Ausstellungen & Kunstprojekte

Stellung beziehen

Jürgen Kannler
1. November 2016
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a3kultur: Zum fünften Geburtstag des tim im vergangenen Jahr sprachen Sie von einer Neupositionierung Ihres Hauses. Noch bis zum 6. November läuft die aktuelle Sonderausstellung »Carbon – Stoff der Zukunft« – ein Thema, das sowohl in der Gegenwart als auch in der Zukunft anzusiedeln ist. Bislang stand der Fokus Ihrer Sonderausstellungen oft im Kontext historischer Themen. Wie reagieren Öffentlichkeit und Sponsoren auf den neuen Kurs?

Karl B. Murr: Für uns war es sehr spannend und herausfordernd zugleich, den Zeitstrahl umzukehren. Natürlich haben wir auch schon in der Vergangenheit in allen historischen Ausstellungen unseren Standpunkt immer klar markiert. Es ist die Gegenwart, aus der heraus wir Fragen stellen und von der wir der Vergangenheit einen Sinn zumessen. Das unterscheidet uns vielleicht auch von anderen Häusern. Was die Sponsoren und die Vernetzung betrifft, waren wir mit allen Hauptakteuren aus Industrie, Verbänden und Forschung frühzeitig im Gespräch und fanden recht schnell eine gemeinsame Basis. Sie alle haben unser Projekt mitgetragen und es auch inhaltlich bereichert. Das war eine schöne Erfahrung. Wir wollten das Thema Carbon populärer erzählen, es zugänglicher und emotionaler aufbereiten. Ich glaube, diese Hoffnungen haben sich bestätigt.

Ein wesentlicher Punkt bei »Carbon – Stoff der Zukunft« ist der Spannungsbereich zwischen technischer Innovation und kreativer Umsetzung. Ist dieses Kriterium ein wichtiges bei der Neupositionierung Ihres Hauses?

Wir haben uns im letzten Jahr sehr stark von der Kunst herausfordern lassen und dort auch schon ganz bewusst den Bogen vom Vergangenen ins Zukünftige geschlagen. Ich glaube, dass die aktuelle Ausstellung und auch die kommenden Projekte deutlich unsere gesellschaftliche Verantwortung in der Gegenwart markieren werden. Wir müssen zu den aktuellen Fragen unserer Gesellschaft Stellung beziehen! Es geht darum, kulturelle Zugangsweisen zu erproben. Diese können unterschiedlichste Ansätze haben. Im Rahmenprogramm der Carbon-Schau laden wir im November zum Beispiel zu einer Tagung, die sich expliziert an Architekten und Bauingenieure richtet. 2017 werden wir ein gemeinsames Projekt mit einer Modeschule haben, eine Ausstellung über die jüdischen Augsburger Textilfamilien Kahn und Arnold konzipieren und unter dem Titel »Glanz und Grauen« die Mode im Dritten Reich unter die Lupe nehmen.

Dieser theoretische Ansatz, wie Sie ihn auch mit der Tagung verfolgen, erkenne ich als neues Modul Ihrer programmatischen Arbeit. Sind solche Konzepte zukünftig regelmäßig geplant?

Wir verstehen das tim als ein Laboratorium der Moderne. Mit diesem Anspruch verbinde ich auch die Erarbeitung und Präsentation solcher theoretischen Formate, aber auch ästhetische Interventionen sind für uns Herausforderungen, mit denen wir gerne arbeiten. Vor Kurzem habe ich mir zum Beispiel die textile Performance »Asche zu Farbgut« von Sebastian Giussani und Daniel Man im Gaswerk angeschaut und war begeistert. Da überlege ich gleich: Können wir so etwas Ähnliches bei uns machen?

In diesem Kontext läuft wohl auch ein Projekt, das vor wenigen Wochen offiziell vorgestellt wurde: »Vielfalt in Augsburg«. Es geht um die Geschichte in Augsburg lebender Menschen mit türkischem Background. Wie kam es zu dieser Idee?

Das Thema Migration interessiert uns als Industriemuseum natürlich schon seit der Anfangsphase. Viele Menschen aus Spanien, Italien, Ex-Jugoslawien und der Türkei sind nach Augsburg gekommen und haben die Stadt mit aufgebaut. Die Stadt ist heute das, was sie durch diese bunte Mischung von Bürgerinnen und Bürgern geworden ist. Arbeitsmigration gibt es seit Jahrhunderten. Sie ist bei uns Anknüpfungspunkt allein schon durch das Hauptthema des Museums. Natürlich wird unsere Zusammenarbeit mit zahlreichen unterschiedlichen Communitys im Vordergrund stehen, weil es sich eben um ein gesellschaftliches Thema handelt und nicht um eines aus der Mode oder Technik. Spannend ist die Arbeit auch, weil es sich um ein echtes Forschungsthema handelt. Es gibt kaum Sammlungen zu dem Thema. Dementsprechend haben wir auch kaum Objekte, das heißt, wir müssen unsere Ausstellungsgegenstände erst generieren.

Warum fiel die Wahl auf die Türkei?

