Politik & Gesellschaft

Der Stadthistoriker

Jürgen Kannler
17. April 2016

a3kultur: Herr Häußler, Sie haben Ihren beruflichen Werdegang als Schriftsetzer begonnen, heute genießen Sie als Stadthistoriker und Publizist eine Wertschätzung, von der viele Akademiker nur träumen können. Welchen Anspruch stellen Sie selbst an Ihre Arbeit?
Franz Häußler: Im Mittelpunkt allen Schaffens sollte immer der Nutzer stehen. Er muss ohne jegliche Sach- oder Fachkenntnis mit dem Ergebnis meiner Arbeit etwas anfangen können, egal ob es sich um einen Beitrag für die Zeitung oder um ein Sachbuch handelt. Es gibt die schwere Sprache und die einfache Sprache, das habe ich in 30 Jahren als Korrektor bei verschiedenen Verlagen gelernt. Ich habe mich immer um die einfache Sprache bemüht.

Wurde in Ihrer Familie über Geschichte gesprochen?
Nein, das war bei uns zu Hause kein Thema. Ich bin als jüngstes Kind auf einem Bauernhof in Lauterbach geboren, in eine bäuerliche Umgebung hineingewachsen und sehr früh ins Internat nach Dillingen gekommen. Das war mein Glück, denn dort wurde meine Leidenschaft früh durch einen begnadeten Deutschlehrer geweckt. Erst viele Jahre später habe ich erfahren, dass er lange Zeit Vorsitzender des Historischen Vereins war und in einschlägigen Kreisen als der »schwäbische Geschichtspapst« galt.

Waren die Beiträge, die Sie seit 1980 für die Augsburger Allgemeine verfassen, die Basis für die mittlerweile 15 Bücher, die Sie geschrieben haben?
Das kann man so sagen. Ich glaube auch, dass der wichtigere Teil meiner Arbeit die Kontinuität ist, mit der ich in der Zeitung veröffentliche. Ich habe nie daran gedacht, Bücher zu schreiben, als Buchautor haben mich andere erfunden.

Dennoch haben Sie historische Geschehnisse als überaus wichtig erachtet und sie mit großer Sorgfalt in Buchform in die Gegenwart transkribiert.
Ja, da haben Sie recht. Mir geht es darum, zu zeigen, dass wir die Welt nicht erfunden haben und dass wir immer aus unserer Vergangenheit leben. Wie das zu machen ist, dafür entwickle ich gerne eigene Ideen. Dafür brauche ich keine Vorbilder.

Wenn man sich wie Sie über viele Jahrzehnte mit lokalen historischen Themen beschäftigt, entwickelt man da eine eigene Sicht auf die Dinge der Gegenwart?
Ja, mit Sicherheit. Wobei ich zur Jetztzeit keine Aussage mache. Ich bin kein Redakteur oder politisch Tätiger, sondern liefere den Hintergrund, wenn Sie so wollen. Da geht es ausschließlich um Tatsachen. Wenn sich jemand die Arbeit macht, zu analysieren, was ich schreibe, dann weiß er genau, wie ich denke.

Sprechen wir über Ihr letztes Buch, das vor Kurzem im Context-Verlag herausgekommen ist und sich mit der Kraft des Wassers beschäftigt. Dafür haben Sie rund 40 Wasserwerke in unserer näheren Umgebung dokumentiert. Welche Rolle spielt denn das Wasser hier in der Region?
Ohne Wasser wäre Augsburg nicht Augsburg. Zu diesem Ergebnis kommt jeder, der sich mit dem Thema beschäftigt.

Hat das Thema mit allen seinen Bezügen im Bewusstsein der Stadtgesellschaft den Platz, den es verdient?
Ich denke ja, aber nicht jeder ist sich darüber wirklich klar. Wir haben zwar mit die beste Trinkwasserqualität, die Sie in europäischen Großstädten finden können, und die zahlreichen Kanäle bestimmen die Stadtplanung bis heute, aber da macht sich nicht jeder täglich Gedanken darüber. Das gilt als selbstverständlich, als zu selbstverständlich, fürchte ich.

