Festival

Der streamende Bertolt, pt. 7

Martin Schmidt
5. März 2021

Der Studio-Talk live aus Berlin: nach manch sprühenden vorangegangenen Abenden – heute: etwas langweilig. Vielleicht liegt es daran, dass die Festivalmacher Tom Kühnel und Jürgen Kuttner nur einen Real-Präsenzgast haben, vielleicht auch daran, weil live halt immer auch live ist. Aber auch daran, dass das Motto lautet: Man ist so unter sich, Theaterleute unterhalten sich, ein Freundesgeplauder.

Kuttner führt wieder den Begriff »Festivalerschöpfung« im Mund, wirkt aber weiterhin wie eine vitale Mischung aus Alfred Biolek auf Starkstrom und charismatischem Hi-Brow-George-Clooney. Der Mann – auf seinem Hemd die Aufstickerei »Hemd« – : ein Phänomen. »Ich bin heute ein bischen konfus und durcheinander – aber warum auch nicht!« Zu Gast bei Kühn & Kuttner: Winnie Böwe, Opernsängerin und Schauspielerin aus Berlin – später wird es ihr »Happy End für Eilige« zu sehen geben. Es wird berlinert, sogar im begleitenden Chat wird auf den charmanten Metrolekt umgeschaltet. Aber warum auch nicht! Schalte nach Hamburg, dort (O-Ton Kuttner): »der obligatorische Charly Hübner«. Hübner im schwarzen Hoodie, der, so wird aufgedeckt, mit Winnie Böwe schon studierte. Zoom-Schalte im zweiten Versuch nach Augsburg: ein etwas gruselig ausgeleuchteter Girisha Fernando, Kurator eines Teils des Musikprogramms, darf berichten, was er an High-Quality-Material auf die digitale Speisenkarte für heute gesetzt hat.

Dann geht er los, der siebte Abend des Brechtfestivals im »genuinely new, pandemic-suitable format« (The New York Times). Brecht für Kenner bietet Winnie Böwe mit der Premiere von »Happy End für Eilige«. Das im Original dreiaktige Songspiel von Elisabeth Hauptmann, Kurt Weill und Bertolt Brecht im neu editierten Zeitraffer, die Songs erstmals nur in Akkordeonbegleitung (Felix Kroll). Ein 45-minütiger Trip aus Crime, Heilsarmee-Protagonistin und verbotener Liebe. Eine Kompilation der besten Songs von Kurt Weill und Bertolt Brecht, Höhepunkte natürlich: »Surabaya Johnny« und »Bilbao Song«. Die Drehorte der Szenencollage? Im Chat weiß man Bescheid: ein Drehort ist die Griffin Bar in – wo sonst – Berlin. Böhmes Performance- und Stimmenergie erscheint unerschöpflich, sie singt und singt und erzählt und tanzt. Und singt. Und singt und singt. Technisch ist das brillant und beeindruckend. Im Chat: Begeisterung. Happy End für Eilige!

Nach Charly Hübner und Lina Beckmann (Wiederholung von »Hellibert und PandeMia«) dann harter Schnitt zu Scum (Bild). Eine rock- und popkulturelle Aneignung von Brechttexten, eine Prise rotziger Punk, kesser Wave, Ballade und Glamrock dazu, starke Bildwerte, campy. Der alte Zeichen- und Posenapparat Rock holt sich den Brecht, und bei einem episch langem Stück klappt das ganz gut. Und gleichzeitig holt man mit Überaffirmation und Ironie nochmal das Letzte aus dem Posenpark der Rockgeschichte.

Logisch wie Kloßbrühe, dass die exzentrische Artpop-Figur Balbina zum Brechtfestival passt. Und umgekehrt muss man sagen: Brecht und Weill stehen ihr gut. Die Videopremiere des im Textilmuseum aufgezeichneten Kurzkonzerts präsentiert die deutsch-polnische Sängerin im Duo mit der Pianistin Yoonji Kim. Brechtsongs stripped down, grazile Klassikimpulse wandern in die schräg-assonante Klangwelt Weills, die beiden Musikerinnen: eine musikalische Glückspaarung. Auch Balbinas eigenes Werk, hier mit dem Song »Nichtstun« vertreten und liebreizend Pop und Soul einschmuggelnd, gewinnt in diesem Format ungemein. Ein toller Slot des heutigen Programms und leider viel, viel zu kurz. Musikalisch der Höhepunkt der Abends. Im Chat: »Zugabe / Zugabe / Zugabe«.

Zum Schluss – nach den Wiederholungen von »Haben Sie von Carola gehört?« und »Heldin Nr. 0« – die Premiere der neuen Folge von Suse Wächters Reihe »Helden des 20. Jahrhunderts singen Brecht«. Schöne Idee, etwas in der Webedition des Festivals zu haben, dass sich wie ein vertrautes Band durch die Abende zieht, die Figurentheater-Clips wirken mit der Zeit wie gute, alte Bekannte. Dieses Mal singt Laotse den Brecht –  kurios, irgendwie mystisch, ein Faszinosum als Puppenspiel, großartig performt in Stimme und Puppenführung, stimmungsvolles Setting. Schön.

Bedauerlich, dass die Studiotalks nicht nachträglich in die Mediathek geladen werden – sie sind immer wieder (wenn auch in der heutigen Kritik moniert) sehenswert und belebend. Ansonsten die gute Nachricht, dass das Mediatheken-Angebot nun um nochmals um einen Tag (8. März) verlängert wurde. Ach, und übrigens: Charly Hübner hat, so erzählt er im Studiotalk, sogar schon Ideen fürs nächste Brechtfestival. Ob Corona oder nicht, ob digital oder analog: lebendig.

Bild: Video Still von Scum @ Brechtfestival 2021

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