Club & Livemusik

Solonummer

Jürgen Kannler
9. Dezember 2014

Wir treffen uns in der a3kultur-Redaktion und es ist fast so vertraut wie früher. Vor vielen Jahren, als die hiesige Politik den Pop noch nicht für sich entdeckt hatte, waren wir einmal so etwas wie Nachbarn. Mein Büro im Keller des Alten Haupthauses lag Tür an Tür mit Alaska Winters Echolotstudios, und Anajo war die Band, in die er als Produzent und Manager mit Abstand am meisten Zeit, Nerven und Glauben investierte. In seinen Tonnengewölben spielten Olli, Ingo und Michi ihre besten Songs ein und ich konnte diese trotz der meterdicken Ziegelwände mitsingen, lange bevor sie veröffentlicht wurden.

Die Band war gut gebucht, die Konzerte ausverkauft. Radiosender mit musikalischer Haltung spielten ihre Hits und mit Tapete Records gingen sie für eines des besten Poplabels an den Start. Anajo war auf dem Weg sich einen dauerhaften Platz in den Top Ten der wirklich coolen deutschen Bands zu erobern. Manche Kritiker zählten sie schon dazu, ihre Fans sowieso. Die drei waren ganz knapp davor, am großen Ding zu drehen.

»Es gab einen Augenblick, von dem an war der Band klar, dass es nicht mehr mit Alaska geht. Die Formel Alaska plus Anajo ist gleich Energie, sie ging nicht mehr auf. Aber es ging eben auch nicht ohne ihn, wie wir feststellen mussten.« Man hört es dem letzten Anajo-Album »Drei«, das in Hamburg aufgenommen wurde, an. Wie nicht nur Oliver Gottwald befand, lag das Ergebnis handwerklich unter Anajo-Niveau. Auch bei den Live-Shows zündete es nicht mehr wie gewohnt. »Es zeichnete sich ab: ›Drei‹ war kein Schritt nach vorn.« Neue Songs bekamen höflichen Applaus, die Fans forderten und feierten aber die alten Hits. Doch die Zeit der Monika Tanzband war endgültig vorbei. Das Gleichgewicht innerhalb der Band war ins Wanken geraten. Man glaubte nicht mehr an die gemeinsamen Ziele und träumte unterschiedliche Träume. Das Album 2011 doch noch auf den Markt zu bringen, war ein letzter Versuch, zu retten, was nicht mehr zu retten war. Die Band handelte wie ein Paar, das weiß, wie es um die Beziehung steht, und sich doch noch gemeinsam einen Hund anschafft.

Offiziell und amtlich auf der Bandhomepage haben sich Anajo erst in diesem Herbst getrennt. Davor lag eine teilweise quälende Zeit der Funkstille. Die drei kennen sich seit gemeinsamen Teenagertagen aus Schwabmünchen, dem beschaulichen Städtchen südlich von Augsburg. 13 Jahre stand Oliver Gottwald als Texter, Sänger und Gitarrist mit Bassist Michael Schmidt und Drummer Ingolf Nössner auf der Bühne. Quasi sein ganzes bisheriges Leben als Musiker. Damit war nun Schluss. In der ersten Zeit danach mied Olli die Handvoll Bars und Clubs, in denen Musiker in Augsburg üblicherweise auf Musiker treffen. Er fühlte sich in dieser Atmosphäre nicht mehr wohl. Er wollte nicht immer mit Fragen konfrontiert werden, die zwar nicht gestellt werden, aber dennoch drückend im Raum hängen und damit das Atmen schwer machen und die Sicht auf Neues verstellen.

Irgendwann in dieser Zeit hat Olli Gottwald eine Nachricht auf der Mailbox. Marc Frank, Musikerkollege, Schlagzeuger und Produzent, fragt an, ob er Lust auf eine gemeinsame Songwriting-Session mit ihm und dem Bassisten Florian Meya habe. Olli hat Lust, doch zu dieser geplanten Session kommt es nicht wirklich. Mit einer Mappe voller Texte unterm Arm und den dazugehörenden Melodien im Kopf, besucht er die beiden im Übungsraum. Das Material gefällt und die drei starten quasi aus dem Stand mit der ersten Bandprobe. Das Zusammenspiel funktioniert. Man trifft sich regelmäßig ein- bis zweimal in der Woche und kommt gut mit den Arrangements voran. Irgendwann ist klar, dass die drei an einem Album arbeiten. Aber Olli hängt mit den Lyrics hinterher. Als er keine Lust mehr hat, ganze Passagen mit provisorischem Blabla zu überbrücken, zieht er sich für einige Monate aus dem Projekt zurück und konzentriert sich voll auf das Texten.