Ihre publizistische Arbeit ist stark in die Augsburger Bewerbungsaktivitäten als UNESCO-Welterbe eingeflossen. Ist die Stadt mit dieser Bewerbung auf dem richtigen Weg?
Das kann ich schwer einschätzen, weil bei dieser Bewerbung nur die Sicht von außen auf unsere Stadt zählt. Es ist nicht endscheidend, was wir meinen, beurteilt wird die Bewerbung nämlich von Leuten, die mit Augsburg nicht wirklich etwas zu tun haben. Da zählt dann auch die Kontinuität und Komplexität, mit der wir uns des Themas annehmen. Das muss man verstehen rüberzubringen, und zwar in dem Code, den das Bewertungsgremium erwartet. Dafür gibt es Fachleute, die inhaltlich jedoch keine Experten sein müssen. Diese Leute müssen allerdings beliefert werden. Sei es zum Beispiel von Martin Kluger, mit Sicherheit einem der bewandertsten Männer auf dem Gebiet, der zu den Brunnen, der Wasserkunst und überhaupt zum Wasser in all seiner Bandbreite hier wunderbar publiziert hat, oder eben von mir.

Sie hatten schon früh das Thema Wasser im Kontext der Verkehrsgeschichte Augsburgs im Fokus.
Das ist für mich eine wirklich spannende Sache. Es gab nämlich dort, wo heute noch der Graben beim Vincentinum zu sehen ist, einen römischen Hafen. Der wurde nicht nur von Flößen, sondern auch von großen Schiffen angefahren, die zum Beispiel lechaufwärts die Stadt mit Steinen aus dem Jura und mit anderen Baumaterialien versorgt haben. Der Wasserweg war im Vergleich zur Via Claudia für die Entwicklung der Stadt zur Römerzeit wichtiger, als wir das bis vor Kurzem noch annahmen.

Die Geschichte mit dem Hafen war für mich auch die große Überraschung bei der neuen Römerausstellung in der Toskanischen Säulenhalle.
Aber über den Wasserweg wurde Augsburg erbaut und ernährt. Denken Sie nur an die Entdeckung der römischen Mühle in Göggingen vor einigen Jahren. Wir haben hier zwei wunderbare Beispiele für die antike Nutzung der Wasserkraft in Augsburg.

Wie schon erwähnt, Sie haben über 40 Wasserwerke für Ihr neues Buch porträtiert. Einige davon sind in privater Hand. Was sind das für Menschen, die über eigene Wasserwerke verfügen? Haben die eine andere Beziehung zum Wasser oder eine andere Wahrnehmung?
Das darf man wohl nicht zu romantisch sehen. Ich würde sagen, ihre Beziehung hängt weniger mit der Natur zusammen als mit der Nutzung der Ressource Wasser. Das Wasser ist da, und wenn jemand eine alte Mühle kauft, soll sich das rechnen. Was man auf alle Fälle sagen kann, ist, dass diese Menschen wissen, welches Potenzial im Wasser steckt.

Schwingt da auch so etwas wie Stolz mit, wenn man seine eigene Wasserkraft nutzen kann?
Die nutzt niemand selber. Der Strom wird in der Regel eingespeist, weil das mehr Geld bringt.

Und Sie, sind Sie ein Geschäftsmann?
Ich war nie ein Geschäftsmann. Ich bekomme fast täglich Anfragen von Studenten und Schülern, die für ihre verschiedenen Arbeiten Bildmaterial suchen. Das freut mich und ich helfe dann gerne weiter. Ich habe rund 10.000 Bilder digitalisiert. Ein Vielfaches davon steht noch als analoges Material in den Regalen. Ich bin im Grunde genommen auch gar kein Sammler. Die Formulierung »Sammlung Häußler« ist eher ein Kunstbegriff, den ich zusammen mit einem Juristen festgelegt habe, auch um klarzustellen, dass ich nicht der Urheber all dieser wunderbaren Motive bin. Ich habe sie lediglich zusammengetragen, um meine eigenen Publikationen bequem und kostengünstig zu illustrieren.

Herr Häußler, vielen Dank für das Gespräch.

Franz Häußlers aktuelles Buch »Wasserkraft in Augsburg« erschien im November im context-Verlag.

www.context-mv.de

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