Klassik

»Schubladen sind Zwangsjacken für das Kreative«

Renate Baumille...
12. Mai 2022

Der in Neuburg lebende, bei Augsburg und in München aufgewachsene Komponist Tobias PM Schneid (*1963) ist gespannt auf die Uraufführung seiner »Symphony No.4«, die am 16./17. Mai unter der musikalischen Leitung von Augsburgs GMD Domonkos Héja im Rahmen der Sinfoniekonzerte der Augsburger Philharmoniker im Kongress am Park mitzuerleben ist. a3kultur traf ihn zum Interview.

Bereits im Januar gab es mit seinem Klaviertrio »Testament« im Rokokosaal eine Augsburger Uraufführung und Ballettfans erinnern sich womöglich noch an die Ballettmusik, die er 2013 für »Das Bildnis des Dorian Gray« schrieb. Die Werke von Tobias PM Schneid (*1963) reichen von Orchesterstücken und Ballettmusik über Solokonzerte, Kammer- und Chormusiken bis zur Neukomposition einer live zum Film zu spielenden Musik zu Walter Ruttmanns »Berlin – Sinfonie einer Großstadt« (1927). Sein umfangreiches Schaffen ist auf vier Portrait-CDs sowie in der Zusammenarbeit mit renommierten Orchestern und Künstler*Innen in Produktionen und Konzertmitschnitten großer Rundfunkanstalten dokumentiert. Seit dem Jahr 2015 ist Tobias PM Schneid ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Künste und seit einem Jahr zudem ordentliches Mitglied im Werkausschuss der GEMA. Er unterrichtet an der Hochschule für Musik in Würzburg, war Dozent für Komposition bei »Jeunesses Musicales« sowie den Bayreuther Festspielwochen.

a3kultur: Am 16. Mai wird »endlich« Ihre Symphony No.4 im Kongress am Park unter der musikalischen Leitung von Augsburgs GMD Domonkos Héja uraufgeführt. Der ursprüngliche Termin wäre ja bereits im großen Beethovenjahr 2020 gewesen – was hat sich damit für Sie und das Werk geändert?

Schneid: Ich war naturgemäß zunächst von der Streichung des gesamten Konzertes auf Grund des 1. Lockdowns sehr enttäuscht, aber – wie das doch recht oft im Leben ist – es gibt »both sides of the coin«, denn durch diese Streichung und die Neuprogrammierung zusammen mit einer Bruckner Sinfonie, habe ich die Möglichkeit erhalten, das Werk auf eine größere Orchesterbesetzung hin umzuarbeiten, was der Idee einer »EARTH«-Sinfonie klanglich – so glaube und hoffe ich - sehr zugute kommt.

Wie würden Sie uns Ihre »Earth«-Sinfonie beschreiben? Wie deutlich werden konkrete musikalische Themen und Motive und die Intention des Komponisten zu hören sein?

Meine 4. Sinfonie ist mein Beitrag, um auf die uns alle bedrohende, von uns Menschen aber verursachte Klimakatastrophe hinzuweisen. Die Bilder, die ich beim Komponieren dieser Musik vor Augen hatte, haben zu den Arbeits- bzw. Satztiteln Magma – Desert – Water - Tree und Air geführt. Allerdings: das wunderbare an Musik ist, dass sie durch ihren amorphen Abstraktionsgehalt jedem Hörer die Möglichkeit gibt, (s)eine je eigene Hör- und Deutungsweise, (s)ein eigenes Erleben, und Erfahren zu entdecken. Da ist es oft hinderlich, vor dem Hören im Programmtext detailliert die Gedanken des Komponisten – quasi als Hörhilfe – überreicht zu bekommen. Zumal meine Bilder ja nie in Programmmusik umgesetzt werden. Sie sind für mich eher Konsistenzmetaphern für ein bestimmtes musikalisches Klangbild, das dann aber primär auf kompositorische, denn auf assoziative Aspekte zurückgreift, und entworfen ist. Vielleicht kann der eine oder andere Hörer ja diese Konsistenzen im Orchesterklang wiedererkennen, vielleicht aber eben auch nicht. Die »Botschaft« - wenn man denn eine erkennen möchte – muss, kann und soll jeder für sich selbst entdecken. Deshalb ist es viel wichtiger, sich den aktuellen Weltklima-Report genauestens durchzulesen, als eine »Wegbeschreibung« des Komponisten – die dieser sowieso dadurch konterkariert, als er die Satztitel bewusst in falscher Reihenfolge angegeben hat - durch dessen Partitur zu studieren.

Wie wichtig ist es Ihnen – gerade bei Uraufführungen Ihrer Werke - in die Probenprozesse eingebunden zu sein und welche Rolle spielt das Augsburger Theater bisher in Ihrer Laufbahn?