Der Einschnitt zeigt Wirkung. Aus dem »Blabla« erwachsen einige der gelungensten Zeilen, die in jüngster Zeit vertont wurden. Die auf wenigen Akkorden aufgebaute Ballade »Balance« zum Beispiel ist nichts weniger als Musik gewordene Poesie. Olli Gottwald konnte schon immer Texte bringen, an denen sich andere Sänger erst gar nicht versuchen. Wer nur diese Texte vor sich hat, könnte sich fragen, wie sich wohl ein Song anhört, in dessen Refrain Wörter wie »Ungleich gewicht« oder »Doppeldeckerbus« vorkommen. Die Antwort ist einfach: Man muss nichts aushalten. Die Ecken und Kanten machen neugierig. Wer diese Lieder hört und auch nur für zehn Cent Leben in sich spürt, schaltet einen Gang zurück und begegnet einem Sänger, der eine facettenreiche Stimme zum Einsatz bringt. Wobei keine dieser Facetten wirklich perfekt ist – Gott(wald) sei Dank.

In der Zusammenarbeit mit Marc Frank und Florian Meya hören wir einen Oliver Gottwald, der, wann immer er will, gut nach Anajo klingen kann. Er spielt immer noch seine schwebende Telecaster – mit der er auch schnell und ruppig laut unterwegs sein kann. Aber wir hören ihn eben auch neu. Er hat Soul, wie beim Stück »Perpetuum immobile« zu hören ist, das sich irgendwann in einem verführerisch leichtsinnigen Orgellauf verliert und die Vorfreude auf den ersten Liveauftritt schürt. Ein klasse Mix, mit einem starken, selbstironischen Text.

Und dann singt Gottwald den Chanson »Schade, dass es endlich vorbei ist«. Mit traumwandlerischer Sicherheit, so wie es nur in den 70ern zwischen Hiddensee und den Champs-Élysées zu Hause war. Ganz groß auch »Hi-Fi: S’il vous plaît«. Die ersten Takte stammen noch von einer Aufnahme aus dem letzten Jahrhundert. Dann, bumm, geht die Disco los und der Fox wird langsam, aber sicher zum Ska und mit ihm der Popper zum Rocker.

Natürlich blitzt nicht zuletzt bei diesen Stücken immer wieder das musikalische Genie von Marc Frank auf, der das Album, neben Michi Kamm, als Produzent begleitet hat. Eine Spur zu bescheiden firmiert er gemeinsam mit Florian Meya offiziell nur als festes Bandmitglied bei Oliver Gottwalds Soloplatte, die schlicht so heißen wird wie ihr Sänger.

Es lohnt sich ein genauerer Blick in die Besetzungsliste, um auf weitere alte Bekannte zu treffen. Neben der festen »Begleitband« taucht zum Beispiel der Name Pegulan auf. Als Gastmusiker steuert er ein grandioses Pianosolo zum Gelingen bei. Auch Michi Kamm ist eine feste Größe im hiesigen Musikgeschäft. Nach seinen Erfolgen mit Nova International verlegte sich der ehemalige Domsingknabe weitgehend auf das Musikgeschäft abseits der Bühne, arbeitet an Film- und Werbemusik, brachte als Produzent aber auch einige erstaunliche Alben mit Tim Allhoff oder Den Herren Polaris heraus. Und nun die Soloplatte von Oliver Gottwald, die wohl »Zurück als Tourist« heißen wird. Hier kommen Musiker aus verschiedenen Generationen zusammen, denen Neugierde und ein sicheres Gespür für den rechten Ton gemeinsam sind.

Dass sie darüber hinaus mit Olli Gottwald befreundet sind, lässt sich zumindest vermuten. Das gilt im Besonderen auch für die Crew des Videodrehs zu »Freunde fürs Leben«, der in der Kradhalle im Kulturpark West stattfand. Olli Gottwald entschied sich hier beim Outfit für den Klassiker: schwarze Hose, weißes Hemd, Fliege – so war er auch tags zuvor im Studio unserer Fotografin Frauke Wichmann erschienen. Regie führte Tom Reiling und für Kamera und Schnitt war Felix Patzke von Heimspiel verantwortlich. Zu sehen ist das Ergebnis auf olivergottwald.de und a3kultur.de ab Dezember. Live sind die ersten Stücke zum ersten Mal am 11. Dezember im City Club Augsburg zu hören, anschließend in Clubs in München, Berlin und Hamburg. Live wird das Trio von Keyboarder Samuel Heinecker begleitet. Oliver Gottwalds Soloplatte soll im Februar erscheinen. Natürlich bei den alten Freunden von Tapete Records.

www.olivergottwald.de

Foto: Frauke Wichmann

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