die choreografische Linie und den Stil der Bewegungssprache. Diesmal steuerte sie der Augsburger Musiker und Soundartist Lilijan Waworka bei, der als Audioproduzent im »heimspiel«-Boot sitzt. Begeistert von dieser Kooperation könnte sich Fernando gut vorstellen, Waworka mit einem weiteren Auftrag für einen konventionellen Ballettabend zu engagieren.

Nachdem der Sound komponiert war, erfolgte in einem weiteren Schritt am Computer in engster Zusammenarbeit von Choreograf mit dem VR-Experten Benjamin Seuffert die grundlegende choreografische Vorabsimulation der gewünschten und differenzierten Bewegungsabläufe des Roboters. Für 30 Sekunden Choreografie konnten bis zu 90 Einzelbewegungen festgeschrieben werden. So lässt sich leicht hochrechnen, wie zeitintensiv diese Arbeit war, um das komplette 30-Minuten-Werk zu präzisieren und die gewünschten Details in den Begegnungen der Tänzer*innen und des Roboters im Vorfeld zu konzipieren. Auf dieser Basis erfolgte in einem weiteren Arbeitsschritt die Datenübertragung und konkrete Roboterprogrammierung durch den Kuka-Creative Coder Markus Schubert, der später auch bei den Videoaufnahmen vor Ort war. Zeitgleich probte Fernando mit den Tänzer*innen, um dann den Roboter in die künstlerischen Prozesse zu integrieren. Für die Drehtage wurde dem Schwergewicht eine 10 Quadratmeter große Bühne aus Zement und Tanzteppich »unterstellt«.

Als weltweit vermutlich erstes VR-Tanz-und-Roboter-Projekt dürfte »kinesphere« nach seiner Premiere die gebührende mediale Aufmerksamkeit garantiert sein. Nicht weniger spannend für die zukünftigen Konsumenten im Home-Theater dürfte auch das umfangreiche Bonusmaterial des Making-of sein, das Einblicke in den Produktionsprozess ermöglicht.

Die Premiere von »kinesphere« ist für den 10. September geplant.

www.staatstheater-augsburg.de

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