Theater & Bühne

So geht es in Zukunft besser

Renate Baumille...
14. Juni 2021

In seinem bewusst mit »Plakat«(iven) - Mitteln und hohlen Phrasen operierenden Theaterstück »Wahlschlacht 2021« rückt Regisseur Sebastian Seidel im Krisen-und Wahljahr den internen Machtspielchen der fiktiven LWP-Regierungspartei(en) auf den Leib. Am Ende lässt er das Publikum über die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens als echte Alternative für die Zukunft abstimmen…

Positive Resultate diverser Studien, etliche Soziologen und Philosophen, und selbst der Papst plädieren für ein »garantiertes Grundeinkommen«. Auch in Nicht-Krisenzeiten würde es einen wesentlichen Beitrag zur sozialen Sicherung, Freiheit und Würde nicht nur der freischaffend Kreativen leisten und vielfach Existenznöte verringern. So kreiste auch das agile Darsteller-Quartett im aktualisierten und ersten Nach-Corona-Theaterstück (2009 hatte Seidel erstmals zu seiner dramatischen »Wahlschlacht« eingeladen) um genau dieses Phänomen, das mit reichlich Hinterhalt, strategischen Scharmützeln und jeder Menge hohler Wahlkampf-Phrasen in einem Pro-und Contra-Schlagabtausch auf beweglichen Podesten und am Biotonnen-Rednerplatz beleuchtet wurde.

Aus der Perspektive der Befürworter hätte die »revolutionäre« Idee in jedem Fall das Potential, um ein bequemes »Weiter so« in ein entschiedenes »So weiter!« umzuwandeln. Denn: »So geht Zukunft!«. Und so lautete auch der Stück und Stimmung definierende Wahlkampfslogan, den der smarte und von allen Seiten umworbene Hoffnungsträger alias »Doktor« nutzt, um die eigene politische Karriere voranzubringen. Florian Fisch lieh seiner Figur die gewollte Mischung aus idealistischer Gesinnung, Naivität und eitler Ambition auf ein verlockendes Spitzenamt, nicht ohne stets auf die unbestechliche Meinung seiner unbestechlichen Gattin zu vertrauen. Daniela Nering verkörperte als »Frau 1,2,3« gekonnt gleich drei unterschiedlich manipulative Politiker-Flüsterinnen, indem sie flugs zum Perspektivenwechsel durch unterschiedliche Brillen schaute, die wie die Krawatten und andere symbolhafte Wahlschlacht-Requisiten aus fester Pappe gefertigt waren. Auch dem feisten und siegessichere Politprofi, genannt »Haudegen« (Wini Gropper), waren im Ränkespiel um die Wiederwahl als Parteivorsitzender alle Waffen inklusive der bierseligen Intuition seiner forschen Gattin recht und billig. Als dessen blasierter Gegenspieler zog Jörg Schur alle Fäden und machte damit dem »Blender«-Image alle Ehre. Aalglatt spiegelte er sich in der Bewunderung seiner devoten Gattin und schmiedete jeweils die opportunsten Allianzen. Logisch, dass in diesen Zeiten am Ende dann eine starke Frau die Chance des Parteitags nutzt, um den abgeschlagenen Alpha-Tieren das Zepter aus der Hand zu reißen. Und auch das Abstimmungsergebnis war eindeutig und alternativlos zugunsten des Grundeinkommens…wie gewünscht und noch fiktiv eine zufriedenstellende, lange mit Applaus bedachte Win-Win-Situation im Sensemble-Theater.

www.sensemble.de

Weitere Positionen

29. Juli 2021 - 11:48 | Anna Hahn

So befindet das Leitungsteam des Sensemble Theaters Anne Schuester und Dr. Sebastian Seidel. Im Rahmen von Teil 2 unserer Serie »Theater. Macht. Zukunft.« sprachen sie über veränderte Machtstrukturen an ihrem Haus, Demokratie in Entscheidungsprozessen und die Notwendigkeit eines öffentlichen Diskurses.

29. Juli 2021 - 10:43 | Anna Hahn

Unter dem Titel »Theater und Macht – Beobachtungen am Übergang« wurden unter anderem acht identische Fragen an zehn Intendant*innen und Leitungsteams aus deutschsprachigen Theatern gestellt. Mit dabei in der prominenten Runde: Kathrin Mädler vom Landestheater Schwaben und André Bücker vom Staatstheater Augsburg. Teil 1 der a3kultur-Reihe »Theater. Macht. Zukunft.«

29. Juli 2021 - 9:53 | Jürgen Kannler

Wie keine anderen Kulturorte stehen die Theater im Fokus der Diskussion um Machtmissbrauch und Hierarchiestrukturen. Start der neuen a3kultur-Reihe

27. Juli 2021 - 11:38 | Jürgen Kannler

Eine Innenstadt ohne Kulturorte ist verloren. Ein Kommentar von Jürgen Kannler

27. Juli 2021 - 10:07 | Fabian Linder

Stadtkultur mitgestalten – aber wie? Im Textil- und Industriemuseum lud das Netzwerk Degraux! zur Diskussion mit Playern institutioneller und freier Stadtraumgestaltung. Konkreter hätte es sein können, der getane Austausch aber: nötig und ein fruchtbares Experiment. Von Fabian Linder.

27. Juli 2021 - 10:06 | Jürgen Kannler

Auf diesen einfachen Nenner brachte Helge Schneider das Strandkorb-Festivalkonzept an der Augsburger Messe. Eine halbe Stunde nach dem Start brach der Entertainer entnervt seine Show ab und verließ samt Band die grotesk überdimensionierte Bühne.

26. Juli 2021 - 10:08 | Iacov Grinberg

In der Galerie Cyprian Brenner hat die neue Ausstellung »Wiedersehen mit der Gegenwart« ihre Pforten geöffnet. Sie zeigt Arbeiten von Christofer Kochs.

22. Juli 2021 - 10:22 | Renate Baumiller-Guggenberger

Die Open-Air-Operngala des Staatstheaters begeisterte die Zuschauer mit einem musikalischen Feuerwerk am Roten Tor.

21. Juli 2021 - 12:02 | Juliana Hazoth

Mit »Sara« erschien Ende Juni eine zeitgenössische Neuinterpretation des lateinamerikanischen Autors Sergio Ramírez, der darin die Geschichte der Frau Abrahams nacherzählt.

19. Juli 2021 - 14:43 | Renate Baumiller-Guggenberger

Mit einem sehr persönlichen, auch von der Corona-Erfahrung beeinflussten Solo-Programm »Bei mir« erfüllte sich der charismatische bayerische Liedermacher und TV-Moderator Werner Schmidbauer (»Gipfeltreffen«) kurz vor seinem 60. Geburtstag und nach langer Zeit im Duo mit Martin Kälberer das Bedürfnis, alleine auf der Bühne zu stehen. Am Sonntag gastierte er mit einer Doppelvorstellung im gut besuchten Parktheater.