Weil hier die Ausgangslage recht gut ist. Es handelt sich um eine der größten Migrationsgruppen in unserer Region. Innerhalb dieser Communitys existiert eine Vielzahl von Initiativen und Gruppen, die uns bei unserer Arbeit unterstützen, das ist sehr hilfreich und auch sehr fruchtbar. Meine Vision ist es, ein Archiv der Vielfalt aufzubauen. Der wichtigste Punkt dabei ist die Arbeit mit den Communitys, weil es für uns vor allem darum geht, zu lernen, zu erfahren und zu erkennen. Dazu muss ein Bewusstsein in der Gesellschaft geschaffen werden, was diese Erinnerungsarbeit bedeuten kann. Natürlich endet diese Aufgabe nicht nach dem ersten Projekt. Die Türkei macht da nur den Anfang.

Welchem Muster folgt die Vernetzung bei so einem Projekt?

Es gibt wirklich viele Akteure in dem Bereich, allein über 50 Vereine in Augsburg setzen sich in irgendeiner Form mit der Kultur und Menschen aus der Türkei auseinander. Mit diesen Gruppen sind wir vernetzt. Es gibt regelmäßig ein großes Treffen, aber noch viel häufiger kleinere Arbeitsgruppen.

Ein Hauptaugenmerk soll auf dem Aufbau einer medialen Sammlung mit Interviews, Filmen, Fotos und Dokumenten gelegt werden. Sie sind aber auch sehr an Dingen interessiert, die aus der Türkei nach Augsburg mitgebracht wurden, seien es Rezepte, Einrichtungsgegenstände oder Kleidung. Wie könnte die Ausstellung im tim aufgebaut werden?

Die einfache Antwort lautet: Wir wissen selber noch nicht genau, wie die Ausstellung aussehen wird, das ist aber zum jetzigen Zeitpunkt noch kein Manko, sondern zeigt, dass dieses Thema voller Optionen steckt, die bespielt und umgesetzt werden wollen. Vielleicht arbeiten wir am Ende mit 50 Screens, auf denen mannsgroße Gesichter zu sehen sind, die sich gegenseitig ihre Migrationsgeschichte erzählen und so mit sich selber kommunizieren. Abends könnte türkisch gekocht oder aus den Regionen irgend etwas vorstellt werden. Ich denke schon, dass das Ausstellungsprojekt viel performativer sein wird als unsere Projekte bisher. Der Ausstellungsraum wird gleichzeitig eine Theaterbühne sein, da können aber auch Feste gefeiert werden, Kulturveranstaltungen stattfinden, Dichterlesungen, vielleicht auch ein regelmäßiges Schauspiel des Theaters Augsburg.

Über die Vernetzung und Kooperation mit den verschiedenen Institutionen bekommen Sie natürlich jede Menge Kompetenz in die Interviews. Wie kommt das Thema eigentlich bei den Interviewten an? Sie sind es, die im Endeffekt etwas abgeben und so zur geplanten Ausstellung und zum Aufbau der Sammlung direkt etwas beisteuern. Was halten diese Menschen von Ihrer Idee?

Wir haben vor den ersten Interviews Workshops mit jeweils deutsch- und türkischstämmigen Leitern gemacht. Das kam gut an und hat funktioniert. Wir wissen, dass das Thema ernst genommen wird. Unsere neue Kollegin Frau Yaprak Şen hat einen guten Zugang zu den verschiedensten Gruppen und öffnet wichtige Türen. Diese Punkte verleihen dem Projekt die nötige Glaubwürdigkeit. Wir wollen eben nicht über Menschen, sondern mit ihnen sprechen, sie selbst zu Akteuren machen und mit hineinnehmen in einen performativen Akt.

Sie arbeiten mit zahlreichen Gruppen und Institutionen aus der gesamten Region an diesem Projekt. Fungiert das tim als Trägerstoff für diese Idee, nachdem sich die städtischen Museen vor einiger Zeit zurückgezogen haben?

Ich glaube, wir haben augenblicklich tatsächlich die Wortführerschaft bei dem Projekt. Ich verstehe das auch als einen aktiven Vorschuss, ein gutes Stück Verantwortung zu übernehmen und zu versuchen, dadurch andere Player mitzunehmen.

Eigentlich ist das ja ein Thema für städtische Museen, Sie leiten jedoch ein staatliches Haus.

Absolut, die Stadt Augsburg hat sich sozusagen museal zurückgezogen, bleibt mit verschiedenen Einrichtungen aber aktiv am Projekt beteiligt.

Gehen wir einmal davon aus, dass dieses Projekt funktioniert und erfolgreich präsentiert und weitergeführt wird. Halten Sie das bayerische Textil- und Industriemuseum zukünftig für den geeigneten Ort, um eine Sammlung zum Thema Vielfalt in Augsburg zu beherbergen?

Wenn eine rein auf Augsburg fixierte Sammlung das Ergebnis sein würde, mit Sicherheit nicht. Aber es ist doch die Frage, ob man es als exemplarische Sammlung begreift oder ob die Grenzen nicht doch viel weiter zu setzen sind. Unter gewissen Umständen könnte ich mir den Verbleib im tim durchaus vorstellen. Und wenn wir mit unserem Projekt einen Anstoß in die Stadtgesellschaft geben, um ein auszuweitendes historisches Museum in Augsburg zu etablieren, dann tun wir das auch sehr gerne.

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