Ich meine, der Austausch zwischen dem Komponisten, dem Dirigenten, den Musikern etc., und das gemeinsame Erarbeiten einer neuen Partitur, ist in der Regel für alle an einer Uraufführung beteiligten Personen wichtig und inspirierend, denn im Dialog, im Konsens oder aber auch im Dissens entsteht en detail genau das, was in einer Notenschrift nicht, oder nur ungenügend – abseits von Tonhöhen- und Rhythmusordnungen – notiert werden kann; das, was zwischen den Zeilen steht: das Eigentliche.

Natürlich muss ein Komponist auch eingreifen, wenn das Handwerkliche – und also Tonhöhen, Intonation etc. - nicht partituradäquat ist. Aber diesbezüglich ist mein Stück bei Domonkos Héja und den Augsburger Philharmonikern in den allerbesten Händen, und ich freue mich sehr auf eine spannende Erarbeitung dieser Partitur. Mit dem Augsburger Theater und seinem Sinfonieorchester verbindet mich eine nun schon seit 2010 anhaltende, äußerst kreative Zusammenarbeit, für die ich sehr dankbar bin. Neben den beiden Großprojekten – einem Orchestervorspiel zu Mahler´s IV. Sinfonie (2011), und dem oben erwähnten abendfüllenden »Dorian Gray«-Ballett (2012/13), hat seinerzeit Dirk Kaftan auch mein Klavierkonzert »The lonely monk´s refelctions...« in der MAN-Konzertreihe aufgeführt, und es ist über die Jahre hinweg eine sehr schöne, freundschaftliche, und über das rein Musikalische hinausgehende Beziehung mit, und zu einigen Orchestermusikern entstanden, die zu vielerlei kammermusikalischen Projekten, die mir sehr viel bedeuten, geführt hat, und die auch weiterhin gepflegt werden wird.

Wie schafft man es heute überhaupt, Auftragswerke »an Land zu ziehen«? Gibt es neben der anerkannten Qualität als Komponist eine Art taktisches »Geheimrezept«? (welche Relevanz hat ein breitgefächertes Netzwerk in die professionelle Musiklandschaft, welche Bedeutung haben Wettbewerbe und andere Auszeichnungen)

No comment!

Ein Dauerbrenner: Wie lassen sich Ihrer Meinung und Erfahrung nach die noch immer bestehenden Vorbehalte gegenüber Neuer Musik abbauen?

Das ist ein sehr komplexes Terrain, auf dem es Vieles zu bedenken und miteinander zu vereinen gilt:

- eine Unvoreingenommenheit und ein Entdeckerwille seitens des Publikums;

- eine wohlüberlegte Programmgestaltung, in der das Neue mit dem Gewohnten verzahnt wird, und sich – im besten Falle – gegenseitig kommentiert.

- eine gute, partiuradäquate und sinnlich wahrnehmbare Präsentation des Werkes

- ...und - last not least - eine gute Komposition (whatever that is), denn man darf nicht vergessen: die traditionelle Musik der Vergangenheit, die wir heute in den Konzertsälen genießen dürfen, stellen die Highlights der jeweiligen Epochen dar. Das Mittelmäßige und Schlechte hat die Zeit schon aussortiert. Das ist bei aktueller Musik naturgemäß nicht der Fall. Umso wichtiger: Unvoreingenommenheit, Entdeckerwille und kritisches Hören!!

Wie würden Sie selber Ihre Klangsprache in Worte übertragen? Auf welche »Schubladen« können Sie gerne verzichten?

Ich kann auf ALLE Schubladen verzichten, und gebe mir größte Mühe, dies auch zu tun, denn »Schubladen« sind Zwangsjacken für das Kreative. Das heißt nicht, dass ich versuche, alles schon einmal da Gewesene zu vermeiden. Im Gegenteil: das aus der Vergangenheit Gewachsene nehme ich bewusst mit auf, und versuche es in meine eigenen Klangvorstellungen zu transformieren und weiterzuentwickeln. Die eigene Klangsprache zu beschreiben ist schwer, denn ich schreibe ja Musik, weil dem, was ich sagen möchte, mit Worten nur ungenügend Ausdruck gegeben werden kann. Aber ich hoffe, dass Bezeichnungen wie »sinnlich« - »reflektierend« - »fordernd« - »intuitiv« - »vielschichtig« - »durchaus: mehrdeutig« (um nur einige zu nennen) zutreffen.

Was macht der Komponist Tobias PM Schneid, wenn er nicht komponiert?

Das Leben in seiner Vielfältigkeit erkunden……und …….Interviewfragen beantworten.

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